Theater der Zeit

3 Probenprozessanalyse

von Julia Kiesler

Erschienen in: Recherchen 149: Der performative Umgang mit dem Text – Ansätze sprechkünstlerischer Probenarbeit im zeitgenössischen Theater (09/2019)

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3.1 Grundsätzliches zur qualitativen Datenanalyse

Sowohl die Dokumentation als auch die Analyse von Probenprozessen hat viel gemeinsam mit der Arbeit eines Feldforschers bzw. einer Feldforscherin. „There are many similarities between the situation of ethnographers in the field and academic observers in the rehearsal room.“ (McAuley 1998, 77) Das Ziel der Feldforschung als ein qualitativer Forschungsansatz ist weniger, vorab entwickelte Theorien zu überprüfen, sondern Neues zu entdecken und empirisch begründete Theorien zu entwickeln (vgl. Flick 2014, 27). Auch die vorliegende Untersuchung stellt keine Hypothese auf, die es zu begründen oder zu widerlegen gilt. Vielmehr werden Hypothesen und theoretische Ansätze entwickelt, die in nachfolgenden Untersuchungen verifiziert werden können.

Für die qualitative Analyse der erhobenen Daten wurden verschiedene methodische Ansätze angewandt. Zunächst wurden anhand von Kodierungsprozessen verschiedene Kategorien entwickelt, nach denen das Untersuchungskorpus ausgewertet werden sollte. Ähnlich wie in der „Grounded Theory“ analytische Kategorien direkt aus dem gesammelten Datenmaterial abgeleitet werden und nicht aus bereits vorgefassten Konzepten oder Hypothesen, wurden auch im Rahmen meiner Untersuchung Analysekategorien erst im Laufe des Beobachtungs- und vor allem des Auswertungsprozesses entwickelt. Aus zahlreichen generierten Kategorien wurde anschließend eine Auswahl getroffen, nach denen die Daten vertieft analysiert werden sollten. Die Analyse des Untersuchungskorpus auf Basis der ausgewählten Kategorien erfolgte mittels textanalytischer Verfahren, mittels Ansätzen der Aufführungs- und Inszenierungsanalyse sowie der auditiven Analyse. Die drei Probenprozesse wurden zunächst getrennt voneinander ausgewertet und erst am Ende des Auswertungsprozesses auf eine Vergleichsebene gebracht. Dabei wurden sowohl ähnliche Strukturen herausgearbeitet als auch die Unterschiede von Herangehensweisen dargestellt, die insofern interessant sind, als sie die Diversität verschiedener Arbeitsansätze als Kennzeichen des zeitgenössischen Theaters verdeutlichen.

Interpretationen und Untersuchungsergebnisse werden im Rahmen der vorliegenden Schrift hauptsächlich durch Zitate aus den Beobachtungsprotokollen, aus den Audioaufnahmen oder den Interviews nachweisbar. Es ist darauf hinzuweisen, dass die primäre Referenz der Analyse jedoch nicht mehr das Probenereignis selbst bildet, sondern dessen Dokumentation. Jegliche Form der Dokumentation, seien es Mitschriften, Audio- oder Videoaufzeichnungen, kann nicht die Probe selbst wiederherstellen. Sie können sie nur dokumentieren. Insofern orientiert sich die Analyse an der Dokumentation der Probe und kaum am Ereignis der Probe selbst. Wissenschaftlich nachweisbar ist nicht das Erleben des Probenmoments, sondern nur die Analyse des dokumentierten Probenausschnitts. Insofern stellen sowohl die Audio- und Videoaufnahmen als auch die Probenprotokolle und transkribierten Interviews die primäre Referenz der Analyse dar. Wie der Analyseprozess der erhobenen Daten konkret erfolgte, soll im Folgenden genauer beschrieben werden.

3.2 Qualitatives analytisches Kodieren und Kategorisieren

3.2.1 Thematisches Kodieren auf Basis von Einzelfallanalysen

Nach dem Prozess der Datenerhebung und dem Ausstieg aus dem Feld der Probenprozessbeobachtung begann die Auswertung und Analyse der erhobenen Daten. Zunächst wurde für jeden Probenprozess das Korpus der Feldnotizen und Probenprotokolle gelesen und analytisch kodiert. Dieser Prozess beinhaltete das Zeile-für-Zeile-Kategorisieren des Textmaterials, das aus zwei Phasen bestand: dem offenen Kodieren und dem gezielten, fokussierten Kodieren. Jeder Probenprozess wurde zunächst als Einzelfallanalyse interpretiert. Für jeden Probenprozess wurde ein Kategoriensystem entwickelt, wobei es um die Generierung von Themen und Analysekategorien zunächst für jeden einzelnen Fall ging, die dann in einem zweiten Schritt miteinander abgeglichen wurden.

