Spurensuche an vier zurückgelassenen Orten
von Markus Joss
Erschienen in: Puppe50 – Fünf Jahrzehnte Puppenspielkunst an der HfS Ernst Busch Berlin (12/2023)
Assoziationen: Berlin

Rekonstruktion einer Rede über Orte, Schutt, Dinge und Freiheit zur Eröffnung der Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Bestehen des Studiengangs Zeitgenössische Puppenspielkunst – unterbrochen von lautem Knallen.
Es tritt auf: der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter, dem Anlass entsprechend gekleidet. Er schiebt einen Servierwagen, darauf getürmt:
Berge vergilbter Akten, einige Karteikarten, ein winziges Kästchen und eine Stecknadel.Nebst einem Konzertflügel, der noch vom vorherigen Programm stehen geblieben ist, sind zu sehen: im Raum verteilt, auf Kopfhöhe schwebend, fünf große, strahlend weiße Luftballons.
Der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter:
Wir haben alles erschöpfend aufgearbeitet. Ich werde hier jetzt lückenlos fünfzig Jahre Puppenspielkunst referieren.
Nach Gelächter und einer allgemeinen, herzlich gehaltenen Begrüßung –
Liebe Gäste, liebe … schön, dass Sie hierhergekommen sind … beginnt das Reden.
Die Puppe feiert am 08. /09. und 10.07.2022 ihr Jubiläum, so hieß es die vergangenen Wochen und Tage.
Der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter nimmt aus dem Kästchen einen winzig kleinen Stuhl und stellt ihn auf einen Stapel Akten.
Einen Jubilar, eine Jubilarin setzt man gemeinhin auf einen Stuhl, nähert sich ihr, oder ihm, richtet warme, dankende Worte an sie oder ihn.
Aber: Wer oder was kann für sich in Anspruch nehmen, diesen Studiengang
zu repräsentieren?
Der korrekte Zuruf an Sie, unsere Gäste, wäre gewesen: Bitte kommen Sie zu den Feierlichkeiten anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens des Studiengangs. Anlässlich des Bestehens, das ist sprachlich korrekt, aber unsexy. Stattdessen, sprachlich nicht ganz sauber, aber irgendwie verständlich: Der Studiengang feiert. – Der Studiengang selbst kann natürlich nicht feiern und wo ist er überhaupt?
Er deutet auf den winzig kleinen Stuhl, der immer noch leer ist.
Sie sehen, worauf ich hinauswill – die meisten unserer Gäste sind ja in dem Metier unterwegs. Es geht um die Fragen: Wer wird durch was repräsentiert? Wer spricht für wen? Wer soll sagen, dieser Studiengang ist so und so, und so geworden, weil. Das Thema ist virulent: Wer darf wessen Geschichte erzählen, wer hat die Erzählhoheit – und hier noch einmal verschärfend: Wo ist eigentlich das bejubelte Objekt? Dies die erste Leerstelle. Wer oder was ist der Jubilar? Oder die Jubilarin?
Der Jubilar oder die Jubilarin gewinnt seine oder ihre Kontur erst durch das Sprechen über ihn oder sie, und auch der Sprecher macht sich unweigerlich selbst zum Thema, es geht gar nicht anders – es ist ein zutiefst performativer Vorgang.
Wir könnten erzählen: die Geschichte des Studiengangs als Teil der Institution oder als Summe der Artefakte, die er hervorgebracht hat: also nicht nur all die Puppen, die hier entstanden sind, sondern auch die Akten, die schriftlichen Diplomarbeiten, die vernachlässigten Kühlschränke, die verworfenen Lehrpläne und die Makulatur gewordenen Kooperationsverträge.
Oder als Geschichte der sich wandelnden Lehrkonzepte und ihrer Spiegelung in einer sich verändernden politischen, sozialen und ökonomischen Welt. Wie sah die Kunst- und Kulturszene, wie der Arbeitsmarkt zur Zeit der Gründung aus – und wie heute?
Oder der Studiengang ist die Summe all seiner Absolvent:innen, seiner Dozent:innen und Mitarbeiter:innen, den aktiven wie den ehemaligen, seiner Kooperationspartner und Netzwerke, in die er eingebunden ist. Der Studiengang wäre hier als ein radikal immaterielles Gebilde zu beschreiben. Nichts in diesem Bild wäre statisch. Der Studiengang als fluides Gebilde. Aber was wäre der Kern?
