Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Theater ist kein Wettrennen – Barbara Frey am Schauspielhaus Zürich (01/2018)

„Theater ist kein Wettrennen“, sagt Barbara Frey. Die Intendantin des Schauspielhauses Zürich plädiert für Treue und Beständigkeit im Theater. Im Gespräch mit ihrem Chefdramaturgen Andreas Karlaganis und Barbara Villiger Heilig erzählt sie zudem, wie sie 2009 ihre Rückkehr aus Berlin in die Schweiz erlebte – und fragt sich, woher die spezifische Kälte von Zürich kommt. Der Blick über den See auf das Alpenpanorama stelle bei mancher Befremdung aber auch eine Inspiration dar, so Frey. Das Theater in der Schweiz beschäftigt uns in der ersten Ausgabe des Jahres 2018. Neben dem Schauspielhaus blicken wir dabei auf das Theater Neumarkt in Zürich, das in der Intendanz von Ralf Fiedler und Peter Kastenmüller immer wieder für Aufsehen sorgt – etwa mit der performativen Verfluchung des Rechtspopulisten Roger Köppel, einer Aktion des Zentrums für Politische Schönheit unter dem Titel „Schweiz entköppeln!“. Was sich seither am Neumarkt getan hat und wie das Theater immer wieder neu auf politische Veränderungen reagiert, berichtet Maximilian Pahl. In Basel hat Andreas Beck das Theater zu neuen Höhen geführt. Nun hat er seinen Abschied angekündigt, ab 2019 wird er die Leitung des Münchner Residenztheaters innehaben. Das Basler Publikum wird den Theaterzauberer Beck vermissen, weiß Dominique Spirgi. Und auch Carena Schlewitt von der Kaserne Basel wird die Stadt verlassen. Aus dem Stück Labor für neue Schweizer Dramatik kommen die zwei Texte im Stückabdruck, „Island“ von Gornaya und „Das Recht des Stärkeren“ von Dominik Busch. Während Gornaya über die Degeneration von Sprache schreibt, geht es bei Busch um die Verstrickungen eines Schweizer Konzerns in Kolumbien – mit blutigen Konsequenzen. Dass die Krisen an der Peripherie auch in die scheinbar prosperierenden und ruhigen Gegenden drängen, konnte man in Baden bei den Festivals Griechischer Herbst und Zukunft Europa sehen, von denen Elisabeth Feller berichtet. Theater in der Schweiz bedeutet eben auch Auseinandersetzung mit der Welt jenseits der vielleicht trügerischen Ruhe der Berge.

Frank Castorf ist seit dieser Spielzeit nicht mehr Intendant der Berliner Volksbühne. Am Berliner Ensemble hat er „Les Misérables“ nach Victor Hugo inszeniert. Mit Peter Laudenbach spricht er über Hugo, die Revolution in Kuba – und seinen Nachfolger Chris Dercon. „Jeder weiß, dass der Typ nackt ist“, sagt Castorf über die Fehlbesetzung der Leitung des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz, die ihn an des Kaisers neue Kleider erinnert. Thomas Irmer hat begutachtet, was nach zwei Jahren Vorbereitungszeit und vier Monaten Programm von Dercons Volksbühne zu halten ist. Was kommt nach Dercon?, fragt er in seinem Kommentar. Denn dass weder Dercon noch seine Programmdirektorin Piekenbrock, weder der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller noch der ehemalige Kulturstaatssekretär Tim Renner je den Weiterbetrieb der Volksbühne als Ensemble- und Repertoiretheater vorgesehen hatten, wird inzwischen sogar von den Beteiligten zugegeben, nachdem man es lange genug zu leugnen versucht hat. Unter Dercon könne man die „vollständige Auslöschung von historischem Bewusstsein im Theater“ sehen, so Irmer. Nur, wer will das sehen? Dass es auch Intendantenwechsel gibt, die weniger spektakulär, dafür aber umso reibungsloser verlaufen, weiß Gunnar Decker vom Staatstheater Braunschweig zu berichten. Dort wagt die aus Saarbrücken gekommene Dagmar Schlingmann einen Aufbruch ins Offene, der viel verspricht. Und am Theater Oberhausen will Florian Fiedler neue kollektive Strukturen etablieren. Die Erhöhung der Einstiegsgage und die Gleichbezahlung von Männern und Frauen sind dabei die ersten Schritte. Wer aber im Vorderhaus die Chefin ist und bleibt, schildert Ralph Hammerthaler in seiner Kolumne. Im Künstlerinsert porträtiert Tom Mustroph den Raumbildner Dominic Huber, der unter anderem für Rimini Protokoll Bühnenräume ganz eigener Art schafft – zwischen Lenkung von Besucherströmen und neuen Perspektiven für den Einzelnen.

Die Redaktion wünscht allen Leserinnen und Lesern nicht nur ein gutes neues Jahr, sondern wie immer eine gute Lektüre. Was sich im Jahr 2018 verändert: Das Einzelheft von Theater der Zeit kostet jetzt statt 8 Euro 8,50 Euro, der Preis für ein Abonnement erhöht sich auf 85 Euro. Dass Sie uns trotzdem gewogen bleiben, hofft:

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