Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: ixypsilonzett: Genderdiskurse im Theater für junges Publikum (06/2015)

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Genderfragen im Kinder- und Jugendtheater zum Schwerpunkt einer XYZ-Ausgabe zu machen, lässt den Alltag fokussiert wahrnehmen: Der Titel „Weshalb Mädchen ihre Freunde schlagen“ in der Tagespresse, wo eine Studie zu Gewalterfahrungen Jugendlicher im Kanton Zürich 2014 von der ETH Zürich vorgestellt wird, weckt doppelte Aufmerksamkeit: „Interessant ist, dass Mädchen deutlich öfter als Täterinnen (bei physischer Gewalt wie Ohrfeigen, treten, beissen, stossen) in Erscheinung treten als Buben.“

Da die Leseeindrücke bezogen auf eine Stückfigur sehr unterschiedlich ausfallen, was die Geschlechtszuordnung betrifft, erscheinen Besetzungsentscheidungen zu „Die grüne Katze“ von Elise Wilk plötzlich noch in einem anderen Licht. Dass die 73-jährige Regisseurin und Drehbuchautorin Margarethe von Trotta Mitinitiatorin von „Pro Quote Regie“ ist, einem Verein, der sich der Diskrepanz zwischen dem prozentualen Anteil von Frauen in filmischen Ausbildungsgängen und dem in der Berufspraxis annimmt, wäre vorher wahrscheinlich gar nicht bis in meine Wahrnehmung vorgedrungen.

Genderaspekte tauchen also in verschiedensten Bereichen der Wirklichkeit auf. Immer sind sie eingebunden in Zusammenhänge. Sie betten sich ein in die Grundsatzfrage: Wer bin ich? Die Ich-Werdung ist ein Leben lang verbunden mit einer Vielfalt von Fragestellungen, in der die der Geschlechtsidentität nur eine ist, auch wenn sich deren Stellenwert in den Entwicklungsetappen des Menschen verändert.

Der Mensch ist nie nur Mann/Frau. Ob Figur, Charakter, Spieler, Akteur, Rolle, Performer – jede/r ist Mann/Frau UND Kind/Elternteil UND Freund/in UND in Ausbildung/in Berufspraxis sich Befindende/r UND Bürger/in eines Landes UND Angehörige/r einer Nationalität UND UND UND. Für das Entwickeln der eigenen Identität ist es von entscheidender Bedeutung, im konkreten gesellschaftlichen Kontext diese verschiedenen sozialen Rollen mit ihren tradierten und individuellen Erwartungen zu verbinden.

Will Theater mit gesellschaftlicher Wirklichkeit spielen, indem es Realitäten hinterfragt und andere als die bekannten Optionen erprobt, gehören also Fragen der geschlechtsspezifischen Rollenbilder und deren Verankerung im Alltag zwingend dazu.

Sowohl das Denken und Handeln der Theatermacherinnen und -macher als auch der Figuren auf der Bühne sollte durchdrungen sein von der Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen. Das betrifft Hierarchien, Musikauswahl, Spielweisen, Rezeption, Kostümentscheide, Körperlichkeiten etc. – kurz: das gesamte Ausdrucksarsenal des Theaters, sämtliche Gestaltungs- und Erzählebenen. Will man langfristig Spuren der Genderthematik in der Bewusstseinsbildung des nicht nur jungen Publikums hinterlassen, steht die Gesamtheit des Theaters auf dem Prüfstand.

Maja Bagat stellt in ihrem Beitrag die Seite des Publikums, dessen Erfahrungen und Erwartungen in den Mittelpunkt. Gesche Wartemann ist im Gespräch mit Studierenden der Universität Hildesheim über Rollenauffassungen und -darstellungen in Stückvorlagen und Performances bei Augenblick Mal! 2015. Camilla Schlie analysiert anhand des dramatischen Schaffens eines Autors den Aspekt der Gendersensibilität. Die inhaltliche und gestalterische Auseinandersetzung bezieht im besten Fall die Realität des Produzierens ein, wie Sara Ostertag in ihrem Beitrag aufzeigt. Erst die Vielfalt aller Beiträge zeigt das Spektrum auf, in dem wir uns bei dieser Thematik bewegen.

Petra Fischer

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