Theater der Zeit

Reportage

Den verschwundenen Zirkusgebäuden auf der Spur

Unter dem Asphalt von Neumarkt und Aachener Weiher verbirgt sich eine fast vergessene Zirkusstadt: Beim CircusDanceFestival führen die Forscherinnen Mirjam Hildbrand und Johanna Hilari zu den verschwundenen Kölner Zirkusbauten – vom Carré und Williams-Bau bis zum heutigen Creation Centre Contemporary Circus.

von Swantje Kawecki

Assoziationen: Zirkus Nordrhein-Westfalen Dossier: Labor Kulturjournalismus

Die Historikerinnen Mirjam Hildbrand und Johanna Hilari geben einen Einblick in die Zirkusgeschichte der Stadt Köln.
Die Historikerinnen Mirjam Hildbrand und Johanna Hilari geben einen Einblick in die Zirkusgeschichte der Stadt Köln. Foto: Franzi Schardt

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Es gibt wohl kaum ein Bild, das so eng mit Zirkus verknüpft ist wie das des Zirkuszelts. Zirkus und Zelt gehören zusammen wie Hand und Fuß und sind aus heutiger Sicht kaum voneinander zu trennen – nicht zuletzt aufgrund ihrer popkulturellen Darstellung.

Tatsächlich fanden Zirkusaufführungen jedoch nicht schon immer in Zelten statt. Die Formen des modernen Zirkus, wie wir ihn heute kennen, entwickelten sich vielmehr im Großbritannien der 1780er und 1790er Jahre, als vermehrt umherziehende Künstler:innen sesshaft wurden. Diese Entwicklung führte auch zum Bau feststehender Zirkusgebäude. Die frühe Entwicklung des Zirkus war folglich eng mit festen Spielstätten verbunden. Das Zirkuszelt hingegen – ebenso wie die dem Zirkus zugeschriebene nomadische Eigenschaft – kam erst 1825 in den USA unter der Regie des Zirkusunternehmers Joshuah Purdy Brown zum Einsatz.

Heute findet zeitgenössischer Zirkus an diversen Orten statt: im öffentlichen Raum, in Tanzhäusern, auf Theaterbühnen oder eben in Zirkuszelten. Doch was ist aus den riesigen Zirkusgebäuden des 18. Jahrhunderts geworden? Dieser Fragen gehen wir während des CircusDanceFestvials gemeinsam mit den Forscher:innen Mirjam Hildbrand und Johanna Hilari auf die Spur.

Es ist einer der ersten warmen Tage in Köln, rechtzeitig zum Festivalauftakt des CircusDanceFestivals. Nachdem City-Pop-ups am Wochenende zuvor Zirkus in die unterschiedlichen Veedel der Stadt brachte, blieben wir am Donnerstag noch im Stadtgeschehen für einen kleinen Einblick in die Kölner Zirkusgeschichte.

Auf den Terrassen rund um den Neumarkt und Rudolfplatz tummeln sich die Leute. Als ich am Eingang der Apostelkirche ankomme, steht bereits eine kleine Gruppe zusammen. Darunter die Forscher:innen des Grit Mirjam Hildbrand und Johanna Hilari. Sie beschäftigen sich mit marginalisierter Geschichte von Theater und Zirkus, die wenig bekannt oder sogar vergessen ist. Sie versuchen, sie aus den Archiven zu kramen und ihnen wieder Leben einzuhauchen.

Während wir noch auf den Rest der Gruppe warten, spielt gegenüber eine Person Saxophon, zufällig, und doch rahmt es den Moment passend wie ein kleines Willkommensintro.  Für anderthalb Stunden werden uns die Mirjam und Johanna durch die Kölner Innenstadt und zum Aachener Weiher führen – den verschwundenen Zirkusgebäuden auf der Spur.

Ja, Zirkus hatte Gebäude: Pompöse Steinbauten, die sich architektonisch an antiken Vorbildern orientierten und Platz für bis zu 3.000 Personen boten. Sie prägten ab dem 18. Jahrhundert das Stadtbild europäischer Großstädte. Die Spielstätten wurden sowohl mit einer Manege als auch mit einer Frontalbühne konzipiert, wie man sie in bürgerlichen Theater- und Opernhäusern findet. Eine an die Klassengesellschaft angepasste Sitzordnung sowie gestaffelte Eintrittspreise regelten den finanziellen und räumlichen Zugang und ermöglichten zugleich ein Aufeinandertreffen unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus.

