Theater der Zeit

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Auftritt

Staatsballett Berlin: Im Fegefeuer der Eitelkeiten

„Nurejew“ von Kirill Serebrennikov – Choreographie Yuri Possokhov, Inszenierung Kirill Serebrennikov, Musik von Ilya Demutsky

von Ralf Stabel

Assoziationen: Tanz Berlin Kirill Serebrennikov Staatsballett Berlin

In Russland verboten, in Berlin gabs Standing Ovations: „Nurejew“ in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov mit Choreographien von Yuri Possokhov und Musik von Ilya Demutsky am Staatsballett Berlin.
In Russland verboten, in Berlin gabs Standing Ovations: „Nurejew“ in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov mit Choreographien von Yuri Possokhov und Musik von Ilya Demutsky am Staatsballett Berlin.Foto: Carlos Quezada

Was bleibt vom Tanz, wenn der Vorhang fällt? Nichts. Nein, so ist es nicht! Der Eindruck und die Erinnerung der Aufführung leben in uns fort. Überdauern. Das ist beim Tanz nicht anders als bei jeder anderen Wahrnehmung von Ereignissen.

Das Wichtigste vorab: Intendant Christian Spuck hat ein Ballett eingekauft, bei dem ein Großteil des Staatsballetts auf der Bühne beschäftigt ist. Das ist grandios. Dass sich dieses Stück dem Leben und Werk von Rudolf Nurejew (1938-1993) – einem der wenigen männlichen Ballett-Stars überhaupt – widmet und damit das Tanzen zum Thema eines Tanzwerkes macht, ist ebenso großartig. Die Inszenierung stammt aus dem Jahr 2017. Regisseur ist Kirill Serebrennikov, die Choreografie schuf Yuri Possokhov und die Musik Ilya Demutsky.

Ausgangspunkt und roter Faden des Werkes von Kirill Serebrennikov, mit Choreographien von Yuri Possokhov und der Musik von Ilya Demutsky ist die ausgesprochen kluge Idee, das Leben und Wirken von Rudolf Nurejew anhand der Auktion des Nachlasses bei Christie’s im Jahr 1995 darzustellen. Was erzählt der Besitz eines Menschen über ihn? Der Auktionator (Schauspieler: Odin Lund Biron) wird damit zur Hauptfigur des Stückes. Diese Idee wird konsequent durchgeführt: „Wir machen mit der Auktion weiter, ob Sie es mögen oder nicht“, sagt Lund Biron ins Publikum. In den Auktionsszenen kann kaum getanzt werden, weil die Bühne mit den Gegenständen und den Bietern besetzt ist. Aber alles zu Ersteigernde ist Anlass, über Stationen dieses Künstler-Lebens zu berichten.

Nurejew wird Mitte März 1938 auf der Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn geboren. Die Eltern sind baschkirische Tartaren. Relativ spät, erst mit 17 Jahren, beginnt er eine Ausbildung zum Balletttänzer an der Waganowa-Schule in Leningrad, wo er im Ballett des Kirow-Theaters schnell zum Solisten avanciert. 1961 flieht er während eines Gastspiels des Ensembles in Paris. Von nun an beginnt eine schier unglaubliche internationale Karriere – von Publikum und Presse abgöttisch geliebt und gefeiert. Der Mann wird als Tänzer reich und berühmt. Er wird Ballett-Direktor an der Pariser Oper. Am 6. Januar 1993 stirbt er – nach einem ausschweifenden Leben – an den Folgen von AIDS.

Der erste Akt des zweiteiligen Abends zeigt Ausbildung und Flucht, eine Foto-Session bei Richard Avedon und die langjährige Partnerschaft mit dem Tänzer Erik Bruhn.

Nurejew (David Soares) kommt als Schüler in den Ballett-Saal, trägt im Gegensatz zu den anderen weiße anstatt schwarze Trikot-Hosen und erhält sofort eine hervorgehobene Rolle. Bereits hier bricht, gestisch und stimmlich gestaltet, sein legendärer Jähzorn durch. Nach einem Tanz zu Ehren der Sowjetunion, der die ideologische und ästhetische Enge zeigen soll, überwindet Nurejew dann tatsächlich auf der Bühne positionierte Absperr-Gitter. In der Foto-Szene wird nicht getanzt. Sie ist Anlass, die damals tatsächlich entstandenen Fotos zu projizieren, auf denen Nurejew am Ende nackt ist. Von Paparazzi verfolgt, flieht er in dieser Aufführung teils nackt, teils in einen Pelzmantel gehüllt über die Bühne. Im Finale vor der Pause tanzen Nurejew und Eric Bruhn (Martin ten Kortenaar) miteinander. Es scheint auch Konkurrenz in dieser Zweisamkeit zu herrschen. Eine Umarmung, ein Kuss besiegeln am Ende die Zuneigung.  

Der zweite Akt beginnt mit einem Pas de deux mit seiner Tanzpartnerin Dame Margot Fonteyn (Iana Salenko), der Nurejew überbordend viril als Partner zeigt, der mehr Macho zu sein scheint als Lover. Es folgt ein Defilee von Balletten, in denen Nurejew aufgetreten ist und die er inszeniert hat. David Soares hat als Nurejew hier die Rolle des permanent Unzufriedenen, teilweise Ausfälligen gestisch zu gestalten und sich permanenten, schnellen Umzügen auf der Bühne hinzugeben. Schließlich ist Nurejew, bereits geschwächt, als Sonnenkönig zu erleben und als Pierrot in einer Gruppe Oberkörper freier Tänzer im Tom-of-Finland-Stil. Am Ende steigt er in den Orchestergraben und dirigiert das „Reich der Schatten“ aus dem Ballett „La Bayadère“. Der Vorhang fällt. Schluss.

Das von der Premiere begeisterte Publikum in der Deutschen Oper Berlin bejubelte das Inszenierungsteam und die Tanzenden, insbesondere David Soares als Nurejew. Der wahre Rudolf Nurejew war ein glänzender Tanz-Star, den Millionen bewundert haben; wohl auch ein sympathischer Mensch, in den sich so viele verliebt haben. In Berlin hat „Nurejew“ bereits seine Fans gefunden. Alle Vorstellungen sollen ausverkauft sein.

Erschienen am 26.3.2026

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