Keine dieser Perspektiven soll hier zum Leitfaden werden. Vielmehr soll diese Rede nur einige persönliche Begegnungen mit Orten benennen, an denen der Studiengang einmal seinen Ort, seinen Sitz hatte. Einige kenne ich aus Akten oder sie sind mit Objekten und meiner eigenen Biografie verbunden.
Ich mache hier mal einen ersten Schnitt.
Um den Vortrag zu strukturieren, ziehe ich an passenden oder unpassenden Stellen eine Karte mit Definitionen der Puppenspielkunst.
Der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter nimmt eine Karteikarte vom Servierwagen und liest vor.
„Puppenspiel ist, wenn alles nicht funktioniert!“ Das ist ein Zitat von Hartmut Lorenz.
Es folgt die Begrüßung von Herrn Prof. Hartmut Lorenz, der unter den Gästen ist. Seinem Engagement und seiner Leidenschaft ist es zu verdanken, dass der Studiengang Anfang der 1970er Jahre als eigenständige Fachrichtung innerhalb der Hochschule für Schauspielkunst aufgebaut wurde. Im weiteren Verlauf der Rede lernen die Zuhörer den Geehrten auch in der Rolle des Bauleiters am ersten Standort im Bruno-Bürgel-Weg Nr. 71 kennen.
Aufmerksam Beobachtende konnten während der letzten Minuten Nebel aus den Ritzen des Bühnenbodens aufsteigen sehen. Auch ein Vierkantschlüssel senkte sich mehrmals aus dem Schnürboden, ohne dass danach gegriffen wurde.
Schließlich greift der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter doch nach dem Vierkantschlüssel und öffnet eine Bodenluke, aus der Nebel aufsteigt und sich nun sogar eine Leiter schiebt. Nichts passiert.
Es wird darauf hingewiesen, dass jetzt ein lebensgroßes Krokodil aus der Luke steigen würde. Aus den Tiefen der Unterbühne würde es Stapel von weiteren vergilbten Akten auf die Bühne wuchten. Es würde auch Objekte aus seinem Schlund herauswürgen, bliebe in der Folge, also während der fortdauernden Rede, im Hintergrund präsent, sozusagen lesbar als Bindeglied zu einem unter dem Bühnenboden zu vermutenden kellerartigen Archiv.
Nach dem Hinweis, dass der werte Kollege Prof. Florian Feisel von der Hochschule in Stuttgart quasi als Gastgeschenk an die Schwesterschule in Berlin geplant hatte, in dem Krokodilkostüm zu stecken, aber leider erkrankt sei und man sich das Krokodil nun vorstellen müsse, lenkt der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter den Blick auf eine Marionette, die sich aus dem Schnürboden herabsenkt. Es handelt sich um die älteste Puppe im Fundus. Sie ist genauso alt wie der Studiengang und hat in der Inszenierung „Die schöne Genoveva“ gute Dienste geleistet. Derweil steigt weiter Nebel aus dem Keller und umhüllt das abwesende, lebensgroße, würgende Krokodil.
Aus der Hand der Marionette, die sich mittlerweile auf den Flügel gesenkt hat, nimmt der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter ein Dokument.
Das Ministerium für Kultur schreibt im November 1971:
„Sehr geehrter Kollege Lorenz, ich lade Sie hiermit herzlich zur konstituierenden Sitzung der Studienplankommission Puppenspiel am Donnerstag, den 18. November ins Ministerium …“, usw. „Hochachtungsvoll ...“ usw.
1971! Das könnte man als Startpunkt für den Studiengang lesen. Im November 1971 findet ein reger Briefwechsel statt. Es geht um „Studienpläne“, um „einzureichende Unterlagen“, um „nachzureichende Unterlagen“ und um „praktische Fragen der künftigen Verwaltung“.
Bevor ein Ministerium zu einer konstituierenden Sitzung einlädt, haben natürlich schon viele Menschen vorgedacht, haben geplant, gesprochen und: Sie haben da schon mal was ausprobiert!