Insgesamt hat sich der zeitliche Prozess von Beobachtungs- und Kodierungsphasen der drei Probenprozesse gegenseitig beeinflusst. Die zwei ersten Probenprozesse von Laurent Chétouane und Volker Lösch wurden relativ dicht hintereinander beobachtet, sodass dazwischen keine Auswertungsphase stattfinden konnte. Nach Abschluss der Beobachtung des Probenprozesses von Volker Lösch begann ich mit dem Kodieren und Kategorisieren der im Rahmen der Probenprozessbeobachtung von Volker Lösch verfassten Protokolle. Im Anschluss daran folgte die Probenbeobachtung der Produktion von Claudia Bauer. Das Kodieren und Kategorisieren der dort verfassten Probenprotokolle fand zwar ebenfalls als Einzelfallanalyse statt, wurde jedoch von den bereits generierten Kodes und Kategorien der Probenprozessauswertung von Volker Lösch beeinflusst. Nach dem Kodierungsprozess der bei Claudia Bauer erhobenen Probenprotokolle begann ich mit der vertieften Analyse dieses Probenprozesses.

Dies beinhaltete ebenfalls das Transkribieren sowie Kodieren und Kategorisieren des mit der Regisseurin geführten Interviews, das Nachhören und Transkribieren ausgewählter Probensequenzen sowie, darauf aufbauend, aufführungs- und inszenierungsanalytische Ansätze des erhobenen Audio- und Videomaterials, wobei ebenfalls auditive Analysen durchgeführt wurden. Es wurde ein Dokument verfasst mit der Beschreibung dieses Einzelfalls auf Basis von ausgewählten Kategorien. Dieses Dokument bildete später auch einen Bestandteil der Ergebnisse.

Im Anschluss an diese Einzelfallanalyse erfolgte der weiterführende Auswertungsprozess der Produktion von Volker Lösch, ebenfalls als Fallanalyse. Erst daran anschließend wurde das Protokollmaterial des Probenprozesses von Laurent Chétouane kodiert und kategorisiert sowie als Einzelfall interpretiert. Zwar gab es hier auch noch beide Phasen des produktionsspezifischen offenen und fokussierten Kodierens und Kategorisierens, jedoch erfolgte der Kodierungsprozess im Rahmen dieser Einzelfallanalyse von Beginn an wesentlich fokussierter als innerhalb der beiden ersten Kodierungsprozesse. In den beiden ersten Fallanalysen entwickelte Kategorien und thematische Bereiche wurden der Einzelfallanalyse des Probenprozesses von Laurent Chétouane zugrunde gelegt, wobei eine thematische Struktur entstand, die jedoch ergänzt wurde durch produktionsspezifische Aspekte. Diese thematische Struktur diente später dem Vergleich aller drei Probenprozesse bzw. der abschließenden Darstellung der Ergebnisse.

Auch im Rahmen der Fallanalysen der Probenprozesse von Volker Lösch und Laurent Chétouane entstand jeweils ein Analysedokument, in dem der Einzelfall auf Basis der jeweils ausgewählten Kategorien beschrieben und interpretiert wurde. Diese Dokumente flossen ebenfalls in die Theoriebildung und Darstellung der Ergebnisse ein. Die aufgeführte Reihenfolge hatte zeitliche und organisatorische Gründe, die mit verschiedenen Aufgaben des Forschungsprojekts insgesamt sowie zusätzlichen beruflichen Tätigkeiten im Zusammenhang standen. Man kann sicherlich kritisch einwenden, dass ein chronologisch geschlossener Ablauf von Beobachtungs- und Auswertungsphasen günstiger gewesen wäre, jedoch erleichterte diese Reihenfolge durchaus den Auswahlprozess der zu analysierenden Kategorien (vgl. S. 97 ff.).

