Theater der Zeit

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Auftritt

Schleswig-Holsteinisches Landestheater: Auf dem sinkenden Sofa eingerichtet

„Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch – Regie Sonja Streifinger, Dramaturgie, Bühne und Kostüme Martin Apelt

von Kristof Warda

Assoziationen: Theaterkritiken Schleswig-Holstein Sonja Streifinger Schleswig-Holsteinisches Landestheater und Sinfonieorchester

Wenn ein Sofa zum Aushandlungsort sozialer Fragestellungen wird: „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch in der Regie von Sonja Streifinger am Schleswig-Holsteinisches Landestheater.
Wenn ein Sofa zum Aushandlungsort sozialer Fragestellungen wird: „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch in der Regie von Sonja Streifinger am Schleswig-Holsteinisches Landestheater.Foto: Henrik Matzen

Gottlieb Biedermann lässt sehenden Auges zwei dubiose Gestalten, die Brandstifter Schmitz und Eisenring, in sein Haus einziehen. Obwohl in der Stadt bereits zahlreiche Brände wüten und die Gäste unverhohlen Benzinkanister auf seinem Dachboden horten, verleugnet Biedermann die offensichtliche Bedrohung aus Feigheit und dem Wunsch, kein „Unmensch“ zu sein. Anstatt die Täter zu vertreiben, lässt er sich manipulieren und wird zum Mittäter, der den Brandstiftern schließlich selbst die Streichhölzer überreicht.

68 Jahre nach seiner Uraufführung erlebt Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ wieder mal eine Renaissance auf den Theaterbühnen im Land. Was macht diese Geschichte über einen Haarwasserfabrikanten, der sich die eigene Vernichtung ins Haus holt, heute wieder so aktuell? Auf der Bühne der Kammerspiele in Rendsburg erhalten wir keine plakative Antwort darauf. Regisseurin Sonja Streifinger widersteht der Versuchung, die Leerstellen in Frischs „Lehrstück ohne Lehre“ mit tagesaktuellen, zeitgenössischen Deutungen zu füllen. Sie vertraut auf die Stärke des Textes und die Assoziationen des Publikums.

Die Bühne liefert subtile Anknüpfungspunkte. Ein überdimensioniertes, weißes Sofa dominiert den Raum. Es steht schräg, versinkt auf einer Seite im Boden. Biedermann (René Rollin) und seine Frau Babette (Illi Oehlmann) betreten es sockfuß und versuchen, es peinlich vor Weinflecken und sonstiger Beschmutzung zu schützen. Hier fläzt ein selbstzufriedener Biedermann nach Feierabend, doch hier nehmen auch die Brandstifter (Martin Maecker, Steven Ricardo Scholz) im Verlaufe des Stückes immer selbstverständlicher Platz. Über dem Sofa, dessen Schieflage aufnehmend, zeigt ein großes naturalistisches Gemälde einen alten Feuerwehr-Leiterwagen. Wer hat so etwas im Wohnzimmer hängen und lässt gleichzeitig Brandstifter ins Haus? Jemand, der auf die Institutionen vertraut und sich selbst als Säule der Gesellschaft sieht? Oder spitzer formuliert: Jemand, der die Verantwortung ausgelagert hat? Für den die demokratischen Institutionen nur Dekoration sind, schmückendes Beiwerk bei der Verfolgung der eigenen Ziele? Der an die Ordnung glaubt, ohne sie zu verteidigen? Jemand, der verdrängt, dass das aktuelle Gesellschaftsmodell längst Schiffbruch erlitten hat und er selbst einer der Gründe dafür ist? Gottlieb Biedermann ist kein monströses Ungeheuer, sondern ein ganz normaler Kapitalist, der sich selbst für einen guten Menschen hält. Seine große Schwäche ist die Angst vor der Peinlichkeit und der Wunsch, bloß nicht als „Unmensch“ oder „Spießer“ zu gelten. Diese Eitelkeit und eine fatale Bequemlichkeit führen dazu, dass er sein Sofa sehenden Auges auf den Eisberg zusteuert.

Die Figur des Biedermann begleitete Max Frisch über viele Jahre. Die Grundzüge des Stückes finden sich bereits in einer Prosaskizze unter dem Titel „Burleske“, die Frisch Ende der 1940er Jahre in sein Tagebuch notierte. Frisch baute den Stoff noch mehrfach um. So entstand zunächst das Hörspiel „Herr Biedermann und die Brandstifter“, das 1955 erstausgestrahlt wurde. 1958 folgte die Theaterfassung, in der Frisch das Geschehen durch einen Feuerwehrchor kommentieren ließ, eine ironische Anspielung auf die Form des antiken Chores. Ein „Nachspiel in der Hölle“ verfasste Frisch sogar erst nach der Uraufführung in Zürich, die ihm zu eindeutig war. Auf das Nachspiel verzichtet man in Rendsburg. Und der Chor ist eingedampft auf einen Kommentator (Tomàs Ingacio Heise), dessen feierlich pseudoantike Diktion im Kontrast zu den sonst oft floskelhaften Dialogen im Stück verdeutlicht, wie weit entfernt und entfremdet von der Polis sich Biedermann auf seinem sinkenden Sofa eingerichtet hat.

Max Frisch nannte sein Stück ein „Lehrstück ohne Lehre“, da er zwar Fragen stellen, aber keine Patentrezepte anbieten wollte. Der literarischen Form der Parabel kehrte er einige Jahre nach den Brandstiftern den Rücken, da sie „unweigerlich einen didaktischen Trend hat“ und „ich durch die Form der Parabel mich nötigen lasse, eine Botschaft zu verabreichen, die ich eigentlich nicht habe“. Bei aller Deutungsoffenheit bekommt das Publikum also auch in Rendsburg unweigerlich eine Botschaft verabreicht: wie offen und frei das Zerstörerische walten kann, wenn es sich den Bürger durch dessen eigene Feigheit zum Komplizen macht.

Erschienen am 30.3.2026

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