1971 wird die konstituierende Sitzung angesetzt. Aber es gibt an der Ernst Busch bereits Klassen, in denen Puppenspiel gelehrt wird. – Und so gibt es auch eine gewisse Unschärfe, die uns bei den Vorbereitungen zum Jubiläum begleitet hat. Wir befinden uns im Jahr 1971 und es gibt bereits Studierende. Irgendwie sind wir also schon älter als fünfzig Jahre?
Der Grund dafür ist, dass es in einer ersten Etappe das Studienangebot Puppenspiel als Teil der Fachrichtung Schauspiel gab. Pilotprojekt könnte man so etwas vermutlich nennen. Es ist einer Handvoll engagierter Studierender und einigen Dozierenden der Fachrichtung Schauspiel zu danken, dass aus ihrem Interesse „an der Puppe“ ein Pilotprojekt innerhalb der Busch wurde.
Der Nukleus, der dann zum Aufbau eines eigenständigen Studiengangs führte, war der zweite Schritt und letztlich ein Bekenntnis zu einer Differenz.
Die Initiatoren dieser Etappe waren davon überzeugt, dass nur ein spezifisches Angebot das Fundament für eine Professionalisierung des Berufes sein kann.
Der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter steht immer noch neben der Marionette. Direkt daneben: einer der fünf großen weißen Luftballons.
Wir sind jetzt im Bruno-Bürgel-Weg 71 in Schöneweide. Traumlage am Wasser. Ehemalige Bootsschuppen. Der Studiengang wird aufgebaut und im Oktober 1974 beginnt ein Projekt, das für das Selbstverständnis der Fachrichtung vermutlich ebenso von zentraler Bedeutung war wie der Standort dieses Hauses hier. Man will Sichtbarkeit inmitten der Stadt und tritt also mit einem konkreten Anliegen an die Verantwortlichen heran. Mit Verweis auf den internationalen Erfolg der erwähnten Inszenierung „Genoveva“, in der diese Puppe hier mitgespielt hat, wird die Einrichtung einer Studiobühne ins Auge gefasst. Dazu wird von der Fachrichtung ein Vorschlag erarbeitet, der u. a. vorsieht, dass „die Bühne nicht weniger als 30 und nicht mehr als 100 Plätze haben soll“. Weiter wird darauf hingewiesen, dass dafür „ein Zugang zu der bestehenden Toilette geschaffen werden muss“ und dass „die Spielstätte eine Mindestbelastung von 3000 Watt haben soll“. Das waren noch Zeiten, als man mit 3000 Watt auskam! Vorgeschlagener Standort schon damals: eine Liegenschaft in der Stadtmitte! – Das Vorhaben wird abschlägig beantwortet, man bleibt in Schöneweide.
Machen wir es halt selber! Und wenn schon keine Studiobühne, dann wenigstens einen großen Probenraum, dorthin laden wir dann Zuschauer ein und dann ist das auch so eine Art Studiobühne. Und so gibt es 1975 den Startschuss für ein Bauvorhaben. Aber erst muss etwas abgerissen werden. Und der damalige Rektor der Hochschule, Hans-Peter Minetti, weiß auch davon und bittet einen gewissen Generalmajor Elssner, einen Lkw W50 des Wachregiments zur Verfügung zu stellen, und verweist darauf, dass „das Auf- und Abladen des Bauschutts selbstverständlich von Studenten übernommen wird“. Im November des Jahres 76 stellen wir uns am Bruno-Bürgel-Weg einen solchen Lastwagen W50 mit einer maximalen – ich hab es recherchiert – Zuladung von 5,3 Tonnen vor. Ich hoffe, dass nicht die maximale Kapazität ausgenutzt wurde. Wer schon mal eine Tonne geschippt hat … Den Abriss übernehmen Studierende und es ist zu vermuten, dass auch Dozent:innen und der Studiengangsleiter involviert sind.
Aufgebaut wird jetzt mit Hilfe der Ausbildungsstätte des Tiefbaukombinats und im Oktober wird formvollendet um „die Anlieferung von 20qm Fertigbeton der Güteklasse 60“ gebeten und im März geht es dann noch mal um „HPL Platten von 5cm Stärke ...“
Diese ganze Kommunikation hat der Bauleiter Lorenz geführt, und das Bauvorhaben heißt „Probebühne Bruno-Bürgel-Weg“. Der Bau schreitet voran, es gibt ein Richtfest und alles nimmt ein gutes Ende.
