Vorwort
von Dan Richter
Erschienen in: Improvisationstheater (Bd. 3) – Die Magie der Szene (10/2025)
Originaltitel in der Printausgabe: Vorwort
Theaterszenen zeigen den Wandel in Beziehungen:
Ein verliebtes Pärchen trifft sich auf dem Weihnachtsmarkt.
Sie bittet ihn, ihr für die letzte Nacht bei der Polizei ein Alibi zu geben. Er sträubt sich…
Szenen sind Mini-Dramen, die entweder für sich stehen oder zu einer größeren Story verwoben werden.
Wie aber improvisieren wir solche Szenen? Wie verleihen wir Szenen die nötige Dynamik? Wie bauen wir sie auf? Wann betreten wir die Bühne und wann halten wir uns im Hintergrund? Und wie tun wir das alles, ohne die Freiheit des Moments zu verlieren?
Ich setze in diesem Buch weitestgehend die Grundlagen und Techniken der Theater-Improvisation voraus. Wir gehen hier tiefer auf die Anatomie des szenischen Spiels im Improtheater ein. Wir werden entdecken, wie man eine Szene beginnt, fortführt und beendet. Wir erörtern Techniken und widmen uns verschiedenen Typen von Szenen.
Ich glaube, dass im Prinzip alles, was im gescripteten Theater möglich ist, auch improvisiert werden kann. Impro-Szenen sind also nicht auf kurze lustige Games beschränkt.
Nichts von dem, was in diesem Buch beschrieben wird, sollte als eiserne Regel verstanden werden. Szenen lassen sich zwar leichter improvisieren, wenn man abwechselnd spricht, wenn definiert wurde, wo die Szene spielt, wenn wir nicht mit einem Streit aus heiterem Himmel beginnen. Und dennoch lohnt es sich, auszuprobieren, was geschieht, wenn man diese Regel bricht, wenn man übereinander redet, wenn bis zum Schluss unklar bleibt, wo man sich befindet, wenn man sich voller Energie in einen Konflikt stürzt. Was also manchmal als „Regel“ erscheinen mag, sind eher Gesetzmäßigkeiten des Zusammenspiels und der Publikumswahrnehmung. Ich kann nur dazu anregen, alles, was man als „Regel“ internalisiert hat aber auch alles, was in diesem Buch als Regel erscheinen mag, als fluide wahrzunehmen – veränderbar und umkehrbar. Keine meiner Anregungen sollte als Dogma interpretiert werden.
Viele der hier beschriebenen Beispiel-Szenen habe ich entweder in Impro-Shows oder in Workshops gesehen. Die Namen der Beteiligten wurden in der Regel geändert. Bisweilen zitiere ich auch aus bekannten Filmen und Theaterstücken, in der Hoffnung, dass sich ein schneller Aha-Effekt einstellt.
Noch eine Anmerkung zum Üben und Proben: Wenn man neue Techniken und Strukturen ausprobiert, neigen improvisierte Szenen manchmal dazu, etwas starr zu wirken. Lasst euch nicht davon beirren. Als Faustregel mag gelten: 10 Prozent Struktur, 90 Prozent Spielfreude. Denn was immer man auf der Bühne improvisiert – nur die Spielfreude führt dazu, dass die Magie der Szene erblühen kann.

















