Zu schön, um wahr zu sein?
Über die Arbeit der Volunteers beim CircusDanceFestival
von Thusnelda Marín Jungmann und Tana Onochie
Assoziationen: Zirkus Dossier: Labor Kulturjournalismus Dossier: Festivals

Das Festival läuft rund: schönes Wetter, leckeres Essen, abwechslungsreiches Programm, anregende Gespräche, eine Atmosphäre, die fast zu stimmig wirkt. Ein Festival als Utopie. Da kann ob so viel Harmonie schon einmal eine gewisse Skepsis aufkommen: „Wo knirscht es heimlich?“ Oder man fragt – konstruktiver und positiver gedacht: Wo liegt die Quelle dieses reibungslosen Ablaufs, all des Guten? Und mehr noch: Wer trägt diese scheinbare Leichtigkeit?
Vom Festivalmotto „Come closer“ inspiriert, wollen wir als Redaktion auch den Menschen und Perspektiven näherkommen, die im Festivalgeschehen leicht unsichtbar bleiben: die Volunteers. Unzählige Freiwillige, die das Festival strukturell zusammenhalten und doch oft im Hintergrund bleiben. Wer sind diese Menschen, ohne die das CircusDanceFestival niemals möglich wäre? Warum investieren sie so viel Zeit und Energie? Und: Wer kümmert sich eigentlich um die, die sich um uns kümmern? Wir gehen auf Spurensuche.
Care-Kosmos hinter der Bühne
Auf dem weiten Gelände, abseits der Hauptwege, gibt es eine Abzweigung zur „Snackstage“ – hinter einer kleinen Trennwand verbirgt sich neben Schlafwägen und dem großen Zirkuszelt ein Pavillon: ein Treffpunkt für beteiligte Personen des Festivals, ein Rückzugsort und zugleich ein Zentrum der Versorgung. Anhand des frisch gekochten Buffets zeigt sich, was man als Care-Kosmos bezeichnen könnte: getragen von den Volunteers, strukturiert durch alltägliche Fürsorge. Hier kommt man mit den Volunteers ins Gespräch. Mit Zaelea (27) etwa. Sie ist in Frankfurt aufgewachsen und lebt mittlerweile als Zirkusartistin in Melbourne/Australien: „Ich habe schon öfter von diesem Festival gehört, nun hatte ich dieses Wochenende Zeit und wollte aushelfen.“
Und damit ist sie nicht allein: Die Wege ins Volunteering sind so vielfältig wie die Hintergründe der Freiwilligen selbst. Einige kommen aus sozialen Berufen, andere aus der freien Szene. Für manche ist das Festival ein Ort des Wiedersehens, ein temporäres Wiederanknüpfen an bestehende Netzwerke. Für andere ist es ein bewusst gewähltes, zeitlich begrenztes Abenteuer. Und wieder andere betonen die Möglichkeiten, die sich eröffnen: Workshops besuchen, Aufführungen sehen, Künstler*innen begegnen. „Ich konnte jede Show schauen, die ich sehen wollte“, erzählt Zaelea. Volunteering bedeutet hier also nicht nur Arbeit, sondern auch Zugang – zu Kunst, zu Begegnungen, zu einem temporären sozialen Gefüge.
Die Arbeit selbst beginnt bereits lange vor der offiziellen Eröffnung. Schichtpläne werden erstellt, erste Treffen organisiert – oft digital, noch bevor der Trubel vor Ort einsetzt. Doch wie viele Volunteers sind eigentlich im Einsatz? „Eine richtige Antwort ohne einen Blick in die Liste gibt es nicht“, heißt es. Dafür ist die Beteiligung zu flexibel: Manche sind die drei Wochenenden durchgehend eingebunden, andere übernehmen punktuell für einen Tag eine dreistündige Schicht. Ein Modell, das überraschend gut funktioniert – auch, weil es Raum lässt für eine Art Work-Circus-Balance: arbeiten und gleichzeitig Teil des Festivalerlebnisses sein.
Die Aufgaben selbst sind vielfältig: Küche, Einlass, Kasse, Geländeorganisation. „Jede Aufgabe ist für sich genommen wichtig“, unterstreicht Veronika Pelz, die für die Koordination des Volunteer-Programms zuständig ist. Und gerade in dieser Dezentralität liegt die Stärke: Viele kleine, scheinbar unspektakuläre Tätigkeiten ergeben gemeinsam die Infrastruktur, die das Festival trägt: „Man ist abends schon müde, klar“, sagt Tamara, „aber man schläft dann auch einfach gut.“ Tamara (34) erfuhr über einen Workshop beim Latibul – dem Ort, an dem auch das Festival stattfindet – vom Volunteer-Programm. Vor allem aber führt die Sonderpädagogin aus Stuttgart ihre Begeisterung für Tanz und Theater dorthin.