Aber auch Widerständiges:
Der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter greift nach weiteren Dokumenten.
Noch ein Fundstück aus dem Archiv. – Die Zahlen müssen Sie sich nicht alle merken, aber es geht hier um den Spirit. Es ist schon interessant, was beim Aufbau eines Studiengangs in den 1970er Jahren so alles über den Schreibtisch des Studiengangsleiters geht.
Im März 75 wird die kommunale Wohnungsverwaltung Treptow „noch einmal darum gebeten [...] den Wiedereinbau eines WC freizugeben“. Ein WC, über das wir erfahren, dass es bis 1973 in Betrieb war, dann aber „wegen Einfrierens und wegen allgemeiner Vernachlässigung geschlossen werden musste“. Verwirrend ist, dass im März 1977 der Leiter der Fachrichtung Puppenspiel, Herr Prof. Hartmut Lorenz, eine Kollegin Freitag aus der kommunalen Wohnverwaltung Treptow darauf hinweisen muss, dass das eine WC der Fachrichtung nicht genügt. Es ist „überlastet“.
Das Schöne und Faszinierende ist: Gleichzeitig gibt es Korrespondenzen mit Kolleg:innen anderer Hochschulen über Lehrinhalte und Ausbildungsziele, über Fragen der Ästhetik und wie die Puppenspielkunst weiter befördert werden kann. – So ein Studiengang ist ein komplexes Geschäft.
Der Luftballon am Standort Bruno-Bürgel-Weg wird zum Platzen gebracht.
Jetzt sind wir im Jahr 1992 und das Mietverhältnis am Bruno-Bürgel-Weg wird aufgelöst. Die Übernahme der Gebäude in der Hauptstraße an der Rummelsburger Bucht erfolgt im September 1992. – Traumlage am Wasser, schon wieder.
Der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter geht am Krokodil vorbei zu einem zweiten Luftballon direkt in der Traumlage an der Rummelsburger Bucht. Verweilt kurz.
Mit dem Hinweis, er werde zurückkehren, pünktlich zum Auszug 2001 und zum Abriss der Gebäude, geht er zu einem dritten Luftballon.
Hier stehe ich in der Schnellerstr. 138, dem wohl merkwürdigsten Ort in der Geschichte des Studiengangs, nicht zu verwechseln mit der Schnellerstraße 104, dem früheren Standort der Schauspielabteilung und Hauptsitz der Busch.
Die 138 ist die ehemalige Elektro-Akustisches Laboratorium KG, eingezwängt zwischen Heizkraftwerk und der ehemaligen Bierbrauerei Bärenquelle.
Die Schnellerstr. 138. Das ist: Traumlage am Wasser, schon wieder. Und: in direkter Nachbarschaft zu einem Baumarkt. Also doppelte Traumlage.
Für einen Moment sieht es so aus, als könnte hier ein Domizil für den Studiengang entstehen. Aber gegen Ende der 1990er Jahre ist schon absehbar, dass die Traumlage – dort drüben – an der Rummelsburger Bucht nicht gehalten werden kann. Also sucht man nach einer Alternative.
Und hier beginnt meine erste wichtige Begegnung mit dem Jubilar, oder der Jubilarin. Wir schreiben das Jahr 1999. Ich bekomme einen Schlüssel, einen Raum, eher eine Halle, und kann mich mit meiner Werkstatt einrichten. Über Wochen schweiße ich Schrottobjekte zusammen als Ausstattung für eine Studioinszenierung der Puppenspielstudierenden. Eigentlich studiere ich Regie, aber weil das Schweißen nicht als Studienleistung anerkannt wird, muss ich mich beurlauben lassen.
Am Beginn meiner persönlichen Beziehung zum Jubilar steht ein Ort, der Freiheit und Inspiration bietet. Er ist verknüpft mit einer Studioinszenierung, die ich mit Studierenden des 3. Studienjahres realisiere. Dass dies überhaupt möglich ist, verdanke ich Frau Prof. Konstanza Kavrakova-Lorenz, die damals den Studiengang leitet. Für das Vertrauen, das sie schenkte, und die Freiräume, mit all ihren Unsicherheiten, die sie zugelassen hat, bin ich ihr bis heute dankbar.