Nach Abschluss der Einzelfallanalysen wurden ausgewählte Kategorien der drei Einzelfälle miteinander verglichen, wobei es um das Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten und Unterschieden ging. Darüber hinaus wurden produktionsspezifische Besonderheiten in den Fokus genommen, die sich einer Vergleichbarkeit entzogen. Dieser Analyse- und Interpretationsprozess gleicht einem Verfahren, das bei Flick als „thematisches Kodieren“ beschrieben wird (vgl. Flick 2014, 402 ff.). Hier werden in einem ersten Schritt fallbezogene Analysen und erst im zweiten Schritt fallübergreifende Vergleiche durchgeführt (vgl. ebd. 407 f.). Dieses Verfahren eignete sich insofern für die vorliegende Untersuchung, als dass durch die Entwicklung einer im Erhebungsmaterial begründeten thematischen Kategorienstruktur für die Fallanalyse und Fallvergleiche die Vergleichbarkeit der Interpretation erhöht werden kann. „Gleichzeitig bleibt das Verfahren jedoch sensibel und offen für die spezifischen Inhalte in Fall und sozialer Gruppe im Hinblick auf den untersuchten Gegenstand.“ (ebd. 408) Das Verfahren gestaltete sich als ein sehr aufwendiger Prozess, der im Folgenden noch detaillierter beschrieben werden soll. Die Analyse der Probenprozesse begann mit der Kodierung und Kategorisierung der Probenprotokolle und Interviews und führte weiter zu vertieften Fallanalysen, in denen ausgewählte Probensequenzen auch anhand der vorhandenen Audio- und Videoaufnahmen, vorliegender literarischer Dokumente sowie Noten- und Textmaterialien ausgewertet und interpretiert wurden.

3.2.2 Offenes Kodieren

In Anlehnung an die methodischen Hinweise von Emerson et al. (vgl. Emerson et al. 2011, 171 ff.) wurden die Probenprotokolle eines jeweils beobachteten Probenprozesses Zeile für Zeile gelesen, um alle Ideen, Themen und Fragen zu identifizieren und zu formulieren, ungeachtet dessen, wie verschieden und unvereinbar sie schienen. Das genaue Lesen der Probenprotokolle wurde kombiniert mit dem Prozess des analytischen Kodierens, der die Kategorisierung des Textmaterials beinhaltete. Offenes Kodieren zielt darauf ab, einen Text aufzubrechen und zu verstehen sowie das erhobene Datenmaterial in Begriffe zu fassen (vgl. Flick 2014, 388 sowie 392).

Zu diesem Zweck werden die Daten zunächst zerlegt […]: Aussagen werden in ihre Sinneinheiten (einzelne Worte, kurze Wortfolgen) zergliedert, um sie mit Anmerkungen und vor allem mit „Begriffen“ (Kodes) zu versehen […]. (ebd. 388)

Wie detailliert man dabei vorgeht, hängt von der Fragestellung, vom Material, vom persönlichen Stil des Interpreten und von der Phase im Forschungsprozess ab (vgl. ebd. 392). Die von mir erhobenen Probenprotokolle wurden zunächst Zeile für Zeile, später auch abschnittsweise kodiert. Auf diese Weise entstanden zahlreiche Kodes, die im nächsten Schritt gruppiert und kategorisiert wurden.

Im Prozess des offenen Kodierens wurde versucht, unter Berücksichtigung der Fragestellung so viele Themen wie möglich aus dem Material zu generieren, ungeachtet dessen, ob diese Themen und Kategorien schlussendlich verwendet werden, ob sie relevant sind oder zusammenpassen. Es ging innerhalb dieses Prozesses noch nicht so sehr darum, die Daten zu sortieren, sondern darum, Kategorien zu identifizieren, voneinander zu unterscheiden und zu benennen (vgl. hierzu Emerson et al. 2011, 175 ff.).

Inspiriert durch das Kodieren der Probenprotokolle sowie durch das Lesen der in den Probenprotokollen enthaltenen Anmerkungen und Kommentare, den sogenannten „In-Process-Memos“, wurden weitere theoretische Ideen entwickelt und Kommentare verfasst. Emerson et al. bezeichnen sie nach Strauss und Corbin als sogenannte „Code Memos“ (vgl. ebd. 185).

While the fieldworker should try to read and code all fieldnotes, he may turn from the coding to writing memos at any time, seeking to get ideas and insights down on paper when they occur. He may also reread in-process memos, abandoning some, while revising and elaborating others in light of subsequent observations and the insights generated by coding. We encourage writing memos about as many ideas, issues, and leads as possible. While some of these ideas reflect concerns and insights that the fieldworker brings to the reading, others grow out of reengaging the scenes and events described in the fieldnotes. (ebd. 185 f.)

Das Ergebnis des offenen Kodierens war für jeden Probenprozess eine Liste mit vergebenen Kodes und Kategorien, „ergänzt um die zur Erläuterung und inhaltlichen Definition von Kodes und Kategorien angelegten Kodenotizen und eine Vielzahl von Memos, die Auffälligkeiten im Material und für die zu entwickelnde Theorie relevante Gedanken enthalten“ (Flick 2014, 392). Diese Liste enthält viel mehr Kategorien und Kodes, als in der weiterführenden Analyse verfolgt werden konnten. Der nächste Schritt bestand in der Auswahl von Schlüsselkategorien. Insbesondere Kategorien, die für die Fragestellung besonders relevant erschienen oder die in den Beobachtungsprotokollen aller drei Probenprozesse identifiziert werden konnten, wurden ausgewählt und weiterverfolgt. Jedoch gab es auch Kategorien, die produktionsspezifisch ausgewählt wurden.

