7.1. Drei Beispiele stimmlich-sprachlicher Präsenz (und Nicht-Präsenz)
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Dieses Kapitel tritt in Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Präsenzkonzepten. Ausführlich betrachtet wird das Konzept von Erika Fischer-Lichte, das in der gegenwärtigen theaterwissenschaftlichen Diskussion eine prominente Stellung einnimmt.
Was die meisten der betrachteten Präsenztheorien eint, ist die Auffassung, Texten wie auch gesprochener Sprache könne keine wirkliche Präsenzqualität zugesprochen werden. In beiden Fällen kämen in ihrer Bedeutung festgelegte und wiederholbare Zeichen ins Spiel, denen schon aus diesem Grund echte Gegenwärtigkeit abgehe. Diese Auffassung korreliert nicht nur mit dem Einsatz von Text und Sprache in der zeitgenössischen Inszenierungs- und Aufführungspraxis; sie beginnt darüber hinaus, wie in der Einleitung erwähnt, Einfluss auf das Ausbildungsangebot an Schauspielschulen zu nehmen.
Implizit, so könnte man sagen, war der Impetus der gesamten bisherigen Untersuchung darauf gerichtet, die genannte Auffassung zu widerlegen. Sprechen auf der Bühne, so war zu zeigen, ist durchaus präsenzfähig. Gestützt wird dies Ansicht durch die bereits im zweiten Kapitel vorgenommene Wahl einer Texttheorie, welche der semiotischen diametral entgegengesetzt ist. Die rezeptionsästhetisch und phänomenologisch orientierten Texttheorien von Roman Ingarden und Wolfgang Iser stellen die produktive Rolle des Lesers in den Vordergrund: Die individuelle, mit nichts Vorangehendem vergleichbare Textrezeption des aufmerksamen Lesers macht aus den Buchstaben des Textes ein Werk, welches als Amalgam zwischen Autorenintention und Leserinteresse...
