Der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter lässt die doppelte Traumlage an der Spree mit einem lauten Knall platzen. Und geht zurück zur Rummelsburger Bucht.
Jetzt also die Hauptstraße. In meiner Erinnerung eine Anhäufung von Baracken, traumhaft an der Rummelsburger Bucht gelegen. Ich bleibe bei meiner Erinnerung, bei meiner Erzählung und Sie ahnen, was die Idee dieser lückenhaften Reise durch die Standorte des Studiengangs sein kann.
Gesammelt werden hier hochsubjektive Erinnerungen … und am Ende meiner Rede werde ich irgendetwas in der Art sagen, dass viele ihre ganz eigene Geschichte entlang von Orten und Objekten werden erzählen können. Und dazu lade ich Sie ein. Auch dazu ist dieses Fest da.
Meine Geschichte hat von Anfang an mit konkretem Material zu tun und ist sehr haptisch! So ist mir z. B. gleich aufgefallen, dass mein Vor-Vor-Vorgänger im Amt Fertigbeton einer geringen Güteklasse bestellt hat. Er wird mit dieser Art Beton irgendetwas ohne Stahlbewehrung gebaut haben. Ich vermute, es ging um einen Unterboden oder einen Estrich oder irgendetwas in der Art. Aus den Stapeln ungeordneter Dokumente purzeln uns Details entgegen. Hintereinander aufgereiht sind die Lücken das Interessante. Das Prinzip unserer Kunst, dem Material selbst seinen Raum zu lassen und die Verbindungen zu Objekten, Diskursen und der eigenen Biografie spekulativ zu füllen, ist das Leitprogramm dieses Ausflugs in die Vergangenheit.
Jetzt stehe ich wieder auf der Hauptstraße. Das meiste ist schon weg, was in den Baracken gelagert war, wurde schon weggeschmissen. Auch die Ausstattung der vorgenannten Studioinszenierung. Die Schrottobjekte – meine – wurden auf den Schrott gekippt, die meisten. Dabei wollte ich doch noch, man hätte daraus doch noch was bauen können, da war doch dieses eine Teil …
Der Luftballon in der Hauptstraße in Toplage an der Rummelsburger Bucht wird zum Platzen gebracht.
Was ich retten kann, sind zwei Stahlräder, die mal Teil eines Kohlenwagens waren. Ich werde sie später mit nach Dijon nehmen und dort in einer Inszenierung einsetzen.
Die Hauptstraße gibt es nicht mehr. Der Platz ist bebaut. Die Räder sind jetzt in Frankreich.
Der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter geht am Krokodil vorbei Richtung Lichtenberg und kommt bei einem besonders schönen und großen Luftballon an.
Hier ist die Parkaue 25, wo ab 2001 nach und nach das Terrain erweitert wird. Im ehemaligen Zentralhaus der Jungen Pioniere und in direkter Nachbarschaft zum Caroussel Theater, der heutigen Parkaue, Junges Staatstheater Berlin, wird Etage für Etage, Raum für Raum, Freiheit, viel Raum, viel Freiheit von Studierenden eingenommen. Die ehemalige Hausmeisterwohnung wird zur Terra incognita für die Dozenten und gehört ganz den Studierenden. Es gibt dort eine Küche, mehrere Zimmer, in denen auch mal jemand schläft, wenn anderswo alles zusammenbricht. Als Leiter der Abteilung muss man nicht alles wissen. Hauptsache, die Hütte steht am nächsten Tag noch.
Botin zwischen den Welten ist die Kollegin, die sich um die Sauberkeit kümmert. Sie weiß Schauriges zu berichten. Der Kühlschrank! Der wurde vor der großen Sommerpause nicht ausgeräumt. Schlimm sei das. Ganz schlimm. Von der Abteilungsleitung wird verfügt, dass trotz der farblichen und geruchlichen Veränderung die grundsätzliche Funktionsfähigkeit nicht in Frage zu stellen ist. Es gibt keinen Cent! Nein! Kein neuer Kühlschrank! – Und weil gerade ein Animationsfilmseminar ansteht, entscheiden sich Studierende, einen Film mit einer Next-Level-Herausforderungs-Dramaturgie zu drehen. Die Herausforderung ist das Putzen. Das Ergebnis: ein Film und ein Kühlschrank, dem seine Würde zurückgegeben wurde.