3.2.3 Fokussiertes Kodieren

Das fokussierte Kodieren zielt darauf ab, Kategorien, die im Prozess des offenen Kodierens entstanden sind, zu verfeinern und zu differenzieren. Dieser Prozess wird bei Flick in die zwei Phasen des „axialen Kodierens“ (vgl. Flick 2014, 393) und des „selektiven Kodierens“ (vgl. ebd. 396) unterteilt, soll hier jedoch in Anlehnung an Emerson et al. als „fokussiertes Kodieren“ bezeichnet werden (vgl. Emerson et al. 2011, 191 ff.).

Aus einer Vielzahl entstandener Kategorien wurden diejenigen ausgewählt, deren weitere Ausarbeitung vielversprechend erschien bzw. die auch einen Vergleich aller drei Probenprozesse ermöglichten. Hierfür wurden die Probenprotokolle eines jeweiligen Probenprozesses nochmals gelesen, Schlüsselkategorien festgelegt und Textpassagen dementsprechend zugeordnet. Analytisch interessante Themen wurden ausgearbeitet, Beziehungen zwischen einzelnen Kategorien und ihren Kodes hergestellt sowie neue Themen und neue Beziehungen zwischen diesen Themengebieten entdeckt.

Die Auswahl bestimmter Kategorien erfolgte nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern stellte eine gezielte, thematische Entscheidung dar. Sie orientierte sich hauptsächlich an der allgemeinen Fragestellung sowie an Fragen, wie:

–Für die Erarbeitung welchen Textes bzw. welcher Szene gibt es aufschlussreiche, dichte Mitschriften und Aufnahmen?

–Welche Probensequenzen eignen sich für eine Rekonstruktion?

–Welche beobachteten Ansätze der Texterarbeitung weichen ab von mir bekannten, in der Literatur beschriebenen methodischen Ansätzen?

–Welche beobachteten und dokumentierten Ansätze bringen Spiel- und Sprechweisen hervor, die sich nicht einer realistischen Spielpraxis zuordnen lassen?

–Wo lassen sich Parallelen im Vergleich der drei Produktionen erkennen, inwieweit sind gerade die Unterschiede interessant?

Verallgemeinernd kann gesagt werden, dass sich die Auswahl der vertieft zu analysierenden Kategorien an der Erarbeitung von Szenen orientierte, die mit traditionellen Texterarbeitungsansätzen sowie Praktiken einer realistischen Figurendarstellung brechen. Fokussierten die Beobachtungsphasen noch Texterarbeitungsweisen und ihre Entstehungsformen im Allgemeinen, wurden für die Analyse Beispiele ausgewählt, die als typisch gelten konnten für einen „performativen Umgang mit Texten und gesprochener Sprache“. Es muss jedoch erwähnt werden, dass die Definition für einen performativen Umgang mit Texten und gesprochener Sprache nicht bereits im Vorhinein gegeben war, sondern als theoretischer Ansatz erst im Laufe des Auswertungsprozesses herausgearbeitet wurde. Hier folgte der Analyseprozess den Grundsätzen der Grounded Theory, die Analyseprozesse von Anfang an einbezieht und auch das Sampling, d. h. die Auswahl von Analysematerial und Kategorien, immer wieder zu den Daten zurückführt bzw. mit neu zu erhebenden Daten abgleicht. Insofern ist zuvor aufgeführte Reihenfolge der Beobachtungs- und Auswertungsphasen der einzelnen Probenprozesse nicht nur kritisch zu betrachten. Sie führte durchaus zu einer erleichterten Kategorienauswahl.

Im Laufe des Auswertungsprozesses kristallisierte sich eine Kernkategorie heraus, die mit der Formulierung „performative Ansätze der Textarbeit“ umschrieben wurde. Diese Kernkategorie lag einerseits in der allgemeinen Fragestellung begründet, wurde aber gegenstandsbezogen spezifiziert. Weitere relevante Kategorien wurden mit dieser Kernkategorie in Beziehung gesetzt und für eine tiefergehende Analyse ausgewählt.