Strategisch nett sein
Was sich klar zeigt: Die Atmosphäre eines Festivals entsteht nicht allein durch das künstlerische Programm, sondern durch das soziale Gefüge dahinter. „Durch das Miteinander im Team“, sagt Luzie Schwarz, Produktionsleitung des Festivals. „Dadurch entsteht das Gefühl, dass alle diesen Ort gemeinsam gestalten wollen.“ Gemeinsam mit Veronika Pelz ist sie dafür verantwortlich, dass hinter den Kulissen alles glatt läuft.
Auf dem Gelände soll nämlich alles leicht wirken, fast mühelos. Der Stress hinter den Kulissen bleibt so unsichtbar. Doch wie lässt sich diese Stimmung aufrechterhalten? Wie werden so unterschiedliche Bedürfnisse koordiniert? Die Antwort von Veronika Pelz ist ebenso simpel wie komplex: „Man könnte denken, ich bin einfach nett, so als Privatperson. Aber es ist tatsächlich mein Job, strategisch nett zu sein.“ Freundlichkeit als bewusste Praxis also. Präventiv denken, präsent sein, zuhören – auch dann, wenn es mal stressig wird.
„Da habe ich auf anderen Festivals schon andere Erfahrungen gemacht – hier wurde ich nicht “nur” als Arbeitskraft wahrgenommen“, berichtet Zaelea. Auch die Bedingungen findet sie fair: Essen und Schlafen sind für die Volunteers umsonst. „Das ist halt einfach richtig gut, weil du keine eigenen Ausgaben hast.“ Die Freiwilligen wohnen gemeinsam in Schlafwägen auf dem Gelände, in Einzelzimmern. Auch so entsteht eine eigene Mikro-Gemeinschaft, ein paralleler sozialer Raum innerhalb des Festivals, eine kollektive Nähe. Manchmal vielleicht auch ein bisschen zu viel Nähe: Während Besucher*innen abends noch zu DJ-Musik tanzen, schleppen sich einige Freiwillige nur noch ins Bad und fragen halb scherzhaft: „Warum tanzt ihr noch in meinem Wohnzimmer?“
„Ich habe ständig das Bedürfnis, Danke zu sagen“, so Luzie Schwarz. „Ohne diese Menschen würde hier nichts funktionieren.“ Und doch geht es den Volunteers weniger um Anerkennung im Sinne von Sichtbarkeit. Wichtiger scheint das gemeinsame Vertrauen: „Man muss sich aufeinander verlassen können“, sagt Tamara – und zieht den Vergleich zum Zirkus: „Wenn ich zu einem Kurs für Partner-Akrobatik gehe, stehe ich ungern direkt bei einer fremden Person auf der Schulter. Du musst den Leuten vertrauen. Und Vertrauen braucht Zeit – man muss sich kennenlernen, step by step. Natürlich kann ich denken, die Person wird mich schon nicht fallenlassen, aber ich muss es auch selbst erfahren, dass es wirklich so ist.“
Rollen durchwechseln
Am Ende fällt auf, dass das Volunteer-Programm fürsorglich und aufmerksam gestaltet ist. Zwischen all den harten Auf- und Abbauschichten entsteht hier ein Ort der gemeinsamen Fürsorge, gerade weil die Schichten so geplant sind, dass noch eine angenehme Work-Life-Balance sicherstellt: Vermutlich erklärt genau das, warum das Festival stellenweise fast zu harmonisch wirkt. „Vielleicht haben wir einfach Glück gehabt. Wir haben versucht ein richtig schönes Festival zu organisieren, und es ist glücklicherweise richtig gut gelaufen“, schwärmt Veronika Pelz. Und was nehmen die Volunteers von den Tagen beim CircusDanceFestival mit? „Wie man gut zusammenarbeiten kann“, sagte Tamara. „Und achtsam miteinander umzugehen.”
Als wir den Text schreiben, befindet sich das Festival gerade im Abbau. Wir schauen aus dem Fenster und beobachten, wie zwei Volunteers, die künstlerische Leitung und ein Tänzer von Overhead Project gemeinsam ein Regal abbauen. Arbeit, die gemeinsam getragen wird, ungeachtet der Rollen. Ein schönes Bild. Zu schön, um wahr zu sein? No, it’s real. Vermutlich, weil bei diesem Festival die unsichtbare Arbeit wertgeschätzt wird.
Erschienen am 1.6.2026





