Selbstverwaltete Sonderzone, das ist die Parkaue in meiner Erinnerung. Vieles muss selbst gemacht werden, so geht es auch.
Dann das Versprechen. Und als dieses gefährdet ist: die Forderung. 2012 kunstvoll vorgetragen: Bitte, bitte nach Mitte! Die HfS will den lange geplanten Standort in Mitte, an dem sich endlich alle Studiengänge begegnen können. Und jetzt sind wir hier.
Der Luftballon in der Parkaue 25 wird zum Platzen gebracht. Das Krokodil erschrickt kurz und trollt sich von der Bühne.
Jetzt gibt es nur noch einen Luftballon.
2018 wird die Zinnowitzer Straße bezogen und ist auch wieder ein Versprechen: Der neue Standort soll die Studiengänge zusammenbringen. 2012 schon vorgetragen, ist das jetzt unsere Baustelle für die nächsten Jahre und Jahrzehnte.
Eine kleine Tour de Force einmal quer durch Berlin. Von der sogenannten Peripherie in die offizielle Mitte. Von Schutt und Baustellen zu neuen Baustellen, vom Luxus der Selbstverwirklichung mit kurzen Wegen zum Luxus beheizter Räume. Wir sind uns der Verantwortung bewusst und werden etwas daraus machen. Die Räume sind im Winter warm und es regnet nicht durchs Dach. Das ist nicht selbstverständlich und nicht ironisch gemeint. – Aber bevor der Duktus dieser Rede jetzt zu pastoral wird, ziehe ich noch einmal eine Karte: „Wenn viel auf der Bühne steht, Puppentheater vor sich geht.“ Das ist von Horst Hawemann.
Es senkt sich aus dem Schnürboden: ein monströs großer Stuhl, den der amtierende Abteilungs- und Studiengangsleiter erklettert.
Ich setze mich auf diesen Stuhl, nicht etwa, weil ich der Jubilar bin. Aber jemand muss für die Dauer dieser Rede den Studiengang repräsentieren. Und am Ende der Rede will sich der Jubilar oder die Jubilarin ja auch bedanken dürfen. Und in dieser Funktion möchte ich sagen: Danke an alle, die den Studiengang aufgebaut und seine Interessen leidenschaftlich vertreten haben.
Danke an alle Mitarbeiter:innen, die den Laden am Laufen halten und ihn täglich etwas besser machen, und vor allem: Danke an die Studierenden, die alles hinterfragen und damit dafür sorgen, dass dies alles in Bewegung bleibt.
Es folgt ein tosender Applaus für eben all jene.
Und mein besonderer Dank heute geht an Prof. Astrid Griesbach und an Prof. Hans-Jochen Menzel. Beide haben das Alter erreicht, in dem sie die Hochschule verlassen.
Liebe Astrid, lieber Jochen. Ihr habt diesen Studiengang über Jahre geprägt und Generationen von Studierenden eine bestimmte Haltung mit auf den Weg gegeben: Das Spiel ist das Wichtigste und alles darf darin in Frage gestellt und ausprobiert werden.
Sollte die Rede noch einmal wiederholt werden, wird empfohlen, dass an dieser Stelle das Krokodil zurückkommt und den scheidenden Kolleg:innen zwei immens große Blumensträuße überreicht.
Es folgt ein langer und herzlicher Applaus.
Was uns ausmacht, ist die Summe der Leistungen all derer, die hier gearbeitet haben. Was uns ausmacht, sind auch die Partner, mit denen wir zusammenarbeiten. Theater, Festivals und viele große und kleine Institutionen, die uns herausfordern und zum Teil seit vielen Jahren begleiten. Wir sind ein Netzwerk, das Personen, Orte und Objekte, aktuelle und zurückgelassene, umfasst. Was wir sind, sind wir erst durch dieses Netz.
Nun muss ich noch die Antwort auf meine eigene Frage geben, was uns denn recht eigentlich ausmacht?
Es ist der Glaube an die Puppe und ihre Magie. Der Glaube an die Fantasie des Zuschauers. Erst in Ihrem Blick wird die Puppe zur lebendigen Figur. Es ist der Glaube an das Spiel und an die Imagination.
Es verbeugt sich: das Krokodil.

















