Theater der Zeit

Auftritt

Theater Konstanz: Im Drogenrausch stirbt die Demokratie

„Kallocain“ von Karin Boye – Regie Swen Lasse Awe, Bühne und Kostüme Anna Bergemann, Musik Philipp Koelges

von Elisabeth Maier

Erschienen in: Theater der Zeit: Semantik des Schönen – Eine unterschätzte Kategorie (03/2024)

Assoziationen: Baden-Württemberg Theaterkritiken Swen Lasse Awe Theater Konstanz

Sarah Siri Lee König, Ioachim-Willhelm Zarculea, Ingo Biermann, Miguel Jachmann, Anna Eger, Ruby Ann Rawson in „Kallocain“ in der Regie von Swen Lasse Awe am Theater Konstanz. Foto Ilja Mess
Sarah Siri Lee König, Ioachim-Willhelm Zarculea, Ingo Biermann, Miguel Jachmann, Anna Eger, Ruby Ann Rawson in „Kallocain“ in der Regie von Swen Lasse Awe am Theater KonstanzFoto: Ilja Mess

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Der Wissenschaftler Leo Kall ist von seiner Idee besessen. Er hat ein Serum entwickelt, das die Menschen dazu bringt, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Die düstere Dystopie „Kallocain“ hat die schwedische Schriftstellerin Karin Boye 1940 geschrieben. Der 33-järige Regisseur Swen Lasse Awe entdeckt jetzt in seiner deutschsprachigen Erstaufführung am Theater Konstanz die Aktualität des Stoffs. Auch heute wieder fressen sich Rassismus und Gleichmacherei – Kampf gegen die Vielfalt, beziehungsweise die Unterdrückung der Individualität – in die Gesellschaften. Damals wie heute gilt es, um die Grundwerte der Demokratie zu kämpfen. Düster und grau ist der Polizeistaat, in dem die Figuren bei Boye um ihre Identität ringen. Wer seine Gefühle zeigt oder wer gar das System in Frage stellt, hat in der schrecklichen neuen Welt keinen Platz. Awe treibt die Schauspieler:innen in diesem Setting an eigene Grenzen. In diesen Extremen liegt die Stärke des jungen Regisseurs.

Als queere Dichterin hatte es Karin Boye in ihrer Zeit schwer. Im Jahr 1900 in Göteborg geboren, kam sie 1934 nach Deutschland, um sich einer psychoanalytischen Behandlung zu unterziehen. Damals entdeckte sie ihre Homosexualität, verließ ihren Ehemann, um mit einer Frau zu leben. Das war damals ein unendlich mutiger Schritt, der mit Zuchthaus bestraft werden konnte. Im Jahr 1941 beging die Künstlerin Suizid. Ihre Zerrissenheit, die auch ihr dichterisches Werk prägt, findet Regisseur Awe in den Figuren wieder. Boye hat sich hauptsächlich als Lyrikerin einen Namen gemacht. Mit ihrem Roman „Kallocain“ schrieb sie eine Dystopie, die als Kritik am Nationalsozialismus zu verstehen ist. Acht Jahre, bevor George Orwell mit „1984“ Weltruhm erlangte, kam Boyes dunkle Zukunftsvision auf den Markt.  

Ihre Hauptfigur ist ein Chemiker, der davon träumt, endlich zum Weltstaat zu gehören. Ingo Biermann schöpft das vielschichtige Potenzial dieses Untertanen aus. Der Schauspieler lässt den Forscher in einem großartigen Monolog über den Sinn und die Folgen seines Wahrheits-Serums nachdenken. Stark tariert er die Balance zwischen Überzeugung und Eitelkeit aus. Der freundliche Mensch in der biederen grünen Strickjacke ist ein Teufel. Zwar wägt Kall die Gefahren seiner Kreation ab. Doch die Gier, in dem nach ihm benannten Kallocain Weltruhm zu erlangen, siegt über seine ethischen Prinzipien. Die treibt ihm Anna Eger als gnadenloser Polizeichef Karrek vollends aus. In der Einheitsuniform, die Ausstatterin Anna Bergemann geschaffen hat, zelebriert sie Gleichschaltung bis zum Exzess.

Auch mit dem modularen Bühnenbild ist Bergemann ein Kunstgriff geglückt. Anfangs wirkt der Raum wie ein Auge. Die schwere Konstruktion zitiert architektonische Grundmuster, wie man sie in Diktaturen findet. Dann öffnen sich die runden Formen. Sie verwandeln sich in eine Schlucht, die immer mehr Menschen verschlingt. Mit kaltem Rauch schafft Awe eine Atmosphäre, die Angst und Unsicherheit spiegelt. Philipp Koelges‘ Bühnenmusik zerfällt in metallene Kaskaden. Der Klangraum zieht den Menschen buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. In diesem Überwachungsstaat werden die Menschen bespitzelt, abgehört und beobachtet.

Selbst der intime Raum der Familie wird gesprengt. Mit seiner Frau Linda lebt Kall in einer scheinbar heilen Welt. Doch die ist von begrenzter Dauer. Im Alter von acht Jahren werden ihnen die Kinder weggenommen. Sarah Siri Lee König reißt ihrem weiblichen Gegenpart das letzte bisschen Wärme aus dem Herzen. Klug zeigt die Schauspielerin, wie ein Mensch ganz eins wird mit dem System. Mit akkurat geschnittener Pagenfrisur und kerzengerader Haltung steht sie für eine Ordnung, aus der es kein Entrinnen gibt. Als Richter legt Ioachim-Willhelm Zarculea die Mechanismen des totalitären Staates offen.

Sehr ins Klischeehafte driftet die Regiearbeit ab, wenn Swen Lasse Awe die Opfer vor Augen führt. Ruby Ann Rawson porträtiert einen dieser gefallenen Menschen, der völlig aus der Spur gerät. Miguel Jachmann als Kontrollchef Rissen empfindet körperliche Lust, wenn er die Opfer des Systems geißeln darf. So zeigt er, wie eine Gesellschaft in Terror und Krieg abgleitet.

Dass Intendantin Karin Becker und ihre Dramaturgie am Theater Konstanz „Kallocain“ für die deutschen Bühnen entdeckt haben, ist gerade in dieser Zeit ein ganz großer Gewinn. Paul Berf ist eine Übersetzung geglückt, mit der die Zeitlosigkeit des Stoffs sehr schön zum Tragen kommt. Dass Karin Boye den Text im Angesicht des nationalsozialistischen Deutschlands im Jahr 1940 schrieb, macht die Produktion umso beklemmender. Auch heute wieder gewinnen jene Kräfte Oberwasser, die mit Populismus die Gleichmacherei vorantreiben. Wunderschön meißelt Swen Lasse Awe mit dem Konstanzer Ensemble die Biografien der Untertanen heraus, die Boyes Jahrhundertroman bevölkern.

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