Theater der Zeit

Datenerhebung und Methodik

Erschienen in: Im Fokus: Freies Kinder- und Jugendtheater – Studien zur Situation 2017–2022 (04/2024)

Im folgenden Kapitel werden die Datenquellen, ihre Einordnung sowie selektive Datenschnitte der quantitativen Untersuchung vorgestellt. 

Seit Mitte 2022 wurden auf Grundlage der eingereichten Anträge für die Förderung NEUSTART KULTUR – Junges Publikum Daten von 274 Freien Kinder- und Jugendtheatern erhoben. Für die Studie wurden anonymisierte Jahresabschlüsse und Steuerbescheide aus den Jahren 2017–2019 sowie die Kosten- und Finanzierungspläne von 563 Förderprojekten im Programm herangezogen. Weiterhin wurden die zum Zeitpunkt der Auswertung vorliegenden Verwendungsnachweise einschließlich Sachberichte ausgewertet. So lagen zum Abschluss der Datenerhebung 122 geprüfte Verwendungsnachweise aus bereits abgeschlossenen Förderungen der ersten Förderrunde vor, weitere 27 Verwendungsnachweise wurden zum Zeitpunkt der Datenerhebung noch nicht durch die Nachweisprüfung freigegeben und waren daher nur eingeschränkt verwertbar. Von den Datensätzen der 274 antragstellenden Theater waren 8 nicht verwertbar, da die in der Antragstellung eingereichten Unterlagen keine aussagekräftigen Daten enthielten. 8 weitere einzelunternehmerisch oder als GbR geführte Theater willigten nicht in die Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten ein. Die quantitative Studie in diesem Sammelband beruht daher auf den Angaben der verbleibenden 258 Theater und den 541 einzelnen Anträgen, die diese Theater eingereicht haben. Allerdings enthalten nicht alle Datensätze Informationen zu allen abgefragten Datenpunkten1. Beispielsweise sind, aufgrund der unterschiedlichen Arten von eingereichten Unterlagen zu Jahresumsätzen, die Ausgabearten einzelner Theater detaillierter aufzuschlüsseln als bei anderen. Daher beruhen nicht alle Teilanalysen auf derselben Datengrundlage. In jeder Tabelle ist deshalb der N-Wert angegeben, der aussagt, auf wie viele konsistente Datensätze sich die jeweiligen Auswertungen stützen. Aus diesem Grund kann es im Verlauf der gesamten Studie vorkommen, dass in derselben Kategorie (beispielsweise „Anteil von X am Gesamtumsatz“) in verschiedenen Tabellen innerhalb der Studie (die jeweils andere Datenkategorien miteinander in Verbindung setzen) unterschiedliche Ergebnisse aufgeführt sind, da sie auf unterschiedliche N-Werte zurückzuführen sind. Wenn innerhalb einer Gruppe nicht genügend konsistente Datensätze vorliegen, um daraus eine Aussage abzuleiten (beispielsweise, wenn N = 1), sind die Daten der Vollständigkeit halber zwar in der Tabelle aufgeführt, wurden aber durch graue Schriftfarbe optisch abgeschwächt.

Datenquellen der quantitativen Untersuchung im Detail

Aus der Antragstellung zum Förderprogramm NEUSTART KULTUR – Junges Publikum lagen 424 einzelne verwertbare Dokumente zum Nachweis der formellen Förderfähigkeit der antragstellenden Theater vor. Im Einzelnen handelt es sich dabei um 93 Einkommensteuerbescheide, 98 Einnahmenüberschussrechnungen, 108 Jahresabschlüsse und 125 Gewinnermittlungen. Diese Dokumente ermöglichen Rückschlüsse auf die Einnahmen- und Ausgabenstruktur der Theater und, je nach Art der Unterlagen, unterschiedlich tiefe Einblicke in die betrieblichen Strukturen. Aus den detailliertesten Dokumentationen konnten bspw. Anteile der Personal- und Sachkosten am Gesamtbudget oder Anteile der unterschiedlichen Einnahmearten am Etat ermittelt werden. Für jedes Theater wurden diese Informationen kategorisiert und in bis zu 93 Datenpunkte je Theater eingeordnet.
Aus den ursprünglich 563 eingereichten Förderanträgen wurden je Theater weitere 75 Datenpunkttypen extrahiert. Bei diesen handelt es sich überwiegend um Informationen darüber, wie sich innerhalb der geförderten Projekte Ausgaben auf die geplanten personellen Positionen beziehungsweise Tätigkeiten verteilen. Hieraus konnten zum Beispiel Rückschlüsse auf Anzahl und Art der Mitarbeiter*innenverhältnisse je Inszenierung gezogen werden. Zuletzt wurden bei der Auswertung der eingereichten Verwendungsnachweise (zusätzlich zum Abgleich der geplanten mit den tatsächlich verwendeten Mitteln) Daten zu Art, Umfang und Umsetzungsformen der geförderten Vorhaben ausgewertet, sodass hieraus zusätzlich jeweils 142 Datenpunkte gewonnen werden konnten.

Zusammengenommen liegen somit in 310 erhobenen Datenkategorien 26 727 Datenpunkte vor (8 508 aus den eingereichten Geschäftsunterlagen, 11 480 aus Kosten- und Finanzierungsplänen und 6 739 aus Verwendungsnachweisen), die im Pivotverfahren2 gruppiert wurden und so die Grundlage der quantitativen Untersuchung bilden.

Zusätzlich wurden die mit Antragstellung eingereichten Programmhefte, Gastspielpläne und, soweit vorhanden, namentlich genannte Spielstätten aus Abrechnungen und Sachberichten in den Verwendungsnachweisen ausgewertet. Darüber ließen sich aus der Zeit zwischen 2017 und 2019 insgesamt 4 674 Spielorte, sowie 1 507 Spielstätten zwischen 2021 und 2022 identifizieren, an denen die antragstellenden Theater mit Gastspielen aufgetreten sind. Um einen umfassenden Schutz der individuellen Daten zu gewährleisten und der Ableitung von Bewegungsprofilen vorzubeugen, wurde den Orten vor weiterer Verarbeitung die jeweils entsprechende Postleitzahl zugeordnet. In den darauffolgenden Analysen zur Reisetätigkeit der Tourneetheater wurde dann lediglich mit der geografischen Mitte des jeweiligen Postleitzahlgebietes gearbeitet. Zur Einordnung und Auswertung wurden des Weiteren sozialräumliche Kennzahlen aus dem Bestand des Bundesinstituts für Bau-, Stadt und Raumforschung über das INKAR-Portal integriert. Die Einordnung der Spielstätten und Standorte nach den Kategorien städtischer Raum und ländlicher Raum erfolgte auf Grundlage der regionalstatistischen Raumtypologie (RegioStaR) des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr.

Aufgrund der Art und des Ursprungs der erhobenen Daten muss daher noch einmal nachdrücklich und grundsätzlich betont werden, dass die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus der Untersuchung nur Teilaspekte der Arbeitsrealität der Theater abbilden können: Unbeleuchtet bleiben im Zuge der hier diskutierten Erhebungen beispielsweise viele Fragen aus dem Gebiet der Besucher*innenforschung sowie soziale und biografische Aspekte, die jedoch in der zweiten Studie in diesem Band untersucht werden.

In den Tabellen und Abbildungen dieser Publikation bildet die Unterscheidung nach Betriebsform das am häufigsten angewandte Differenzierungskriterium. Dieses wurde gewählt, da die Betriebsform die organisatorischen Rahmenbedingungen eines Theaters widerspiegelt: So bedingt beispielsweise ein Verein einen Vorstand und damit eine gänzlich andere Einbindung von Menschen und Kommunikationsprozessen, als es bei dem Gewerbebetrieb eines*r Einzelunternehmer*in der Fall ist.


1 Ein einzelner Datenpunkt ist eine einzelne bestimmte Information innerhalb einer Sammlung von Daten. Datenpunkte können beliebige Inhaltstypen umfassen: Beispielsweise ist der Inhalt der Erklärung eines Begriffs als Text in einem Wörterbuch ein Datenpunkt, oder eine bestimmte Jahreszahl in der Aufzählung der Meisterschaftssiege einer Sportmannschaft. Über eine oder mehrere Dimensionen geordnet, entstehen aus Sammlungen von Datenpunkten Tabellen und mehrdimensionale Koordinatensysteme.

2 Das Pivotverfahren unterscheidet sich vom Ordnungssystem von Datenpunkten in Tabellen mit fest definierten Dimensionen dahingehend, dass die einzelnen Datenpunkte als Gruppen mit einem gemeinsamen Merkmal linear hintereinander angeordnet sind.
Das heißt, wenn in einer Tabelle mit Obstsorten in der x-Achse der Name eines Obstes (z.B. „Äpfel“ oder „Kirschen“) und in der y-Achse verschiedene Merkmale von Obst stehen (z.B. „durchschnittliches Gewicht“ oder „Farbe“), dann kann diese Tabelle in der entsprechenden Zelle Aufschluss darüber geben, dass Äpfel typischerweise 182 g wiegen, aber keine andersartigen Fragestellungen beantworten. In einer Pivottabelle sind die Datenpunkte zu zusammengehörigen Datengruppen zusammengefasst, die hintereinander aufgezählt werden. Mehrere Tabellen mit den Merkmalen von Obstsorten werden bei der sogenannten Pivotierung zu einer Aufzählung von Obstsorten und ihrer Merkmale: Datengruppe 1: „Apfel“, „182 g“, „rot“; Datengruppe 2: „Kirsche“, „20 g“, „rot“, usw. Durch dieses Verfahren wird die variable Ordnung der beiden Dimensionen in einer Tabelle ermöglicht: Wenn man also beispielsweise (abweichend vom Informationsgehalt der ersten Beispieltabelle) wissen wollte, welche rote Obstsorten das Kriterium erfüllen, 20 g zu wiegen, könnte man in der Pivottabelle bestimmen, dass in einer neu zu erstellenden Tabelle in der x-Achse Gewichtsgrößen und in der y-Achse Farben stehen. In der daraus entstandenen Tabelle würde an der Achse entlang der Spalten zum Beispiel „rot“, „grün“ und „gelb“ stehen und an der Achse entlang der Zeilen etwa „10“, „20“ und „182“. Wenn man in dieser Tabelle den Wert in der Zelle „rot“/„20“ ablesen würde, würde dann dort „Kirsche“ stehen. Auf diese Weise lassen sich aus ein und derselben Datensammlung Koordinatensysteme beliebiger Ordnung und mit beliebig vielen Dimensionen generieren, sodass komplexe Vergleiche und Analysen ermöglicht werden.

teilen:

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige