Fazit
Erschienen in: Im Fokus: Freies Kinder- und Jugendtheater – Studien zur Situation 2017–2022 (04/2024)
Ziel dieser quantitativen Erhebung war es, einen vertieften Einblick in die Produktionsbedingungen Freier Kinder- und Jugendtheater zu erhalten und dabei insbesondere Erkenntnisse zu betriebswirtschaftlichen Aspekten zu gewinnen.
Dazu wurden die Daten von 258 Freien Theater für junges Publikum in insgesamt 541 Förderanträgen des Rettungsprogramms NEUSTART KULTUR - Junges Publikum ausgewertet. Die Daten erfassen den Spielbetrieb sowie die Einnahmen und Ausgaben der Theater im Zeitraum 2017–2020 und betreffen somit den Zeitraum vor Ausbruch und während der COVID-19-Pandemie. Ihre konkreten Auswirkungen auf die Freien Darstellenden Künste für junges Publikum müssen gesondert erforscht werden.
Die Freien Kinder- und Jugendtheater bilden eine wichtige Säule für das flächendeckende kulturelle Theaterangebot für junge Menschen. So spielen sie bspw. mit rund 22 000 Vorstellungen pro Jahr, fast genauso viele Aufführungen, wie die öffentlichen Theater in den Kinder- und Jugendtheatersparten. Die Spielpläne konzentrieren sich vornehmlich auf Vorstellungen für Kinder im Vor- und Grundschulalter. So wurde für 53 Prozent der geförderten Inszenierungen eine Altersempfehlung von vier bis sechs Jahren gegeben. 31 Prozent der Inszenierungen haben sich an Kleinkinder bis drei Jahren gerichtet.
Die strukturelle Analyse hat gezeigt, dass die meisten der befragten Theater Einzelunternehmer*innen sind (34 Prozent). Weitere 32 Prozent sind als GbR organisiert, die insgesamt für 40 Prozent der produzierten Inszenierungen in den Jahren 2017–2019 verantwortlich waren. Sie nehmen hierbei einen überproportionalen Anteil ein, der unter anderem auf eine projektorientierte Kulturförderung in dieser Zeit zurückgeführt werden kann. Während gGmbHs nur 4 Prozent aller in der Studie erfassten Theater darstellen, erbringen sie 11 Prozent der verzeichneten jährlichen Spieltermine, was ein überdurchschnittliches Verhältnis darstellt. Dies zeigt zudem, dass größere Strukturen, welche auch häufiger über eine eigene Bühne verfügen, in der Lage sind, mehr Vorstellungen zu spielen und damit in der Regel höhere Einnahmen erzielen als beispielsweise GbRs, in denen zeitliche und personelle Ressourcen durch Probearbeiten für die verhältnismäßig höhere Anzahl von Neuinszenierungen gebunden werden.
Grundsätzlich sind Freie Kinder- und Jugendtheater in der gesamten Bundesrepublik angesiedelt. Räumliche Konzentrationen befinden sich im Westen des Landes und in Berlin. Nur etwa ein Drittel der befragten Theater verfügt über eine eigene Spielstätte, Miet- und Pachtverhältnisse eingeschlossen. In den gesamten Freien Darstellenden Künsten sind es hingegen knapp 71 Prozent. Folglich sind Tourneen und Gastspiele als wesentliches Strukturmerkmal der betrachteten Theater anzuerkennen. Sie schaffen damit maßgeblich eine kulturelle Infrastruktur, damit junge Menschen Theater oder allgemeiner Kultur erleben können. In der Auswertung wird ein Zusammenhang zwischen der Gastspieltätigkeit, der Anzahl Freier Kinder- und Jugendtheater in der Region sowie der dortigen Bevölkerungsdichte von Einwohner*innen unter 18 Jahren deutlich. In Bundesländern, in denen diese Faktoren am stärksten voneinander abweichen, so beispielsweise in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen, wurden zwischen 2017 und 2019 besonders viele Gastspiele durchgeführt. Während Theater in den ländlichen Regionen der Flächenländer tendenziell eher in näherer Umgebung um ihren Standort auftreten, nehmen Theater aus städtischen Gebieten im Durchschnitt eher weitere Reisen für Gastspiele auf sich und spielen dabei vorwiegend in städtischen Regionen. Die Auswertung zeigte weiterhin, dass noch nicht alle Landkreise in Deutschland erreicht werden, was die wichtige Rolle von Gastspielen gerade in ländlichen Räumen für die kulturelle Grundversorgung betont. Denn Kultur darf nicht nur als weicher Standortfaktor betrachtet werden, sondern muss als wesentlicher Bestandteil der regionalen Entwicklung und Daseinsvorsorge berücksichtigt werden.
