Auftritt
Landestheater Tübingen: Kampf um die sterbende Demokratie
„Die Töchter der Orestie“ von Maxi Obexer (UA) – Regie Annika Schäfer, Bühne, Kostüme und Video Swantje Silber, Musik Jennifer Kornprobst
von Elisabeth Maier
Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Dossier: Uraufführungen Maxi Obexer Annika Schäfer Landestheater Tübingen (LTT)

Die Frauen der Geschichte, die der Blutrache zum Opfer fielen, sind ausgelöscht. Ihre Narrative gibt es nicht mehr. Träume von einer demokratischen Gesellschaft sind begraben. In Maxi Obexers „Die Töchter der Orestie“ lässt Athene, die Göttin der Weisheit und der Strategie, die Toten auferstehen. Ist damit die brüchige Demokratie doch zu retten? Die junge Regisseurin Annika Schäfer lässt die Antwort auf diese Frage in der Uraufführung am Landestheater Tübingen bewusst offen. Denn die liegt bei den Zuschauenden selbst.
Maxi Obexer ist eine der wichtigen Stimmen der neuen Dramatik und Literatur, die den Kanon aus weiblicher Sicht neu deuten. Dabei besticht auch das Auftragswerk der 55-jährigen Autorin und Dozentin für das Landestheater Tübingen nicht allein durch inhaltliche Tiefe, sondern gerade durch Selbstkritik und Humor. Dass nicht der Meilenstein, sondern „der Nierenstein“ männlich sei, ist nur eine der vergnüglichen Wendungen im Text. Dabei liegt ihr das Geschlechter-Bashing eigentlich fern.
Einen differenzierten Blick auf den Kampf der Geschlechter loten die Schauspielerinnen Jennifer Kornprobst als Kassandra, Robi Tissi Graf in der Rolle der Elektra und Emma Stratmann in einer der starken Diskurs-Passagen aus: „Denkt also nicht, dass es nur Männer sind, wir werden verzweifeln an Frauen, die uns feindseliger, bösartiger, hinterhältiger entgegentreten, als es Männer können“, sagt Kassandra. „Was uns bleibt – ist der Kampf gegen uns selbst. Und darin sind wir …“ – Iphigenie, genannt Iphi, unterbricht: „… wie in allem …“ – „… unschlagbar“.
Neugierig und mit klarer Haltung lassen sich die Tübinger Schauspielerinnen auf Obexers Text ein. In der „Orestie“ zeichnet der Dichter Aischylos den Übergang der auf Blutrache gegründeten Gesellschaft in den zivilisierten Rechtsstaat nach. Dass diese demokratischen Werte heute mehr denn je auf dem Spiel stehen, verhandelt Obexers Text aus weiblicher Sicht.
Annika Schäfer inszeniert das Auftragswerk so atemberaubend wie ein Computerspiel. In der ersten Szene ist die Bühne von drei Steingräbern geprägt. Darüber öffnet sich auf einer dreistrahligen Leinwand blauer Himmel. Als Sabine Weithöner in der Rolle der Athene durch die Zuschauerreihen schreitet und das Spiel eröffnet, brechen die Protagonistinnen aus den Gräbern aus. Mit den auferstandenen Toten verhandelt die Friedensgöttin die Geschichte neu. Weithöner ist nah an den Menschen dran, hinterfragt, klagt an.
Ausstatterin Swantje Silber geizt nicht mit griffigen, medial überdrehten Bildern. Das Mädchen Iphigenie, vom Vater Agamemnon geopfert, lässt Emma Stratmann ewig Kind sein. Im rosa Kleidchen wie aus der Comic-Welt arbeitet die Schauspielerin scharf heraus, was es bedeutet, schon in jungen Jahren die eigene Identität, die Stimme, zu verlieren. Ihre Mutter Klytaimnestra ist ebenfalls in ihrer Rolle gefangen. Susanne Weckerle ringt mit den Schwächen und Widersprüchen der Frau, die aus Rache ihren Mann und später die Seherin Kassandra tötete. Elektra, ihre andere Tochter, interpretiert Robi Tissi Graf cool und abgebrüht. Sie konfrontiert die Mutter mit deren Lebenslügen.
Annika Schäfer denkt Maxi Obexers Dramaturgie in Zeiten digitaler Theaterwelten weiter. Szenentitel werden über die Leinwand in stilisierter Verpixelung eingespielt. Da spielt Swantje Silber mit den Möglichkeiten der Videokunst. Dennoch bleibt das Digitale ein Stilmittel. Im Fokus der packenden Regiearbeit steht starkes Schauspielerinnentheater. Da punktet das Tübinger Frauenensemble mit Biss und Sprachwitz. Mit jeder neuen Szene finden die Verstummten ihre Geschichten und damit auch ihre Stimmen wieder. Obexers kluge, und dabei keineswegs verbissene Dialoge schmettern sich die Spielerinnen so rasant zu, wie in einem Computerspiel.
Schockierende Parallelen zieht Obexer zum Sturm rechtsradikaler Gewalttäter auf das amerikanische Capitol in Washington D.C. am 6. Januar 2021. Da hatte der damals abgewählte Präsident Trump seine Anhänger angestachelt, die gewählte Regierung und damit den demokratischen Staat zu stürzen. Das entsetzte Gesicht der Politikerin Nancy Pelosi, damals Präsidentin des Abgeordnetenhauses, in ihrem Büro jagt dem Publikum Schauer über den Rücken. Da rückt der Mythos nah an die Gegenwart. In den Filmbildern reflektiert Annika Schäfer die Ängste der Menschen, die erkennen, dass der sicher geglaubte Frieden alles andere als selbstverständlich ist.
Erschienen am 25.2.2026





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