Theater der Zeit

Auftritt

Theater Lüneburg: Erinnern muss wehtun

„Anfang – kein Ende“ von Juliane Hendes (UA) – Regie Juliane Hendes, Bühnen- und Kostümbild Barbara Bloch, Video Barbara Bloch, Juliane Hendes a. G.

von Jens Fischer

Assoziationen: Theaterkritiken Niedersachsen Dossier: Uraufführungen Dossier: Politische Konfliktzonen Juliane Hendes Theater Lüneburg

Juliane Hendes’ Rechercheprojekt „Anfang – kein Ende“ am Theater Lüneburg seziert lokale NS-Verstrickungen und zeigt, wie umkämpft Erinnerungskultur im Schatten von Holocaust, AfD und völkischen Siedlungen bleibt.
Juliane Hendes’ Rechercheprojekt „Anfang – kein Ende“ am Theater Lüneburg seziert lokale NS-Verstrickungen und zeigt, wie umkämpft Erinnerungskultur im Schatten von Holocaust, AfD und völkischen Siedlungen bleibt.Foto: Nicolai Stephan

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Gedenktheater außerhalb der Theater ist meist fixiert auf Jubiläen. Etwa den 8. Mai 2025, 80. Jahrestag des Endes der NS-Herrschaft. Betrübte Gesichter, niedergelegte Kränze, salbungsvolle Reden, Rituale der Betroffenheit. Das seien selbstgefällige Versicherungen der Deutschen als Erinnerungsweltmeister, als die Geläuterten, die Guten. Der Publizist Max Czollek kritisiert dergleiche Inszenierungen in seinem gleichnamigen Buch als „Erinnerungstheater“. Im Theater Lüneburg war der Gedenktag hingegen Ausgangspunkt fürs Rechercheprojekt „Anfang – kein Ende“, das jetzt seine Uraufführung feierte. Es galt, das Wissen um den Holocaust, um Schuld, Verantwortung und die Folgen für die Gegenwart vor Ort zu erforschen.

Lüneburg war eine NS-Hochburg, Gau-Hauptstadt, in der sich Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, suizidal einer Anklage wegen Menschheitsverbrechen bestialischen Ausmaßes entzog. Auf dem nahe gelegenen Timeloberg wurde bereits am 4. Mai 1945 die bedingungslose Teilkapitulation für Nordwestdeutschland, Dänemark und die Niederlande unterzeichnet. Worauf die Stadtbevölkerung auf dem Marktplatz mit finsterem Schweigen reagierte, wie Filmaufnahmen zeigen. Und vielleicht auch eher konsterniert war, dass in Lüneburg nur fünf Monate nach der Befreiung des 80 Kilometer entfernten KZ Bergen-Belsen bereits die ersten Todesstrafen gegen Wachpersonal und Leitung verhängt wurden. Ort der Gerichtsverhandlung war eine Turnhalle schräg gegenüber dem heutigen Theater. Das schmiegt sich an einen von Kriegsbomben relativ unbeschädigten Niedlichkeitshotspot für Touristen, der politisch rot-grün geprägt ist. Lüneburg hat sich seinem Erbe also nicht ergeben. Auch wenn im Umland die Zahl der Siedlungen völkischer Gruppen des deutschen Rechtsextremismus steigt.

