Das Festival hat sich stets mit seiner Geschichte und der engen Verbindung zum Kohlebergbau identifiziert
von Werner Müller
Erschienen in: A World Stage – Auf Kohle geboren – Die Ruhrfestspiele Recklinghausen unter Frank Hoffmann. 2005–2018 (04/2018)
Originaltitel in der Printausgabe: Grußwort
Liebe Leserinnen und Leser,
wenn man an Hamburg denkt, dann denkt man nicht zwangsläufig an Kohle. Und wenn man an das Ruhrgebiet denkt, dann dachte man lange Zeit auch nicht zwangsläufig an Hochkultur, sondern vielmehr an Hochöfen. Eine Fügung des Schicksals sollte dazu führen, dass Hamburg und das Ruhrgebiet – trotz der gut 300 Kilometer dazwischen – näher zusammenrückten und Kohle und Hochkultur miteinander in Verbindung traten.
Der Gründungsmythos der Ruhrfestspiele besagt: Der Ursprung eines der ältesten Theaterfestivals Europas liegt in einem Akt der Solidarität, als Bergleute der Zeche König Ludwig 4/5 im harten Winter 1946/47 Kohle für die Hamburger Theater an der Besatzungsmacht „vorbeischleusten“. Im darauffolgenden Sommer bedankten sich die Hamburger Schauspieler mit einem Gastspiel im Ruhrgebiet bei den Bergleuten. Seither haben sich die Ruhrfestspiele zu einem richtungweisenden Theaterfestival entwickelt, ohne ihre kulturellen Wurzeln aus den Augen zu verlieren. Eine Besonderheit des Festivals liegt sicher darin begründet, dass es nicht „von oben“, also von einer höheren Instanz oder Institution oktroyiert wurde, sondern vielmehr „von unten“ geschaffen wurde, hervorgegangen aus einer einzigartigen Allianz. Das Festival hat sich stets mit seiner Geschichte und der engen Verbindung zum Kohlebergbau identifiziert. Seine Heimat war und ist das Ruhrgebiet. So haben auch viele Besucher noch immer intensive Verbindungen zum Bergbau. In industrieller Hinsicht war das Ruhrgebiet einst der Motor Europas, in kultureller Hinsicht setzt es längst Maßstäbe.
Und das verdanken wir kulturellen Glanzlichtern wie den Ruhrfestspielen, die auch international ausstrahlen, ohne ihre Herkunft, ihre Heimat, das Ruhrgebiet zu verleugnen. Vielmehr tragen sie ein Stück Ruhrgebiet in die Welt hinaus.
Seine Strahlkraft erlangt das Festival auch, weil es aktuelle politische und gesellschaftliche Themen sowie brennende Fragen der Zeit aufgreift, wie zuletzt mit den Programmen unter den Leitthemen „Mittelmeer – Mare Nostrum?“ 2016 und „Kopfüber Weltunter“ 2017.
Die Ruhrfestspiele wollen die Menschen mitnehmen und ein „Festival für alle“ sein. Mit ihrem Programm unter dem Leitgedanken „Qualität für alle“ erreichten die Ruhrfestspiele in den letzten Jahren über 80 000 Besucher, so viele wie nie in der Geschichte der Ruhrfestspiele zuvor.
Wenn Ende 2018 der deutsche Steinkohlebergbau schließt, bedeutet dies auch das Ende einer industriellen Ära. Zeitgleich endet auf dem „grünen Hügel“ die vierzehnjährige Ära von Frank Hoffmann als Intendant der Ruhrfestspiele, der das Festival zu dem gemacht hat, was es heute ist. Dafür gebührt ihm großer Respekt, hohe Anerkennung und aufrichtiger Dank!

















