Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Das Rätselwesen – Die Schauspielerin Patrycia Ziółkowska (11/2012)

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Für einige Jahre waren wir von dem Albtraum, dass auf dem Weltenthron jemand residiert, der stolz darauf ist, keine Zeitungen zu lesen und als Lieblingsbuch „Die kleine Raupe Nimmersatt nennt“, befreit. Diese Tage konnten bald gezahlt sein, denn rasend schnell nähern sich die Prasidentschaftswahlen in den USA. Frank Raddatz sprach mit dem Dramatiker Tony Kushner daruber, warum der erste schwarze Mann im Weisen Haus nach wie vor Titanisches leistet – und erfuhr, weshalb die groste Gefahr heute nicht nur fur die US-Amerikaner darin besteht, vor den Prinzipien des Marktes zu kapitulieren. Grandios, grotesk, grausam ist Kushners aktuelles Kurzstück „Wir allein, wir, die das Geheimnis bewahren, nur wir werden unglücklich sein“ aus der Einakter-Sammlung „Der kleine Kushner“, das wir in diesem Heft abdrucken. In dem Stück liest die Präsidentengattin Laura Bush im Himmel unter der Obhut eines Engels toten irakischen Kindern Dostojewski vor.

 

Paul Tischler flankiert den US-Schwerpunkt dieses Heftes, indem er die künstlerischen Leiter des New York Theatre Workshops Linda S. Chapman und James C. Nicola befragte. „Wenn man ein Künstler in diesem Land ist, muss man ein Unternehmer sein. Man muss sein Leben als Geschäft sehen“, erklären sie. Trotzdem sei die Position des Theaters auch in den USA singulär: „Es gibt keine anderen Plattformen. (…) Das Theater ist der letzte Ort, um sich mit Ideen zu beschäftigen.“ Christine Richter-Nilsson untersuchte die neueste amerikanische Dramatik und akklamiert eine „selbstbewusste Generation von afrikanisch- und asiatisch-amerikanischen Autoren, deren Dekonstruktion der vermeintlich politisch korrekten middle class seit 2008 auf besonders fruchtbaren Boden fällt“.

 

„Occupy the Sky!“, fordern Schillers „Räuber“ an den Städtischen Bühnen Münster, wo sich der neue Intendant Ulrich Peters trotz der städtischen Sparpläne zum politischen Theater bekennt. Auch im beschaulichen Konstanz hat man die Zeichen der Zeit erkannt und untersucht angeleitet von dem Intendanten und Juristen Christoph Nix, wie das Glück funktioniert. Die Antwort führt nach Ostafrika, nach Blantyre – 200 Kilometer südlich des Malawisees. Lena Schneider informiert uns, wie es zur Zusammenarbeit im Projekt „Welt 3.0“ kam – und welche Rolle Frank-Walter Steinmeier dabei spielt. Politisches Theater, das sich gegen die Meinung des breiten Mainstreams zu behaupten weiß, findet sich auch im Theater Vorpommern, wo seit Kurzem die Löschner-Brüder das Zepter schwingen und mit dem Slogan „Kein Risiko“ polarisieren. Gunnar Decker kann nur Gutes berichten.

 

Gleiches gilt für Patrycia Ziółkowska. Die Schauspielerin ist „keine Diva, aber auf anspruchsvolle Art umwegreich, mit vielen verborgenen Kammern und Kämmerchen“, beobachtete Gunnar Decker und schwärmt von der „Amazone am Stehpult“: „Eine höhere Form von Musik. Nicht nur die der Worte und Bewegungen, auch die der Pausen und des Stillstands.“ Als weitere starke Frau zeigt sich die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes, die ihre Skepsis gegenüber einem Männerbild, das sich in Allmachtsvorstellungen hineinsteigert, szenografisch produktiv zu machen weiß. Ute Müller-Tischler sprach mit der Künstlerin, die bei Wilfried Minks Bühnenbild studiert hat und Marina Abramović zu ihren Lehrern zählt.

 

Erfrischend zeigt sich in diesem Herbst: Kunst und Theater muss das Andere behaupten – wie auch immer es sich formiert, welche Gestalt oder Farbe oder welchen Klang es auch immer annimmt. Die Renaissance des Politischen kann sich nur in der Öffnung zum Undefinierten, Unausgeloteten, Heterogen vollziehen. //

 

Die Redaktion

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