Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: IV. Werkstatt des DDR-Schauspiels, Leipzig 1984 (07/1984)
Die jungen Autoren, die als Gäste der IV. Werkstatt-Tage des DDR-Schauspiels neue dramatische Texte vorstellten, waren zwischen 19 und 45 Jahren alt, doch alle, und das war das Neue der diesjährigen Veranstaltung, waren mehr oder weniger Debütanten. Es war die erklärte Absicht, neue, dem Theater noch fernstehende Autoren vorzustellen, sie ins Gespräch und in den Kontakt mit den Theatern zu bringen; es war nicht die Absicht, damit bereits ausgereifte Spielplanvorschläge zu machen. So war unter den debütierenden Autoren nur ein (gelernter) Theatermann, der Regisseur Werner Buhss, der sich aber in letzter Zeit ausschließlich dem Schreiben verpflichtet hat und als Hörspielautor auch schon erfolgreich ist. Er stellte, und das war im Zusammenhang mit dem theatralischen Programm der Werkstatt interessant, eine dritte szenische Variante von Daniil Granins Roman »Das Gemälde« (unter dem Titel »Nina, Nina, tam kartina«) vor, die durch ihre eigenwillige; nur Motive des Romans nutzende Schreibweise und Sicht auf die Konfliktkonstellation berechtigtes Interesse fand.
Die anderen Autoren kamen aus den verschiedensten Berufen und gesellschaftlichen Bereichen. Der 19jährige Abiturient Tilman Gersch zum Beispiel ist gegenwärtig Bühnenarbeiter am Deutschen Theater, wo auch der schreibende Beleuchter Georg Seidel tätig ist; der 45jährige Chemiker Dr. Gerd Hornawsky ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Veterinärmedizinischen Prüfungsinstitut; es stellten sich ferner ein Metereologe, ein Lehrer, ein Pferdepfleger, ein Nachrichtenredakteur, ein Landwirt aus dem Thüringischen vor. Ihre Angebote waren vor allem da interessant, wo sie aus dem eigenen Erlebnisbereich schöpften, konkrete Wirklichkeit einbrachten, und sie taten das zum Teil auch originell, poetisch und theatralisch um eigene Lösungen bemüht.
So ist Klaus Rohleders »Fest« eine ebenso ungewöhnliche wie reizvolle Textvorlage, die »tragikomische Romanze für vier Schauspieler« versetzt ein Paar mittels Autopanne in eine existenzielle Krisensituation, die zur Bilanzierung bisherigen Lebens wie zukünftiger Ansprüche zwingt, bilder- und metaphernreich und in der suggestiven Einfachheit der Sprachbehandlung ein wenig an Alfred Matusche erinnernd. Daß der echte Erstling des schreibenden Landwirts dramaturgische Schwächen ganz selbstverständlich aufweist, konnte man fast vergessen. Ein Ehepaar in einer Krisensituation zeigt auch Christian Martin in seinem Stück »Abseits«, das in seiner Realistik und Drastik eher an einen Autor wie Kroetz erinnert. Der hauptsächlich an Fußball interessierte Mann hat das Gespür für die eigentlichen Sehnsüchte und Le bensansprüche seiner Frau nahezu verloren, ihr Wunsch nach einem Kind wird für ihn zur Gefahr materiellen Aufstiegs - eine brutale Vergewaltigung unter Alkoholeinfluß tötet das noch ungeborene Leben. Hier werden Probleme und Widersprüche im zwischenmenschlichen Bereich hart und kompromißlos angegangen, aber die Krise löst auch Nachdenken bei den Betroffenen aus, entläßt so auch den Zuhörer (Zuschauer) nicht ohne Hoffnung. Durch seine szenische Ballade »Hans und Marie«, in Schwerin uraufgeführt (siehe TdZ 6/84), hat Martin bereits auf sein dramatisches Talent aufmerksam gemacht.
Ein größeres Figurenensemble und damit auch einen größeren Wirklichkeitsausschnitt gestaltet Roland Kästner in seinem »Volksstück mit Gesang« »Der Pferdehändler«. Der junge Autor ist bereits mit Kinderhörspielen hervorgetreten und war Szenarist des DEFA-Films »Kaskade rückwärts«. Mit dem Pferdehändler und SERO-Aufkäufer Petzi, einem mit allen Wassern gewaschenen Kraftprotz, Säufer und Weiberhel den, ist ihm eine vitale Theaterfigur gelungen, die er in die Krise bringt und zu persönlichen und gesellschaftlichen Einsichten. Das könnte ein derbes, kräftiges Volksstück werden, nicht ohne Sensibilität und menschliche Zwischentöne - ein Theater müßte sich der Sache mit Liebe und Gespür für das Genre annehmen. Schmalbrüstiger nahm sich dagegen der Versuch von Burkhard Frenzel aus, in einer Groteske (»Oskars Haus«) vorzuführen, wie ein rüstiger Rentner mit Hilfe eines »Schalks« um den Erhalt seines Häuschens mit Garten in einem Neubaugebiet kämpft, wobei das Haus mit zunehmender Intensität des Kampfes immer rascher in sich zusammenfällt. Der Autor ist mit Kurzhörspielen bekannt geworden, hier bewältigt er die angestrebte Dimension (Groteske) dramaturgisch wie ästhetisch noch nicht, doch bleibt das thematische Angebot meines Erachtens interessant.
