Theater der Zeit

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Vorwort der Herausgeberin

von Irina Wolf

Erschienen in: Dialog 20: Machtspiele – Neue Theaterstücke aus Rumänien (03/2015)

Assoziationen: Dramatik

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„Am 13. September 1981, 10 Uhr, wurden wir telefonisch darüber unterrichtet, dass die Wand des Verwaltungskreiskomitees der Rumänischen Kommunistischen Partei in Botosani mit folgenden Worten beschriftet worden ist: „Wir wollen Gerechtigkeit und Freiheit“, lässt Gianina Carbunariu den Geheimdienstoffizier in ihrem Theaterstück Schrift in Großbuchstaben sagen.

Jedoch stammt dieser Satz nicht aus der Feder der Autorin. Es handelt sich um ein Fragment aus dem Archiv der berüchtigten Securitate, das als kennzeichnend für den Autoritätsmechanismus des Unterdrückungsapparates der letzten Jahre vor dem Fall der Ceausescu-Diktatur betrachtet werden kann. Das totalitäre Regime zerstörte die Seele des Volkes und manipulierte seine Herzen und Gewohnheiten. Wie der Zufall so will, ist zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen in Rumänien in vollem Gange. Nie zuvor wurden Machtverhältnisse so offensichtlich, Manipulation als willkürliche Einflussnahme der Machthaber so deutlich. „Die Themen meiner Werke entspringen der nicht weit zurückliegenden Vergangenheit, jedoch sind meine Produktionen immer in der Gegenwart verankert“, sagt Carbunariu über ihre Arbeitsweise.

 

Es ist kein Zufall, dass Gianina Carbunariu gleich mit zwei Texten vertreten ist, ist sie doch die derzeit im deutschsprachigen Raum bekannteste rumänische Dramatikerin und Regisseurin. Dennoch ist es das erste Mal, dass ihre Stücke in einem Buch abgedruckt werden. Man kann mit einigem Recht sagen, dass sie die treibende Kraft für die anderen in dieser Anthologie vorgestellten Autoren ist, nicht zuletzt als Mitbegründerin der Künstlervereinigung dramAcum (2002), einer unabhängigen Plattform für die Entwicklung und Produktion zeitgenössischen rumänischen Theaters. Während Carbunariu 2011 mit einer Dissertation zum Thema „Der Regisseur als Dramatiker“ promovierte, beendeten Catinca Draganescu und Eugen Jebeleanu soeben ihr Regiebeziehungsweise Schauspielstudium. Im selben Jahr schlossen die Schauspielerin Roxana Marian und die Journalistin Elise Wilk ihr Studium in Szenischem Schreiben an der Kunstuniversität Târgu Mures ab. Sie alle repräsentieren die interessantesten Konzepte rumänischer Theaterleute auf der Suche nach neuen Formen, Stilen und szenischen Umsetzungen.

 

Die Suche nach einem Titel für die Anthologie unter den Stücken erwies sich als vergeblich. So stellte sich die Frage, was die Dramatik dieses osteuropäischen Landes am meisten kennzeichnet. Ob als Dokumentartheater oder als Ergebnis von Improvisationstheater, alle hier vorgestellten Stücke haben etwas gemeinsam: Sie alle spiegeln Aspekte der Machtausübung in einer sich wandelnden Gesellschaft wider.

Bekannt für ihre Bemühungen um Vergangenheitsbewältigung, beschäftigt sich Gianina Carbunariu in Schrift in Großbuchstaben mit politischer Gewalt zur Zeit der kommunistischen Ceausescu-Diktatur. Die von Carbunariu am Theater Odeon in Bukarest inszenierte Fassung feierte im Juni 2014 am Staatsschauspiel Dresden ihre Deutschlandpremiere.

In Spargel behandelt Carbunariu auf ironische und sehr berührende Weise die Themen Toleranz, Integrations- und Migrationsproblematik und enthüllt Macht als Ausdruck gesellschaftlicher Ausgrenzungen.

