Vorwort
Erschienen in: Pro Specie Rara. Eine Dramaturgie der Peripherie – Theater Chur 2006–20 (06/2020)
Theater in der Peripherie erfordern eine spezifische Programmgestaltung für ein heterogenes Publikum in ländlichen Regionen oder Agglomerationen fern von urbanen Zentren. Bevor die Schweizer Kulturpolitik Begriffe wie «Teilhabe» und «Diversität» auf ihre Agenden setzte, haben Theater in der Peripherie sie längst entwickelt. Das Theater Chur ist ein Beispiel für die aktuelle Diskussion. Seit dem Wechsel des Stadttheater Chur vom Ensemble- und ab 1992 Gastspielhaus in das koproduzierende Theater Chur 2006 wurde kontinuierlich eine «Dramaturgie der Peripherie » entwickelt. Wir, die Direktorinnen 2010 – 2020 und unser Vorgänger Markus Luchsinger 2006 – 2009 (†) haben für das Theater Chur eine Programmdramaturgie entwickelt, die zwischen Tradition, Identität und Innovation vermittelt. Unser Ziel war es, das Potenzial der ästhetisch starken Bergregion Graubünden herauszufordern, um ein aktuelles T heater der Gegenwart mit lokal und global vernetzten Koproduktionen aufzubauen. Unsere «Dramaturgie der Peripherie » soll die kulturelle «Pro Specie Rara» stärken: Das Buch zeigt in ausgewählten Texten von Expert*innen, Autor* innen und Theaterschaffenden die bereichernde «Sortenvielfalt im Theater» in einer Bergregion, die drei Landessprachen spricht, ein Vierländereck ist und eine grosse Breite an Landschaften und Menschen kennt. Die im zweiten Teil des Buches veröffentlichte Chronologie der Veranstaltungen des Theater Chur 2006 – 2020 veranschaulicht die vernetzende Vielfalt des kuratierten Programms.
Mit der weltweiten Verbreitung des Coronavirus veränderte sich schnell vieles. Die Aufführungen der Saison 2019 / 20 endeten vorzeitig am 28. Februar 2020, dem Tag, an dem der Kanton Graubünden, in enger Nachbarschaft zum bedrohlichen Corona-Notstand in Italien und Tessin, sämtliche überregionalen Veranstaltungen ab 50 Personen verbot, bevor die Schweizer Bundesregierung und andere Kantone nachzogen. Das für Mai 2020 programmierte grosse Saisonfinale, das zwei Jahre intensiv vorbereitete Schweizer Theatertreffen im Theater Chur, der Postremise Chur und dem TAK Theater Liechtenstein sowie die Schweizer Theaterpreisverleihung durch das Bundesamt für Kultur mussten ebenfalls abgesagt werden. Sämtliche Beiträge für dieses Buch wurden vor dem «Lockdown» geschrieben, und die Erfahrung der monatelangen Unmöglichkeit von Veranstaltungen hätten sie wahrscheinlich anders klingen lassen.
Müssen wir die Dramaturgie der Peripherie, müssen wir Theater und Kultur nach Corona völlig neu denken und neu erfinden? Öffnen sich neue Wege, Theater über geografische Distanzen und Sprachgrenzen hinweg zu etablieren? Wie können die darstellenden Künste, die die physische Nähe von Spielenden und Zuschauenden zum Atmen brauchen, sich im Live-Act in virtueller Distanz vermitteln? Müssen wir uns in eine andere Kunst verwandeln, uns neuer Technologien bedienen? Sind Livestream und digitales Theater das Theater der Zukunft? Oder wenden sich viel mehr Menschen, sobald das wieder möglich ist, dem Live-Erlebnis, der direkten Begegnung und Auseinandersetzung zu, da wir die Grenzen digitaler Kommunikation und was uns dabei fehlt, so radikal erlebt haben? Nach der ersten Schockstarre sind wir auf der Suche nach der Zukunft.
Ute Haferburg und Ann-Marie Arioli
Mai 2020

















