Theater der Zeit

Rezension

Theater als Rückseite des Erzählens

Ein zweiter Blick auf Dorothee Elmigers Erfolgsbuch als Theaterroman

von Anna Schlote

Erschienen in: Theater der Zeit: Theater in der Ukraine (02/2026)

Assoziationen: Buchrezensionen

Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgezeichnet. Anhand der Expedition einer Theatergruppe in den tropischen Regenwald stellt er Fragen nach den Möglichkeiten des Erzählens. Was hat das mit Theater zu tun?

Die Protagonistin des Romans, eine namenlose Schriftstellerin, beginnt mit dem ersten ihrer drei Vorträge. Einen Stapel Papier in den Händen steht sie hinter dem Pult und spricht zum Publikum. Sie erzählt von ihrer Reise in den Regenwald Panamas, zu der sie ein bekannter Theatermacher eingeladen hat. Um Material für sein neues Stück zu generieren, will er den Fall von zwei jungen Frauen, den titelgebenden Holländerinnen, rekonstruieren, die Jahre zuvor in diesem Wald verschwunden sind. Die Schriftstellerin soll die Erlebnisse und Gespräche der Reisegruppe – darunter eine Produktionsassistentin, ein Dramaturg, eine Kostümbildnerin, ein Kamerateam und ein Mädchenchor aus den Niederlanden – protokollieren.

Der Theatermacher, ein großer Werner-Herzog-Fan, arbeitet dokumentarisch und partizipativ. Reisend macht er sich Welt und Mensch zum Material. Seine letzte skandalträchtige Produktion, Bohuslav Martinůs Oper „Die Griechische Passion“, besetzt mit Dorfbewohner:innen und Flüchtenden, erinnert an das Filmprojekt „Das neue Evangelium“ des Schweizer Theatermanns Milo Rau. Nach der „Griechischen Passion“ hat Elmigers Theatermacher nun eine „tropische Passion“ im Sinn. Es geht ihm um einen „hypnotischen Realismus“, um ein bis zur Auflösung entgrenztes Theater, das „am eigenen Leib“ erfahren wird. Die Theaterleute folgen den Spuren der Holländerinnen durch den Regenwald, versuchen, sich ihren Erlebnissen anzunähern, bis sie schließlich mit ihnen zu verschwimmen scheinen. Die Recherche wird zum Reenactment, die Reise selbst wird zum Theater, womöglich zum Lehrstück?

Der Weg führt durch ein wucherndes Dickicht von Eindrücken – ohrenbetäubender Lärm, rätselhafte Bilder, Hitze, Nässe, Taumel. Nicht nur die Naturgewalt des Dschungels, auch die Geschichten, die sich die Reisenden von New York City oder den eigenen Wohnzimmern erzählen, sind verstörend. Geschichten von Verirrten und Verwirrten, von Nachgeburten und Kindsmord, von einem weltlichen Horror.

Von all dem erzählt die Schriftstellerin in ihren Vorträgen. Und von all dem erzählt Elmiger. Indirekte Rede ist das Prinzip des Romans. Erzähltes wird wiedererzählt, Zitiertes rezitiert. Erzählen ist Erzählen vom Erzählen vom Erzählen. Neben dem Theaterbezug gibt es eine Fülle von Verweisen auf Literatur, Theorie, Film, Fotografie und Musik. Von Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ über Hanekes „Der siebente Kontinent“ zu Gedichten von Emily Dickinson, aber auch zu Büchern, die es gar nicht gibt. „Die Holländerinnen“ ist eine Reflexion über das notwendige Scheitern und den unbedingten Versuch, eine Erfahrung von Haltlosigkeit mittels Kunst zum Ausdruck zu bringen. Das Theater gibt den Anlass für diese Reflexion, aber seine Spezifik tritt in den Hintergrund.

Eine Art Poetik hätten die Vorträge ergeben sollen, doch ihr Schreiben ist in die Krise geraten – so die Schriftstellerin –, entzieht sich der Regel, verweigert jegliche Systematisierung. Bei einem Sturz auf der Reise hat sie sich das rechte Handgelenk verstaucht und fertigt ihre ohnehin notdürftigen Notizen dann mit der linken, der ungewohnten Hand an. Ihre Schrift wird unleserlich; jedes Wort, jeder Buchstabe gerät in den Blick. Es ist ein Schreiben, das nicht einfach von der Hand geht. Eines, das mit der Gewohnheit bricht, den Automatismus aushebelt, das sich selbst fremd wird. Ein Schreiben gegen den Strich.

Gerade die Notizen, die der Theatermacher für unbrauchbar hielt, macht die Schriftstellerin zum Gegenstand ihrer Vorträge. Sie bilden einen „zweiten“, „rückseitigen“ Text zum Theaterprojekt. Der Roman kehrt dieses Verhältnis um: Das Theater ist die Rückseite der Erzählung.

Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen
Hanser Verlag, München 2025, 160 Seiten, € 23 (Hier bestellen)

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Anzeige