Zurück an der Apostelkirche am Neumarkt führt uns der Weg in die Gertrudenstraße – direkt neben das heutige Sparkassengebäude. Kaum vorstellbar, dass hier einst ein prachtvoller Zirkus stand. Mirjam und Johana belehren uns jedoch eines Besseren. Alte Gebäudepläne, Plakate und Briefe aus den Jahren 1878 bis 1950 zeigen: Genau an diesem Ort errichtete der deutsch-niederländische Zirkus Carré seine Kölner Spielstätte. Carré hatte zuvor bereits Zirkusbauten in Wien und Amsterdam realisiert, letzteres entwickelte sich später zum Stammsitz des Unternehmens. In Köln jedoch blieb das Unternehmen nur sieben bis acht Jahre. Warum der Zirkus seine Spielstätte schon nach so kurzer Zeit wieder aufgab, ist ein Teil der Geschichte, der bislang ungeklärt ist. Über die Zeit wurde das Gebäude unterschiedlich verwendet, zuletzt als Kino und Varieté, bevor es schließlich im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Die Überreste gingen an die Kreissparkasse und damit auch dessen Ursprung in Vergessenheit.

Mit einem kleinen Spaziergang zum Aachener Weiher und in den bekannten Grüngürtel der Stadt, begeben wir uns zum nächsten geschichtlichen Schauplatz. Anders als die monumentalen steinernen Zirkusbauten des 19. Jahrhunderts war der Williams-Bau pragmatisch gedacht: ein funktionaler Mehrzwecksaal der Nachkriegszeit. Vieles über das Gebäude liegt bis heute im Dunkeln. Weder vollständige Baupläne noch genaue Informationen zur Konstruktion konnten bislang gefunden werden.

Betrieben wurde das Haus vom Zirkus Williams unter der Leitung von Carola Williams, geboren als Carola Althoff. Sie entstammte einer der bedeutendsten deutschen Zirkusdynastien überhaupt. Der Name Althoff hatte die europäische Zirkusgeschichte über Jahrzehnte geprägt – verschwand jedoch aus dem Namen des Unternehmens, als sie Harry Williams heiratete. Aus dem traditionsreichen Zirkus Althoff wurde der Zirkus Williams. Dass sich das öffentliche Vermächtnis einer Frau und ihrer Familiengeschichte im Namen des Ehemanns auflöste, legt auch die patriarchalen Strukturen offen, die bis heute wirken.  

Doch auch der Williams-Bau bestand nur wenige Jahre und wurde bereits 1956 wieder rückgebaut – ähnlich kurzlebig wie zuvor das Carré-Gebäude am Neumarkt. 1957 bezog der Zirkus Williams ein Winterquartier in Köln-Mülheim, bevor sich Carola Williams 1968 vollständig aus dem Geschäft zurückzog. Damit löste sich der Zirkus nach und nach auf. Umso symbolischer wirkt es, dass das ehemalige Winterquartier in Mülheim Anfang der 1980er-Jahre schließlich von dem jungen Circus Roncalli übernommen wurde – als würde sich der Kölner Zirkus seinen Raum zurückerobern.

Und alles, was an diese Geschichte heute noch erinnert, ist eine Steintafel am Grüngürtel gegenüber vom Aachener Weiher und seit kurzem der neue Wikipediaartikel von Mirjam Hildbrand und Johanna Hilari.

Die Geschichte des Zirkus zeigt, dass feste Orte weit mehr sind als bloße Spielstätten. Sie schaffen die Möglichkeit, Menschen langfristig zusammenzubringen, Teil des Stadtbildes zu werden und Künstler:innen einen dauerhaften Ankerpunkt zu bieten. Während der Zirkus lange mit Mobilität und dem Bild des reisenden Zeltes verbunden wurde, waren stabile räumliche Strukturen immer wieder entscheidend für seine Entwicklung und gesellschaftliche Sichtbarkeit. Und heute reagieren Künstler:innen auf diese Lücke, in dem sie zum Beispiel eine alte Industriehalle auf dem Osthofgelände in Köln Kalk in das Creation Centre Conteompory Circus umwandeln und der Szene, aber auch der Stadt und dem Publikum wieder einen Ort geben.

 

Quellen:

Hildbrand, Mirjam. 2023. Theaterlobby attackiert Zirkus. Zur Wende im Kräfteverhältnis zweier Theaterformen zwischen 1869 und 1918 in Berlin. Bd. 4. Ästhetische Praxis. Brill Fink.

Trapp, Franziska. 2020. Lektüren des Zeitgenössischen Zirkus: Ein Modell zur text-kontext-orientierten Aufführungsanalyse. De Gruyter.

Erschienen am 26.5.2026

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