Theater der Zeit

Auftritt

Theater Freiburg: Friedhofsblumen

„Der große Gopnik“ von Viktor Jerofejew – Regie Eike Weinreich, Bühne Bettina Meyer, Kostüme Bianca Deigner, Musik Nikolaus Kuhl

von Bodo Blitz

Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Eike Weinreich Theater Freiburg

Eine Bilderreise: Raban Bieling in „Der große Gopnik“ am Theater Freiburg.
Eine Bilderreise: Raban Bieling in „Der große Gopnik“ am Theater Freiburg. Foto: Laura Nickel

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Der intensivste Moment der Premiere liegt im Augenblick des Schlussapplauses. Das Regieteam hat bereits die Bühne betreten, und bittet Autor Victor Jerofejew zu sich. Dieser folgt der Aufforderung, zögerlich, bescheiden und sichtlich gerührt. Er greift zum Mikrofon, um dem gesamten Inszenierungsteam seinen Dank und Respekt zum Ausdruck zu bringen. Muksmäuschenstill wird es da im Großen Haus des Theater Freiburg. Alle haben das Gefühl, Teil einer bedeutenden Veröffentlichungzu sein – der Uraufführung eines politisch hoch brisanten und überaus aktuellen Romans.

Tatsächlich ist dem Theater Freiburg unter Intendant Peter Carp ein regelrechter Theater-Coup gelungen. Der Autor des hochgelobten Romans „Der große Gopnik“ hat extra für das Theater Freiburg eine Spielfassung erstellt. In der Figur des Gopniks – russisch für Rowdy, Hinterhofschläger, Hooligan – verbirgt sich unschwer zu erkennen der russische Staatspräsident Wladimir Putin. Jerofejew unternimmt in seiner Theaterfassung den Versuch, Gegenwartspolitik sinnlich erfahrbar und rational erklärbar zu machen. Dabei zeichnet er ein enorm breites Panoptikum von Stalin bis Putin, von der ohnmächtigen liberalen Opposition bis zu den naiven Deutschen, von Großmachtsphantasien bis zum Krieg gegen die Ukraine. Und das Theater Freiburg bereitet diesem Stück die ganz große Bühne, stemmt das Drama für über 850 Zuschauer auf die Theaterbretter im Großen Haus. Alle, aber wirklich alle Anstrengungen werden unternommen, um dem epischen Stoff des Romans Theaterleben einzuhauchen. Da wären die große Statisterie zu nennen; Videoeinspielungen vom ukrainischen Kriegsschauplatz  bis zum Kreml; eine Drehbühne mit mehreren Spielorten; fulminante Musik, nach der Pause häufig im Techno-Stil, die den brutalen Takt des Putin-Regimes vorgibt. Nicht zuletzt die Kostüme sorgen für Anschaulichkeit, etwa wenn Stalin in der Sauna einen überdimensionierten Schwanz mit sich herumträgt, oder wenn die Figur der Muse O. anfangs mit durchsichtigem Kleid den Blick auf ihre Scham freigibt. Die Erotik der Macht, sie bleibt so einsehbar. Überdimensional groß überragen die Beine und der Unterleib eines monumentalen Standbildes ohne Oberkörper den Bühnenraum – Chiffre eines dekonstruierten Machthabers? Die Inszenierung gleicht einer Bilderreise, die vom Angriff auf die Ukraine ihren Ausgang nimmt. Am Ende verstreut die Muse O. Friedhofsblumen auf die weißen Stufen zum halbierten Monument. Das Sterben, so lässt sich dieser ruhige Ausklang lesen, ist noch nicht vorbei; die Opfer eines grausamen Krieges so frisch wie diese Blumen; die Gefahr, welche vom großen Gopnik ausgeht, keineswegs gebannt. Jerofejew verweist in seinen Dankesworten nicht von ungefähr auf diese „Friedhofsblumen“, wie er sie nennt. Die Wunde mitten in Europa ist offen, und Jerofejew legt in fast jeder Sentenz seines Bühnenstückes den Finger hinein.

Und doch liegt in dieser Aktualität des Stückes eine Gefahr, was die theatrale Umsetzung anbelangt. Tatsächlich ist der Stoff, mit dem sich Jerofejew beschäftigt, größer als das Stück. Auch wenn Jerofejew im Interview auf die Fiktionalität seiner Figuren verweist, bleiben die Assoziationen zu realen Figuren russischer Herrschaft und Opposition omnipräsent. Was da auf der Bühne verhandelt wird, ist weitgehend bekannt – wie sollte es auch anders sein? Regisseur Eike Weinreich und sein Team sind sichtlich bemüht, den Mangel an Überraschungen theatralisch aufzufangen. So nutzen sie den im Stück angelegten Kontrast zwischen dem großen Gopnik auf der einen und dem liberalen Schriftsteller auf der anderen Seite, um vom Epischen ins Dialogische zu gelangen. Während Martin Hohner einen energetischen, sprunghaften, narzisstischen Gopnik gibt, verleiht Thieß Brammer seiner Rolle des Schriftstellers den einordnenden Tonfall des Welterklärers. So kommentiert er gleichzeitig Gespieltes. Es ist unschwer zu erkennen, dass sich der Autor über diese Figur des Schriftstellers selbst in sein Bühnenstück eingeschrieben hat. Und tatsächlich kann sich das Publikum am auktorialen Gestus dieses Schriftstellers quasi festhalten. Jana Horstmann gelingt das Kunststück, in ihrer Rolle der Muse O. das Bühnengeschehen zu lenken und wiederholt zu dynamisieren. Es ist eine insgesamt starke Ensembleleistung, getragen von dem Bemühen, die Typenhaftigkeit aus Jerofejews Spielvorlage mit Leben zu füllen. Der Autor selbst hat sein Drama als „Horrorkomödie“  bezeichnet, und das trifft die plakative Entblößung sowohl russischer Macht als auch oppositioneller Naivität. Das Drama dieser russischen Politik rücksichtsloser Stärke nach innen wie außen, es ist nach dem Ende des Theaterabends noch lange nicht vorbei.

Erschienen am 17.4.2024

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