Für das Erkennen von Mustern sowie das In-Beziehung-Setzen von Kodes und Kategorien war das Hin- und Herspringen zwischen induktivem und deduktivem Denken kennzeichnend. Während das induktive Denken das Entwickeln von Begriffen, Kategorien und Beziehungen aus dem Text impliziert, werden im Rahmen eines deduktiven Denkens gefundene Begriffe, Kategorien und Beziehungen am Text überprüft, und zwar an anderen Textpassagen als denjenigen, aus denen sie entwickelt wurden (vgl. Flick 2014, 394). Dies geschah zum einen im Rahmen einer Fallanalyse, zum anderen fallübergreifend, indem gefundene Kategorien eine thematische Struktur für die nächste Fallanalyse ergaben. An folgender thematischer Struktur orientierten sich schließlich sowohl die Fallanalysen als auch später die fallübergreifenden Vergleiche:

–Inszenierungsspezifisches/Konzeptionelles

–Textgrundlagen

–Performative Ansätze der Textarbeit

–Erscheinungsformen (Spiel- und Sprechweisen)

–Dimensionen und darstellerische Möglichkeiten performativer Texterarbeitungsverfahren und ihrer Erscheinungsformen

–Anforderungen an die Schauspielerinnen und Schauspieler

Diese fallübergreifenden Kategorien beinhalteten fallspezifische Unterkategorien und Kodes, die in einer vertieften Analyse differenziert betrachtet und ausgearbeitet wurden. Im Zusammenhang damit stand das Schreiben sogenannter „integrativer Memos“ (vgl. Emerson et al. 2011, 193). Hierbei galt es, theoretische Verbindungen zwischen kodierten Probenprotokollauszügen und den abstrakten Kategorien, die sie einschließen, herzustellen. Weiterhin wurden vorangegangene „In-Process-Memos“ und „Code Memos“ neu geordnet und überarbeitet, um Themen und Fragestellungen herauszufiltern, die mehrere dieser Memos durchziehen (vgl. ebd.).

Theoretische Memos gründen sich auf die erwähnten Codenotizen und auf übergreifende Zusammenhänge, die der Forscher Schritt für Schritt erkennt. Das Schreiben von theoretischen Memos fördert eine Distanzierung von den Daten und trägt dazu bei, über eine nur deskriptive Arbeit hinauszugelangen (Motto: „Stop and memo!“). Die Memos können im Verlauf der Auswertung Ausgangspunkte für die Formulierung des Endmanuskripts werden. Theoretische Memos werden von Anfang an geschrieben und beständig überarbeitet (theoretical sorting). Arbeiten im Team mit Kollegen verhindert Einseitigkeiten und kann den Erkenntnisprozess beschleunigen, weshalb sich die Arbeit mit einer Forschergruppe und (Forschungs-) Supervision bewährt hat. (Böhm 2013, 477)

Die in diesem Zitat beschriebenen Arbeitsschritte wurden auch innerhalb meines Analyseprozesses durchlaufen. Für jeden einzelnen Probenprozess wurde ein sogenanntes Analysedokument angefertigt, in dem ausgewählte Kategorien auf Basis des Datenmaterials vertieft analysiert, d. h., interpretiert und mit theoretischen Ausführungen in Verbindung gebracht wurden. Diese Analysedokumente wurden mit der Forschungsgruppe diskutiert, immer wieder überarbeitet und bildeten schließlich die Grundlage für das Verfassen des Endmanuskripts.

Die Art und Weise des Kodierens und Kategorisierens änderte sich im Verlauf des Auswertungsprozesses der drei Probenbeobachtungen. Während das offene Kodieren im Rahmen der Probenprozessanalyse von Volker Lösch noch handschriftlich stattfand und die Kodes und Kategorien an den Rand der entsprechenden Passagen direkt ins Probenprotokoll geschrieben und parallel dazu auf einem gesonderten Blatt notiert wurden, nutzte ich für das fokussierte Kodieren dieses Probenprozesses das Audiotranskriptionsprogramm „f4analyse“ (vgl. Internetquelle 9). Nachdem ich dieses Computerprogramm kennengelernt hatte, wurden auch die beiden anderen Probenprozesse mittels dieses Programms kodiert und kategorisiert.

Das Programm ermöglichte eine zeitsparende und übersichtliche Auswertung der Probenprotokolle. Einzelne Segmente eines Probenprotokolls konnten per Mausklick einem Kode bzw. einer Kategorie zugeordnet werden. Die Kategorien und ihnen zugeordnete Kodes wurden automatisch farblich differenziert und in einer Übersicht angeordnet. Weiterhin konnten Kommentare und Memos in eine jeweilige Probenprotokollsequenz eingefügt werden. Für einen Kode konnten die betreffenden Passagen der Probenprotokolle sofort zusammengeschnitten werden, sodass alle relevanten und als zum jeweiligen Kode gehörigen Textteile im Überblick erschienen und als Dokument gespeichert werden konnten. Ebenso konnten alle Memos bzw. Kommentare einfach zusammengestellt werden. Die Auswertung gestaltete sich mithilfe dieses Programms wesentlich übersichtlicher und effizienter als die handschriftliche Kodierung der Probenprotokolle.

