Auftritt
Theater Waidspeicher: Der Opportunismus zieht groteske Fressen
„Der Drache“ von Jewgeni Schwarz – Regie und Bühne Frank Alexander Engel, Puppen und Objekte Nadine Wottke, Kostüme Ira Storch-Hausmann, Komposition und Sound Christian Claas
von Michael Helbing
Assoziationen: Thüringen Puppen-, Figuren- & Objekttheater Theaterkritiken Frank Alexander Engel Theater Waidspeicher

Ein deutscher Satz in kyrillischen Lettern: „Ich bin der Beste“ prangt auf dem T-Shirt-Rücken des notorischen Drachentöters Lanzelot. Das richtet sich gewiss an ein älteres ostdeutsches Publikum, das, in der DDR sozialisiert, nach mindestens sechs Jahren Russisch-Unterricht diese Sprache zwar selten zu beherrschen, deren Schrift aber doch zuverlässig zu entziffern verstand. Nach diesem Prinzip funktionierte seit den 1990ern ein beliebter Postkartenspruch: „Wer das lesen kann, ist kein dummer Wessi.“
Ist also der Erfurter Lanzelot, den Paul S. Kemner im Theater Waidspeicher als hohle Nuss spielt, die sich aufplustert und zum Retter der Nation aufschwingt: ein Ossi, der sich allem Russischen so nahe fühlt, obwohl er es nicht nur sprachlich gar nicht versteht? Das wäre anno 2026 immerhin eine spannende und streitbare Perspektive auf die Märchenkomödie „Der Drache“, die Jewgeni Schwarz 1943 für das während der Blockade durch die deutsche Wehrmacht nach Duschanbe evakuierte Leningrader Komödientheater schrieb.
Als satirische Parabel zielte das Stück zuvorderst auf die Bevölkerung im NS-Regime als Mitläufergesellschaft; jene im Stalinismus schien aber von Beginn an inkludiert, weshalb es, nach der Moskauer Uraufführung 1944, in der Sowjetunion 18 Jahre lang verboten war.
Des einzelnen großen Drachens als Diktator kann man sich, gegen alle Wahrscheinlichkeit, am Ende zwar doch entledigen, des kleinen Drachens in dir und mir aber eher nicht: Das war und ist seine überzeitliche Kernbotschaft. Putins Russland sowie ein zumindest nachsichtiger, wenn nicht gar wohlwollender Blick Ostdeutscher in relevanter Größe darauf wirkt wie ein Beleg dafür.
Doch darauf hat es die Inszenierung von Frank Alexander Engel – T-Shirt-Spruch hin oder her – nicht abgesehen. Der Regisseur kleidet sie uniformierend, und damit dem Ursprungsimpuls entsprechend, in klares Faschismus-Design: nur, dass eben ein stilisiertes D in Armbinden, Wimpeln und Fahnen ein Hakenkreuz ersetzt. Man hält historischen Abstand, indem man das Stück sehr konkret verortet und ihm seine Allgemeingültigkeit nimmt.
Was daraus also keinesfalls werden kann: ein mutiger oder frecher Wurf wider den Zeitgeist in Thüringens Hauptstadt. Was daraus auf jeden Fall wird: eine dichte, einfallsreiche und unterhaltsame Neunzig-Minuten-Fassung für ein munteres Puppen- und Figurentheater mit fünfköpfigem Ensemble, so ziemlich auf seiner Höhe – und mitunter darüber hinausgehend.
Sie beginnen Jewgeni Schwarz mit Bertolt Brecht: Verse aus dem Puntila-Matti-Prolog kündigen vor dem Vorhang, vor dem später auch Couplets vorgetragen werden, ein komisches Spiel in trister Zeit an. Dann schneit es. Projizierte Flocken fallen dicht über die mehrfach gewundene, sich nach oben schraubende Backsteinmauer-Kulisse, die sich wehrhaft gibt und doch davon erzählt, wie sich eine Stadt nahezu ausweglos verschanzt hat: in metaphorischer Kälte wohlig warm eingerichtet in dem, was Günter Grass mal eine kommode Diktatur nannte.
Die Leute hier wollen gar nicht gerettet, nicht befreit werden aus ihrer gemütlichen Enge. Sie sind allesamt, als Spieler, kahlköpfige und blutunterlaufene Zombies in Uniform: so gleichgeschaltet in Reih und Glied wie auch eine Vielzahl von Stabfiguren unterschiedlicher Größe, mit denen die Puppen- und Objektbauerin Nadine Wottke das große Personal des Schwarz’schen Textes geschickt einfängt.
Die zentrale Paarung, Lanzelot sowie die dem Drachen traditions- und routinemäßig zu opfernde Elsa, taucht doppelt auf: als Handpuppen (wie auch Elsas Vater Charlemagne) und lebensgroß, aus Fleisch und Blut. Paul S. Kemner und Hannah Elischer werden jedoch nicht zum Zentrum dieser Aufführung; sie bedienen achtbar comichaft ihre im Text bereits angelegten stereotypen Figuren, bleiben aber vergleichsweise blass dabei.
Tomas Mielentz als Bürgermeister und Heinrich Bennke als dessen Sohn sowie Sekretär des Drachen dürfen und können hingegen die grotesken Fressen des Opportunismus ziehen und bauernschlau die dummdreistesten Machtspiele aufführen. Dafür hat ihnen Wottke stabfigurenähnliche Masken wie Lätzchen erfunden: Die eigenen Köpfe wirken auf solchen verzwergenden Körpern riesig; das bläht sich auf und sackt in sich zusammen.
Sie sind die Kriegs- und Krisengewinnler nach des Drachen Tod, den sie zu negieren suchten. Und Karoline Vogel stattet eben diesen Drachen mit Machtmüdigkeit und tiefer Verunsicherung derart vielgestaltig aus – etwa als Spinnentier mit roten Krallen –, dass es eine erhellend düstere Freude ist.
Alles in allem aber bebildert das Puppentheater im Erfurter Waidspeicher dieses Stück – das sich seit Benno Bessons legendär gewordener Inszenierung 1965 am Deutschen Theater Berlin in den ostdeutschen Bühnenkanon einschrieb – mehr mit den Mitteln seines Genres, als es tatsächlich in dieses zu übersetzen. Anstatt derart einen womöglich faulen Zauber zu entfalten, der zu entlarven wäre, diktiert das Schauspiel die Szene. Dass man dabei den in eine Komödie gekleideten Horror und Terror einigermaßen kommod erscheinen lässt, mag indes an der vorrangigen Zielgruppe liegen. Drei Viertel des Publikums sind nun mal Kinder und Jugendliche.
Erschienen am 4.3.2026





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