Die vorgestellten Versuche, antike Stoffe für die Gegenwart zu gewinnen, erfüllten die Erwartungen wohl kaum. Tilman Gerschs »Sisyphos«, vom damals 17jährigen Schüler für eine Schüler-Aufführung geschrieben, sichtet das überlieferte Material neu, konfrontiert die antiken Straftäter Sisyphos und Tantalos und den Mythos mit der Gegenwart, doch stehen beide Ebenen eher unvermittelt nebeneinander, ist auch Autorensprache noch wenig in Figurensprache aufgehoben. Hans-W. Merkels »Wege zu Antigone« schienen mir ein ambitionierter Irrweg, das emotionale Engagement für das moralische Anliegen der antiken Vorlage - ohnehin belastet durch berühmte Adaptoren von Hölderlin bis Brecht - blieb in wortreicher Ambivalenz stecken, wirkte teilweise sogar selbstparodistisch.
Das auch ästhetisch reifste Ergebnis stellte nach meinem Eindruck der älteste der angetretenen Autoren vor, Gerd Hornawsky mit »Ein Besuch für die Vergangenheit«. Geschildert wird die fiktive Begegnung der altgewordenen Verlobten Georg Büchners mit dem jungen Literaturwissenschaftler Karl Emil Franzos, der den literarischen Nachlaß Büchners (den »Aretino« vor allem!) für die Nachwelt retten möchte. Er trifft auf eine alte Frau, deren Isolation im Laufe der Begegnung aufbricht, die ihre Resignation und ihren Zorn auf die Nachwelt selbst infrage stellt und am Ende doch enttäuscht die ihr verbliebenen Blätter und damit ihre Erinnerungen verbrennt. Eine sehr sensible dramatische Studie, genau in der psychologischen Differenzierung, die insgesamt weniger an der möglichen Authentizität des Falles interessiert ist als am Durchspielen von Fragen nach der Wirkung und Nachwirkung von Literatur in der Gesellschaft, nach dem Lebenanspruch der Erben und ihrem Beteiligtsein an Geschichte. Durch den engagierten Einsatz der Dresdner Schauspieler Traute Richter und Sylvester Groth (eine Idealbesetzung) wurde die Lesung fast zur Uraufführung, die sicher nicht auf sich warten lassen wird. (Einige andere Lesungen wurden von Schauspielern der Leipziger Theater bestritten, was sich als Gewinn erwies, Texte anschaulicher machte, die Vorstellungskraft auf eine mögliche Realisierung orientierte.)
Zusätzlich war eine Lesung ins Programm aufgenommen worden, die sich auch besonderen Zuspruchs erfreute: Heiner Müller - moderiert von Hans-Peter Minetti - las seine Montage des »Fatzer«-Fragments (ein um 1920 begonnenes, trotz mehrfachen Anläufen bis 1932 nicht vollendetes, schließlich liegengelassenes »Debüt«-Stück des jungen Brecht), die Müller für eine Aufführung in Hamburg (Regie Karge/Langhoff) angefertigt hatte. »Vier oder fünf Soldaten beschließen, aus dem Krieg zu desertieren und verstecken sich in der Wohnung des einen in Mühlenheim. Sie warten auf die Revolution, aber die kommt nicht. Sie liquidieren sich gegenseitig« So wird die Fabel von Müller selbst beschrieben, und er beschreibt das Fragment zugleich als besten Brecht, höchsten Standard, was poetische Dichte und das Treffen des »Epochenpunkts« betrifft; daß hier die Berührungspunkte zwischen bei den Dichtern liegen , machte die Lesung am Rande deutlich. Aber wer wird den »Fatzen« aufführen?
Das Lese-Programm der diesjährigen Werkstatt-Tage förderte unter den gegebenen Prämissen durchaus einige Talente zu tage, doch war auch ein starkes Gefälle innerhalb des Angebots zu beobachten, was den Verdacht einer gewissen Beliebigkeit und Austauschbarkeit nahelegt. Mir scheint verständlich, daß einige Autoren, die bei den letzten Werkstatt-Tagen zu Wort kamen, die Lust verloren haben, lediglich eine Funktion als »Vorlesen« im Rahmen der Werkstatt zu erfüllen, ohne von den Theatern als echte Partner angenommen zu werden. Doch wäre kommenden Werkstatt-Tagen und dem Werkstatt-Gedanken überhaupt sicher mehr gedient, an ausgewählten Beispielen stärker Prozesse des Entstehens von Dramatik und ihre komplizierten Entwicklungsbedingungen im Spannungsfeld von Angebot und Anspruch aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen. Also: das Lese-Programm vom dekorativen Rahmen-Programm zu einem schöpferischen Schwerpunkt der Werkstatt zu machen.
Martin Linzer: Leseprogramm, S. 16-17.
