Die Phasen des offenen und fokussierten Kodierens sind nicht streng getrennt voneinander zu betrachten. Sie stellen „verschiedene Umgangsweisen mit textuellem Material dar, zwischen denen der Forscher bei Bedarf hin und her springt und die er miteinander kombiniert“ (Flick 2014, 387 f.). Im Übrigen wurden nicht nur die Probenprotokolle kodiert und kategorisiert, sondern auch die vier Interviews. Die auditiv aufgezeichneten Interviews wurden zunächst transkribiert und dann mittels des beschriebenen Verfahrens kodiert und kategorisiert. Für die Transkription der Interviews wurde ebenfalls das Audiotranskriptionsprogramm „f4analyse“ zu Hilfe genommen, wobei sich insbesondere das variabel verstellbare Sprechtempo ohne Tonhöhenveränderung, der automatische Rücksprung auf die letzten Worte der gerade transkribierten Passage, die automatische Sprecherwechselmarkierung und das Einfügen von Zeitmarken am Ende jedes Absatzes als nützlich erwiesen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass dem Textmaterial der Probenprotokolle und transkribierten Interviews im Prozess des Kodierens und Kategorisierens Begriffe bzw. Kodes zugeordnet wurden, „die zunächst möglichst nahe am Text und später immer abstrakter“ (Flick 2014, 388) formuliert wurden. Derartige Begriffe wurden zu Kategorien zusammengefasst und Beziehungen zwischen den Kodes und Kategorien hergestellt (vgl. ebd.). Dabei wurden Eindrücke, Assoziationen, Fragen, Ideen etc. während des gesamten Prozesses in Form von Kodenotizen notiert (ebd.). Bestimmte Kategorien wurden schließlich ausgewählt und Belege aus den Probenprotokollen, Memos und Interviews zugeordnet. Die Probenprotokolle und Interviewaussagen wurden dabei in ihrer Struktur aufgelöst und neu strukturiert (vgl. ebd. 419). In Anlehnung an die Methode des thematischen Kodierens wurden zunächst Fallanalysen erstellt, die dann im zweiten Schritt auf eine Vergleichsebene gebracht wurden. Hierfür wurden fallübergreifende Kategorien analysiert ebenso wie produktionsspezifische belassen.

Im Gegensatz zu deduktiven Vorgehensweisen, denen eine Theorie zugrunde liegt, die anhand der Daten belegt oder widerlegt werden soll, ist diese Form der Forschung daran interessiert, anhand der erhobenen Daten eine Reihe von Themen und ausführlichen Analysen hervorzubringen, immer in Bezug zur empirischen Welt, die untersucht wurde. Dieser offene Prozess bedeutet jedoch nicht, dass existierende Theorien ignoriert wurden. Theoretische Vorannahmen und Interessen flossen in jeder Phase des Schreibens mit ein, sie beeinflussten sämtliche Entscheidungen. In Anlehnung an Emerson et al. kann der Auswertungsprozess als ein reflektierendes Wechsel- bzw. Zusammenspiel von Theoriebetrachtung und Datenauswertung angesehen werden (vgl. Emerson et al. 2011, 197 f.).

In die Analyse und Interpretation des Datenmaterials flossen selbstverständlich nicht nur die als Texte vorliegenden Probenprotokolle und transkribierten Interviews ein, sondern sämtliche während der Probenbeobachtungen erhobenen, schriftlichen Dokumente wie Stückvorlagen, literarische oder nicht-literarische Texte, Textfassungen und Notenpartituren. Zudem wurden ausgewählte Probensequenzen, die als Audioaufnahme aufgezeichnet vorlagen, nachgehört, transkribiert und flossen in die Analyse ein. Aussagen der Probenbeteiligten oder einzelne Arbeitsschritte konnten auf diese Weise rekonstruiert werden. Darüber hinaus wurden die Audioaufnahmen, insbesondere aber auch die Videoaufnahmen, die von jeder Inszenierung vorliegen, für weiterführende inszenierungsanalytische und teilweise auch aufführungsanalytische Ansätze genutzt. Darauf soll im Folgenden näher eingegangen werden.