Die Dramaturginnen Katja Meier und Maria Zamel trugen Wort-, Bild- und Videodokumente dieser widersprüchlichen Historie zusammen, die auf großformatige Papierrollen projiziert werden. Daraus entwickelt Juliane Hendes den Stücktext und inszeniert ihn als szenischen Essay ihrer Stellvertreterin (Hannah Rang). Diese interviewt auf der Bühne den Stadtarchivar (Leonardo Lukanow), eine Historikerin (Kolja Schumann) und Akteur:innen der Erinnerungskultur. Zeitzeug:innen der Aufarbeitung von NS-Verbrechen wie Axel Eggebrecht (Jan-Philip Walter Heinzel) kommen zu Wort und ein erfreulich breites Spektrum gesammelter Stimmen aus der Stadtgesellschaft wird vorgelesen, eingesprochen und nachgestellt. Wobei das Ensemble zwischen dezent ironischen Rollenspielen und dem rationalen Duktus eines performativen Diskurses wechselt. So entsteht kein Abend zum einfachen Abnicken. Sondern einer, der aufzeigt: „Erinnerung in Lüneburg ist ein Minenfeld.“ Was bereits die vorgestellten Meinungsäußerungen und Leser:innenbriefe beweisen, die einen Schlussstrich ziehen, verdrängen und vergessen wollen – einige aber auch unversöhnliche Erinnerungsarbeit einfordern, um Verstrickungen und Kontinuitäten aufzudecken. Dem kommt das Theater nach – beginnend bei der Rückkehr der braunen Garden in Justiz, Bildungssystem, Polizei und Politik. Berichtet wird exemplarisch vom Nazi-Bürgermeister Wilhelm Wetzel, der „an allen gegen die Juden gerichteten Maßnahmen wie Geschäftsschließungen, ,Arisierungen‘ und Festnahmen beteiligt war.“ Zurück aus der Kriegsgefangenschaft wurde er ehrenvoll empfangen und „zog schließlich 1956 als FDP-Ratsherr ins Lüneburger Rathaus ein.“

Angetippt werden überreichlich lokale Zankäpfel, wie der Friedenspfad Lüneburg. Besucher:innen von außerhalb können die Stichworte nutzen, daheim zu googeln, worum es dabei überhaupt geht. Meistens aber wird nachvollziehbar und hintergründig analysiert. Etwa wie schwierig es ist, den geschändeten jüdischen Friedhof als Gedenkstätte herzurichten. Oder die Auseinandersetzung, ob tote Soldaten zu ehren seien. Beispielsweise mit einem Denkmal für die 110. Wehrmachts-Infanteriedivision. Dazu heißt es: „Kriegsveteranen hatten die Setzung des Steins 1960 initiiert. Es gab zwar eine Erklärungstafel, aber die setzte das Leid der Opfer mit dem der Gefallenen gleich. Unglaublich, wenn man weiß: Allein im belarussischen Osaritschi haben diese Soldaten 1944 rund 50.000 Zivilisten in Todeslager deportiert. 9.000 von ihnen starben.“

Überzeugend, dass die Produktion selbst- und lüneburgkritisch daherkommt, auch spitze Bemerkungen eines „Antifaschisten“ gegen einen Sponsor dieses Theaterprojekts nicht verschweigt. Zum Finale aber entsagt die Regie dem Aufklärungsduktus zugunsten der Schockwirkung des Dokumentarischen. So soll die Entschiedenheit eines „Nie wieder!“ nicht zur Phrase verkommen, sondern in Tatkraft umgesetzt werden – etwa gegen AfD-Versuche, Erinnerungskultur nationalistisch umzudeuten und den beispiellosen Zivilisationsbruch des Holocaust zu relativieren.

Aufnahmen britischer Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen seien die Essenz, auf die wir alle immer wieder zurückkommen sollten, betont der Archivar. Also werden Sequenzen daraus vorgeführt in einer mit Unschärfen abgemilderten Fassung. Dazu ist der Bericht eines britischen Militärarztes über die KZ-Welt des Grauens zu hören. Danach wird es wohl in jeder Vorstellung sehr lange dauern, bis erste Zuschauer:innen zu klatschen beginnen – eben, weil man nicht für die grauenhaften Bilder oder die eigene Betroffenheit klatscht, sondern für diesen Beweis, wie fesselnd Dokumentartheater sein kann. Gerade wenn es das Publikum mit mehr Fragen entlässt, als es beim Platznehmen hatte.

Die Inszenierung triumphiert mit der Wucht emotionaler Momente und der Glaubwürdigkeit einer abwägenden Aufbereitung des Themas. Die Auseinandersetzung ist tatsächlich ein „Anfang – kein Ende“, das Gestern im Heute zu beleuchten. Das gelingt dem Stück eindrücklicher, als es den ebenso notwendig mahnenden Stelen, Stolpersteinen, Hinweistafeln und Jubiläumsreden möglich ist. Theater funktioniert hier als lebendiger Erinnerungsort: Ein Besuch dieser Inszenierung sollte möglichst viele Lüneburg-Stadtführungen ergänzen.

Erschienen am 26.2.2026

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