Theater der Zeit

Fünf Fragen an Ingo Mewes

oder Die Busch wird grundlastfähig

von Ingo Mewes

Erschienen in: Puppe50 – Fünf Jahrzehnte Puppenspielkunst an der HfS Ernst Busch Berlin (12/2023)

NAWEA / WindTech 2022
NAWEA / WindTech 2022

Anzeige

Wer bist du?

Wie bei vielen Puppenspielern und Puppenspielerinnen und auch für Leute, die Puppen bauen, führte mich kein direkter und gerader Weg dorthin, wo ich jetzt bin. Nach einer Lehre im Magdeburger Schwermaschinenbau habe ich das Puppentheater für mich entdeckt. Die Möglichkeit, mich über eine Puppe beziehungsweise ein Material auszudrücken, öffneten mir neue Türen der Kommunikation. Folgerichtig strebte ich den Beruf des Puppenspielers an, was mich Ende der 1980er Jahre zum Studium an die Ernst Busch nach Berlin führte.

Irgendwann wurde mir dann klar, dass mich nicht nur das Spielen von Puppen interessiert, sondern auch deren Funktionalität und Bau. Da tat sich unfassbar viel Neuland auf, denn der Puppenbau vereint sehr viele und sehr unterschiedliche Handwerke, was mich bis heute sehr fasziniert. Das genreübergreifende Denken und Ausprobieren, das Kombinieren verschiedenster künstlerischer Ausdrucksformen und Handwerke wurde zu einer Obsession, der ich bis heute fröne.

Wie wird aus einem Spieler ein Puppenbauer und Erfinder?

In erster Linie braucht es eben diese Freude, sich Problemen und deren Lösung zu widmen. Solange man sich diesen täglichen Herausforderungen lustvoll stellt, finden sich auch immer wieder neue Ansätze und kreative Wege, um die Probleme zu lösen. Es ist ein bisschen wie beim Proben einer Szene. Man geht auf die Bühne, ohne genau zu wissen, wie man sich der Situation stellen wird. Und genau aus dieser immer wieder neu erfundenen spielerischen Situation entsteht der Funke, der Theater sehenswert macht. Diese Art von 
Improvisationstechnik des Theaters wende ich auch bei technischen Problemen an. Und da es mir als Puppenspieler und Puppenbauer leichtfällt, verschiedenste Gewerke miteinander zu kombinieren, finde ich mitunter neue, mich selbst verblüffende Zusammenhänge, Synergien und Chancen.

Stichwort: Chancen – was ist deine Idee?

Die Idee von AirWing ist die Erzeugung von Strom aus Höhenwinden mit einer neuen, von Marionetten inspirierten Technologie. Dabei ist die Grundidee der Airborne Wind Energy selbst noch recht neu, und es wird von vielen Institu­tionen weltweit an erfolgversprechenden Lösungsansätzen geforscht. Das Großartige an der Idee der Airborne Wind Energy ist die potentielle Grundlastfähigkeit, basierend auf den weltweit verfügbaren starken und konstanten Höhenwinden. Dies geht einher mit einem wesentlich geringeren Material­einsatz sowie einer geringeren Verspargelung der Landschaft und Gefährdung der Vögel im Vergleich zu konventionellen Windturbinen. Anders als die vielen Forschenden und Ingenieure in wissenschaftlichen Zusammenhängen blicke ich auf die bereits praktizierten Lösungsansätze aus der Perspektive eines Puppenspielers. Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass man die Steuerung von Kites zur Energiegewinnung wesentlich vereinfachen könnte. Die Idee von AirWing war geboren, einer sehr simplen und selbstregulierenden Steuerungstechnik für Energiekites – basierend auf der Führung von Marionetten.

Was ist dazu bisher geschehen?

Nach ersten vielversprechenden Prototypen meiner Lenktechnik habe ich AirWing auf verschiedenen internationalen Fachkonferenzen für Windenergietechnologie vorgestellt: auf der WESC 2021 in Hannover, der AWEC 2021 in Milano und auf der NAWEA/WindTech 2022 in Newark, Delaware. Es war eine tolle Erfahrung für mich, trotz meines eindeutig künstlerischen Hintergrunds eingeladen zu werden, meine Ideen zu präsentieren, Netzwerke zu knüpfen und konstruktives Feedback zu erhalten.

Der nächste Schritt wäre die wissenschaftliche Evaluierung meiner Grundannahme, dass dieser Lösungsansatz den bereits etablierten Steuerungstechniken eines Windkites überlegen ist. Für eine solche ergebnisoffene Grundlagenforschung gibt es sowohl in Deutschland als auch in Europa verschiedene Fördermöglichkeiten, die aber leider nicht für einen Puppenspieler oder eine Hochschule für Schauspielkunst in Frage kommen. Daher liegt das Projekt derzeit auf Eis, da ich es als Privatperson nicht fortführen kann.

Was muss oder müsste jetzt passieren?

Wie bei vielen wichtigen Themen handelt es sich aus meiner Sicht nicht in erster Linie um ein technisches, sondern um ein kommunikatives und zutiefst politisches Thema. Vielleicht ist das genau der Ansatz, bei dem wir als Theater­schaffende Lösungskompetenz einbringen können.

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige