Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Aleksandar Denic: Realität des Absurden – Bühnen für Castorf in Berlin und Bayreuth (06/2013)

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Gespannt erwartet Theaterdeutschland Frank Castorfs Interpretation des „Rings“ in Bayreuth. Sein serbischer Bühnenbildner Aleksandar Denic, der erst kürzlich bei dem Tschechow-Abend „Das Duell“ an der Berliner Volksbühne mit seinem Hyperrealismus überzeugte, verriet Ute Müller-Tischler, wohin die Reise geht: „Ein zentraler inhaltlicher Aspekt unserer ‚Ring‘-Inszenierung ist das Thema Öl … Man wird Baku am Anfang des 20. Jahrhunderts sehen, das die Ölsuche für sich entdeckt hat. Im Hintergrund tauchen die Berggipfel vom Kaukasus auf.“

 

Weiter führt der Weg nach Mecklenburg-Vorpommern, in eine Landschaft des kulturellen Vergessens, wie Gunnar Decker befürchtet, der bei der Sondierung des Terrains die Kulturkritik Adolf Dresens zitiert: „Das Theater deformiert sich vielmehr, wie andere Künste auch, im Sog einer übergreifenden Zivilisationskrise. Diese äußert sich nicht nur in Natur-, sondern auch in Kulturzerstörung, im Vergessen der Kultur.“ Dabei ist die Wahl Sewan Latchinians zum Intendanten des Volkstheaters Rostock durchaus „ein Hoffnungszeichen“, auch wenn die örtliche Presse Stimmung gegen den Theatermann macht, der 2005 ausgerechnet mit Senftenberg den Titel Theater des Jahres errang. Angeleitet von Gunnar Decker diskutierten Rolf Hochhuth, Charly Hübner, Sewan Latchinian, Tobias Rausch und Stefan Rosinski die verzwickte Lage. Letzterer beklagt, dass zwar „die Akzeptanz über die Leistung des Theaters“ generiert wird, dafür aber nicht die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Gegenüber den neoliberalen Vorstößen, den Nutzen von Kultur generell in Frage zu stellen, rühmt Rolf Hochhuth den Feudalismus. „Zu Zeiten der Monarchie wäre es nicht denkbar gewesen, aus finanziellen Gründen ein Theater zuzumachen. Und diese Republik ist die reichste, die hier auf deutschem Boden je existierte. Und sie schließen Theater. Das ist eine Kulturschande!“ Dazu passt, dass mit Schloss Bröllin in der Uckermark ausgerechnet ein ehemaliges Herrenhaus die Residenz für performative Kunst in Deutschland anführt. Obwohl verrentet, arbeitet Gründungsdirektor Peter Legemann daran, die einzigartige Location global zu vernetzen. Der einzige Weltreisende in Sachen Residenz ist die beste Anlaufstelle, um zu erfahren, wo in der Welt noch Unterkünfte für Performergruppen frei sind.

 

Was in Mecklenburg-Vorpommern als Krise gilt, kann nicht ansatzweise mit der aktuellen Situation in Zypern verglichen werden, wo Frank Raddatz nicht nur auf Kürzungen und Verzweiflung traf, sondern auch auf entschlossene Künstler, die unerprobte Wege gehen und neue Formen von Solidarität üben. Atemberaubende Geschichten erfuhr auch Renate Klett in Beirut, wo sie an Matthias Lilienthals Projekt „X Wohnungen“ teilnahm, das sich in dem armenisch geprägten Stadtteil Bourj Hammoud und dem muslimisch dominierten Khandaq el-Ghamiq verortet.

 

Unsere Theoriereihe zur Stellung des Schauspielers beendet Juliane Rebentisch mit Reflexionen zum Verhältnis von Subjektivität und Mimesis, dem Basismodul aller Repräsentationsästhetik wie deren postdramatischer Kritik. Ganz augenscheinlich geraten Politik und Theater in immer stärkere Spannungsverhältnisse, was uns voller Optimismus auf die nächste Spielzeit blicken lässt. //

Die Redaktion

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