3.3 Aufführungs- und inszenierungsanalytische Ansätze

Laut Fischer-Lichte werden Methoden der Aufführungsanalyse immer dann eingesetzt, wenn es um Fragestellungen geht, die sich unmittelbar auf Vorgänge und Ereignisse beziehen, die während einer Aufführung geschehen (vgl. Fischer-Lichte 2010, 93). Analog dazu ließe sich behaupten, dass eine Probenprozessanalyse an den Vorgängen und Ereignissen einer Probe ansetzt. Endproben gestalten sich meist als sogenannte Durchlaufproben, d. h., sie sind stark dadurch charakterisiert, dass sie den Durchlauf einer während des Probenprozesses entwickelten Inszenierung enthalten, der ohne Unterbrechung „durchgespielt“ wird. Eine Durchlaufprobe arbeitet sozusagen auf den Aufführungsmoment hin. In diesem Sinn spielen auch aufführungs- und inszenierungsanalytische Ansätze im Rahmen einer Probenprozessanalyse eine Rolle, nämlich dann, wenn es um die Bedeutung von szenischen Abläufen und Erscheinungsformen und deren Wirkung geht. Berücksichtigt eine Probenprozessanalyse auch das Inszenierungsergebnis und beschreibt hervorgegangene Spiel- und Sprechweisen, wie im Fall der vorliegenden Untersuchung, kann sie auf etablierte Methoden der Aufführungs- und Inszenierungsanalyse zurückgreifen.

Laut Balme sollten Inszenierungs- und Aufführungsanalyse nicht grundsätzlich streng getrennt voneinander behandelt werden, „denn beide sind Bestandteil einer komplexen Wechselbeziehung“ (Balme 2003, 83). Auch Fischer-Lichte weist darauf hin, dass es eine Inszenierungsanalyse in „Reinform“ nicht geben kann, da eine Inszenierung dem Analysierenden nur als Aufführung zugänglich ist und die Konstitution von Bedeutungen von den beobachtbaren Reaktionen der Zuschauer/-innen und der Wirkung, die sie im Analysierenden auslösen, abhängig ist (vgl. Fischer-Lichte 2010, 88). Hingegen gehen Weiler/Roselt davon aus, dass zwar jede Aufführungsanalyse immer auch eine Inszenierungsanalyse ist, sofern sie die szenischen Abläufe auf einer Bühne zu den Wahrnehmungen und Erfahrungen eines Publikums in Bezug setzt, jedoch eine Inszenierungsanalyse nicht notwendig aufführungsbezogene Aspekte berücksichtigen muss. Szenische Elemente und ihre Arrangements lassen sich auch untersuchen, ohne konkrete Aufführungserlebnisse zu bedenken (vgl. Weiler/Roselt 2017, 59).

Von dieser Unterscheidung ging auch die im Rahmen der vorliegenden Studie durchgeführte Analyse inszenierungsbezogener Aspekte aus. Erkenntnisse hinsichtlich einzelner Texterarbeitungsschritte oder in Bezug auf den Entstehungsprozess bestimmter Spiel- und Sprechweisen konnten anhand der beschriebenen textanalytischen Verfahren gewonnen werden. Inszenierungsanalytische Auswertungsansätze dienten mir zur Untersuchung konkreter Inszenierungsstrategien. Grundlage hierfür bildeten sämtliche schriftlich erhobene Dokumente sowie die Audio- und Videoaufnahmen. Aber auch aufführungsanalytische Ansätze spielten eine Rolle, beispielsweise wenn es um die Beschreibung von Wirkungen bestimmter Erscheinungsformen ging oder um, wie Fischer-Lichte es nennt, „energetische Felder“ (vgl. Fischer-Lichte 2010, 82), die auch während einer Probe entstehen konnten.

Derartige „energetische Felder“ können nicht nur zwischen Akteur/-innen und Zuschauer/-innen im Verlauf einer Aufführung gebildet werden, sondern auch im Verlauf einer Probe. Sie werden für die an einer Probe Beteiligten als Erfahrung spürbar und können in einer Analyse berücksichtigt werden. Während sich solche Erfahrungen und Wirkungen einer medialen Dokumentation entziehen und lediglich beschreibbar sind, lassen sich inszenierungsbezogene Aspekte unter Einbezug von Videoaufzeichnungen sehr gut ermitteln (vgl. Weiler/Roselt 2017, 59).

Grundlage der teilnehmenden Beobachtung einer Probe ist die Wahrnehmung des Probengeschehens. Dabei geht es weniger um die Erfahrungen der teilnehmenden Beobachterin als vielmehr um die Erfahrungen, welche die aktiv an der Probe Beteiligten machen. Dennoch wurden auch die während des Probenprozesses entstandenen Erscheinungsformen und ihre Wirkungsweisen innerhalb der Analyse berücksichtigt, die zunächst nur auf Basis des eigenen subjektiven Eindrucks der Analysierenden beschrieben werden konnten. Diese wurden jedoch in einen Zusammenhang mit den Intentionen der Regisseurin oder des Regisseurs bzw. der Schauspielerinnen und Schauspieler gebracht. Im Gegensatz zu einer Aufführungsanalyse vermag eine Probenprozessanalyse die Absichten und Motivationen eines Ensembles in die Analyse einzubeziehen. Hieraus ließen sich dann Dimensionen und darstellerische Möglichkeiten bestimmter Texterarbeitungsansätze und ihrer Erscheinungsformen ableiten.

Erfahrungen stehen mit Bedeutungen in einem engen Zusammenhang (vgl. Fischer-Lichte 2010, 83). Insofern werden im Rahmen einer Aufführungs- bzw. Inszenierungsanalyse stets zwei Perspektiven eingenommen, die als phänomenologisch und semiotisch bezeichnet werden (vgl. ebd. 88). Während bei einem phänomenologischen Analyseansatz die Wechselwirkung von Erscheinungsweise, Wahrnehmung und Erfahrung im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, widmen sich semiotische Ansätze der Erzeugung von Bedeutung (vgl. Fischer-Lichte 2010, 83 f.). „In dieser Perspektive wird alles, was wahrgenommen wird, als ein Zeichen gedeutet […].“ (ebd. 84) Werden beide Perspektiven eingenommen, so geht es einerseits darum, szenischen Vorgängen eine Deutung zu geben, andererseits auch, die Wirkung zu beschreiben, die ein szenischer Vorgang auf die Analysierende bzw. auf die Zuschauerinnen und Zuschauer hatte.

Auch im Rahmen der vorliegenden Untersuchung stützte ich mich sowohl auf semiotische als auch auf phänomenologische Analyseansätze. Dabei wurden aufführungsanalytische Ansätze nicht für die Analyse von Aufführungen im eigentlichen Sinn genutzt, sondern vor allem für die Analyse der Durchläufe und Hauptproben gegen Ende eines jeweiligen Probenprozesses. Während sich im Moment der Probe beobachtete und dokumentierte Wirkungen und Wahrnehmungen eines aufführungsanalytischen Ansatzes bedienten, kamen im Rahmen der Analyse von Erscheinungsformen auf Basis der Audio- und Videoaufzeichnungen während des Auswertungsprozesses hauptsächlich inszenierungsanalytische Ansätze zum Einsatz. Hier ging es um das Herausarbeiten der während eines jeweiligen Probenprozesses entstandenen Erscheinungsformen, d. h. der Spiel- und Sprechweisen, deren Wirkungen und deren Bedeutungen.

Wirkungen und Bedeutungen können nur auf Basis eines subjektiven Interpretationsrahmens beschrieben werden. Jedoch wurden subjektive Wirkungen und die von mir zugeschriebenen Bedeutungen stets mit den vier Mitgliedern meiner Forschungsgruppe diskutiert und evaluiert. Darüber hinaus fanden im Rahmen der Analyse einzelner Proben- und Inszenierungssequenzen, in denen die Erscheinungsweise gesprochener Sprache auf der Bühne fokussiert wurde, auditive Analysen statt. Für die auditiven Analysen wurde mit einer Kontrollhörerin gearbeitet, die als Sprechwissenschaftlerin ebenfalls über die Fähigkeit des analytischen Hörverstehens im Sinne eines funktionellen Hörens (vgl. S. 89 ff.) verfügt. Auf diese Weise wurden subjektive Höreindrücke objektiviert.

Am Ende des Analyseprozesses der drei beobachteten Probenprozesse stand das Verfassen der vorliegenden Schrift. Für das Manuskript wurden weitaus weniger Themen verarbeitet, als das erhobene Datenmaterial zur Verfügung stellte. Der Schreibprozess war in diesem Sinn stark geprägt von einer Themenauswahl, die von fachlichem und persönlichem Interesse ist. Die Studie ist in ihren empirischen Teilen analytisch nach Themen aufgebaut und konstruiert sich aus ausgewählten Auszügen der Probenprotokolle, analytischen Kommentaren sowie theoretischen Ausführungen. Zwar wurden während des Auswertungsprozesses Einzelfallanalysen durchgeführt, das Ziel war jedoch nicht primär eine Darstellung der Einzelfälle, sondern eher das Herausarbeiten von Texterarbeitungsansätzen, die als typisch für das zeitgenössische Theater gelten können bzw. die als „performative Ansätze der Textarbeit“ definiert werden sollten. Die beschriebenen Ansätze können nicht als statistisch repräsentativ betrachtet werden, jedoch als typisch für den herausgearbeiteten theoretischen Ansatz eines performativen Umgangs mit Texten und gesprochener Sprache. Die Ergebnisse sind insofern generalisierbar, als dass sie sich auf ähnliche Gegenstände übertragen lassen. Es werden nun im Folgenden einzelne Aspekte der Probenprozessanalysen vorgestellt und als Ergebnisse der Untersuchungen präsentiert.

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