7.6. Vom Zeichencharakter zum Bildcharakter fiktionaler Texte
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Vergegenwärtigen wir uns die vierte These Dieter Merschs: Der Sprechvorgang geht in seinem Zeichencharakter auf und kann daher nie präsentes »Ereignis« sein.
Man muss keineswegs leugnen, dass der Text sich dem verständnissuchenden Leser als ein Komplex von Sprachzeichen anbietet. Und es ist vernünftig, diesen Sprachzeichen eine allgemein akzeptierte Bedeutung zuzuschreiben, die in wiederholten Durchgängen sinnfassenden Lesens als identisch ermittelt werden kann. Mit diesen Überlegungen befinden wir uns aber lediglich auf der Ingarden’schen Ebene zwei: der Schicht der Wort- und Satzsinne. Schon auf der folgenden Ebene der – von der Fantasie des Lesers geleisteten – »Objektivationen« bewegen wir uns auf einer von ästhetischen Wirkungen dominierten Komplexitätsstufe, die den Bereich vorgegebener Wort- und Satzbedeutungen verlässt und mit Hilfe der Eigenaktivität des Lesers neue Bedeutungen generiert:
Es kennzeichnet die Natur ästhetischer Wirkung, dass sie sich nicht an Bestehendem festmachen lässt. [..] Gerade dieser Eigentümlichkeit wird die ästhetische Wirkung beraubt, wenn man das durch sie Bedeutete im Blick auf die Bedeutungen, die man kennt, zu verrechnen beginnt; denn bedeutet sie das, was durch sie in die Welt kommt, so ist sie das mit dem vorhandenen Bestand der Welt Nicht-Identische.85
Dass eine Mannigfaltigkeit von Zeichenkomplexen durch ein Ensemble von »Erfassungsakten« aktualisiert wird, die nicht...
















