Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Miser Felix Austria – Martin Kušej über seinen Start am Burgtheater (09/2019)
Come to Austria Country. Come to where the flavor is. Der Western ist, in seiner traditionellen Variante, das Reich der Alphamännchen. Ihr Revier ist der Wilde Westen, denn die Gesetze, die hier herrschen, gelten natürlich auf gar keinen Fall für sie. Mit gestählten Mustangs brettern sie durch die Straßen, im unerschütterlichen Glauben, sie hätten alles im Griff. Solche Alphamännchen gibt es viele. Reichlich übel wird es, stoßen sie in die Sphären der Politik vor. Dort sitzen sie dann, all die Trumps, Orbáns und Straches, und schwenken statt dicker Bohnen dicke Eier am Feuer. So gesehen, schreibt unsere Österreich-Korrespondentin Margarete Affenzeller, muss es wohl die Faszination am Grauen sein, dass Tausende Fans Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache trotz Ibiza-Skandal ihre weitere Unterstützung zusagen. Aber auch die ÖVP sitzt nach Bekanntwerden eines delikaten Videos, aufgenommen in einer Schredder-Firma, vor den vorzeitigen Neuwahlen am 29. September fest im Sattel.
In unserem Schwerpunkt Österreich vor der Wahl haben wir mit dem neuen Chef des Burgtheaters Martin Kušej über Theater als Opposition gesprochen. Er sei, sagt er im Gespräch mit Christoph Leibold, als Kärntner Slowene per se ein rotes Tuch für die FPÖ. Daher mache er sich für die Zeit nach der Wahl auf einen steifen Wind gefasst. Er werde kein Blatt vor den Mund nehmen. Aber die Erwartung, sozusagen Oppositionsarbeit zu leisten, sei ihm zu groß. Ob der Hauptsponsor des Burgtheaters, Casinos Austria, in einer Inszenierung verdeckt unter die Lupe genommen wird, bleibt demnach abzuwarten. Der Glücksspielkonzern stehe, wie Zeitungen (leider nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) Mitte August berichteten, in Zusammenhang mit Ermittlungen der Wiener Staatsanwaltschaft gegen Strache und Johann Gudenus. Angeblich sei, wie der Standard schreibt, der FPÖ-Politiker Peter Sidlo nur aufgrund von Mauscheleien der Partei in dessen Vorstand aufgerückt. Dass der abgehalfterte Cowboy Martin Wuttke in René Polleschs „Deponie Highfield“ am Akademietheater Wien ständig Lipizza und Ibiza verwechselt, wie Margarete Affenzeller berichtet, ist daher möglicherweise mehr als ein Gag. Sollte man also, zitiert Theresa Luise Gindlstrasser die Wiener Burschenschaft Hysteria, das Männerwahlrecht ganz abschaffen? Wahlanalysen würden jedenfalls zeigen, dass vor allem Männer rechte Parteien wählen.
Ein weiteres Herzstück der Septemberausgabe sind die Porträts dreier großartiger Regisseurinnen: Jakob Hayner beschreibt die textgenauen, spannungsreich schwebenden Inszenierungen von Anne Lenk, Gunnar Decker blickt auf die Ära der Dresdner Bürgerbühnen-Leiterin Miriam Tscholl zurück, und Renate Klett stellt die unverbrüchlich unkorrumpierten Arbeiten der israelischen Regisseurin Ofira Henig vor, die aufgrund ihrer politischen Stücke zunehmend Schwierigkeiten hat, in Israel zu inszenieren, dafür aber im September bei der Ruhrtriennale zu Gast sein wird.
Ähnlich wie diese präzise die conditio humana entschlüsselnden Theatermacherinnen treten die Gewinnerinnen des Goldenen Löwen bei der diesjährigen Venedig Biennale hervor. Auf Sand und unter künstlicher Sonne erschufen die drei Litauerinnen Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė in ihrer zeitkritischen Opernperformance „Sun & Sea (Marina)“, so Anja Nioduschewski, „ein vielgestaltiges und paradoxes Bild vom seelischen und sozialen Nirwana unserer kapitalistischen und konsumistischen Lebensweise und vom Raubbau des Anthropozäns an der Natur“.
Ob der Dramatiker Oliver Kluck als Naturkatastrophe oder Kulturkatastrophe wieder Einzug ins Theater hält, ist derweil noch nicht ganz klar. Fakt ist: Wir freuen uns sehr, mit „Baader Panik“ sein jüngstes Stück in diesem Heft veröffentlichen zu können. Erik Zielke hat mit Kluck gesprochen, der seine nächste Premiere gerne in Wien hätte. Der Gasthäuser wegen.
Verabschieden musste sich die österreichische Landeshauptstadt in diesem Jahr von Johann Kresnik, der noch im Juli mit seinem „Macbeth“ das dortige ImPulsTanz-Festival eröffnete. Klaus Pierwoß erinnert an den Ende Juli verstorbenen Unbestechlichen des politischen Tanztheaters. Schmerzlich fehlen wird auch die Schriftstellerin Gerlind Reinshagen, die dem Theater auf unprätentiöse Weise unvergessliche Stücke schenkte. Erst jüngst, schreibt Renate Klett in ihrem Nachruf, hatte sie sich nach zahlreichen Romanen wieder dem Theater zugewandt und wollte unbedingt etwas mit Chören machen.
Wie der Chor der vielen in Europa aussehen müsste, beschreibt Josef Bierbichler. In seiner Kolumne erinnert er an das Manifest von Ventotene, das statt eines Europas der Konzerne ein Europa der Völker postuliert. //
Die Redaktion
