Macht, Privilegien, Korruption sind die Begriffe, die dontcrybaby näher beschreiben. Der auf der Basis von Improvisationen entstandene Text ist eine tiefgründige Analyse der Schattenseiten der rumänischen Wirklichkeit. In dieser modernen Version des Rotkäppchen-Märchens verdeutlichen Catinca Draganescu und Eugen Jebeleanu die Auswirkungen der Missachtung von ethischen Werten.

Roxana Marian zeigt in Medea oder Über das eheliche Glück die Einsamkeit des modernen Menschen und die Zerbrechlichkeit von Beziehungen, die am Kommunikationsmangel – bedingt auch durch den starken Einfluss der Konsumgesellschaft – scheitern. Das als „dramatisches Gedicht“ gekennzeichnete Stück besticht vor allem durch eine ungewöhnliche Sprache und mitreißende Stimmung.

Elise Wilks Zimmer 701 vereint vier ungewöhnliche Geschichten von gewöhnlichen Menschen, die sich im selben Hotelzimmer an verschiedenen Abenden einfinden. So greift Whisky mit ein bisschen Eis, die längste der vier Szenen, auf humorvolle Weise zentrale Aspekte emotionaler Erpressung als Instrument der Macht auf und zeigt in sehr anschaulicher, wenn auch bewusst vereinfachter Form eine angstgeprägte Begegnung zwischen einer Angestellten und ihrer Arbeitgeberin.

Die hier präsentierten Theaterstücke liefern ein facettenreiches Bild der posttotalitären rumänischen Gesellschaft. Dennoch erhebt die getroffene Auswahl keinen Anspruch darauf, ein vollständiges Abbild der rumänischen Theaterszene zu sein.

 

Eine derartige Publikation bedeutet intensive Teamarbeit, und dafür möchte ich meinen Dank aussprechen. Zunächst danke ich den Autorinnen und Autoren für ihre inspirierenden Werke, unumgängliche Voraussetzung für die Entstehung des vorliegenden Bandes.

Die zündende Idee für eine Anthologie zeitgenössischer rumänischer Theaterstücke hatte Annemarie Türk, damalige Bereichsleiterin Kulturförderung und Sponsoring bei KulturKontakt Austria. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Mein besonderer Dank gilt Daria Hainz für die vorzügliche Übersetzung und die fortwährende, engagierte Unterstützung im Laufe der Arbeit. Die Diskussionen mit ihr haben mir geholfen, über zahlreiche schwierige Zeiten hinwegzukommen und viele Dinge in einem positiveren Licht zu sehen, als sie sich zunächst präsentierten.

Im Zuge der Übersetzung dieser fünf Theaterstücke tauchten einige Herausforderungen in Bezug auf die Eigenheiten der rumänischen Sprache, bzw. auf die Vermittlung des kulturellen und geschichtlichen Hintergrunds auf. In dontcrybaby von Catinca Draganescu und Eugen Jebeleanu werden Personen gezeichnet, die sich vermehrt der aktuellen rumänischen Umgangs- bzw. Milieusprache bedienen, die sprachliche Differenzierung in der Übersetzung notwendig macht. Gleichzeitig stellte das dramatische Gedicht in Prosaform, Medea von Roxana Marian, vor allem durch seine sprachliche Rhythmik eine Herausforderung für die Übersetzerin dar.

An dieser Stelle gilt mein herzlichster Dank Michael Schnut für die wertvolle Lektoratsarbeit der Stücke Medea, dontcrybaby und Zimmer 701.

Bei Jana Bochnicková möchte ich mich für die Hilfe bei der Klärung der Bildrechte bedanken, die ohne ihre vermittelnde Tätigkeit wohl nicht zustande gekommen wären. Schließlich möchte ich allen anderen, die mich bei der Erstellung dieser Anthologie auf unterschiedlichste Weise unterstützt haben und die hier ungenannt bleiben, für die erbrachte Hilfe danken.

 

Irina Wolf
Wien, im November 2014

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