Die in Ansätzen umgesetzte Bedarfsanalyse für Kinder- und Jugendtheater hat gezeigt, dass im Bundesdurchschnitt nur 1,9 Freie Theater für junges Publikum pro 100 000 Einwohner*innen unter 18 Jahren zur Verfügung stehen. Somit würde jedem der betrachteten Theater ein potenzielles Publikum von rund 50 000 jungen Menschen zur Verfügung stehen, Begleitpersonen nicht eingerechnet. Der Markt bietet hier folglich ein erhebliches Potenzial.
Die betriebswirtschaftliche Lage der Freien Kinder- und Jugendtheater zeigt eine hohe Eigenfinanzierungsquote von durchschnittlich 71 Prozent, wobei kleinere Strukturen mit 80 – 90 Prozent hier überdurchschnittlich hohe Anteile aufweisen. Der Zugang zu Fördermitteln variiert je nach Größe und Rechtsform der Theater. Die Auswertung verdeutlicht, dass besonders Theater mit größeren Strukturen Zugang zu Fördermitteln haben. Der durchschnittliche Anteil von Fördergeldern am Gesamtetat beträgt bei gGmbHs 39 Prozent und bei Vereinen knapp 46 Prozent. Weiterhin ist die betriebswirtschaftliche Lage der Theater durch niedrige Eintrittspreise von durchschnittlich 5,50 Euro pro Kind geprägt. Durch die hohe Eigenfinanzierungsquote gerade bei Einzelunternehmer*innen wurde ein alarmierend niedriger durchschnittlicher Rohertrag aus Ticketeinnahmen beziehungsweise Honorarzahlungen von 47,59 Euro je Aufführung errechnet. Im jährlichen Durchschnitt beträgt der Bruttogewinn von Einzelunternehmer*innen rund 22 000 Euro und 12 000 Euro pro Gesellschafter*in in einer GbR. Diese niedrigen Gewinnspannen machen eine Querfinanzierung der künstlerischen Arbeit durch andere Erwerbsbereiche notwendig. Besonders Einzelunternehmer*innen und GbRs wanden im Vergleich zu den übrigen Rechtsformen in der Untersuchung verhältnismäßig niedrige Ausgaben für Personal auf, was als Indikator für unentgeltliche Arbeit gedeutet wird. Solche nicht vergüteten Tätigkeiten spielen besonders in kleineren Theaterstrukturen eine wesentliche Rolle für den Erhalt des Spielbetriebs und ausgeglichene Jahresabschlüsse. Verbunden ist dies ebenfalls mit einer inkonsistenten und intransparenten Erfassung von Arbeitsstunden, wodurch ein belastbares Ressourcenmanagement erschwert wird. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Freien Kinder- und Jugendtheater ist daher in vielen Fällen nicht ausreichend gesichert und der Erhalt der Theater mit prekären Arbeitsbedingungen und unbezahlter Arbeit verbunden.
Die Auswertung des Förderprogramms NEUSTART KULTUR – Junges Publikum verdeutlicht, dass es einen erheblichen Bedarf an struktureller Weiterentwicklung gibt und finanzielle Defizite vorherrschen. Die Fördermittel in Höhe von 23 Mio. Euro für den Zeitraum Mai 2021 bis Juni 2023 waren eine existenzielle Maßnahme für den Erhalt der Freien Kinder- und Jugendtheater und gegen die negativen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie. Mit dem Modul C des Förderprogramms wurden neue Impulse im Bereich der Publikumsakquise gesetzt. Die umfangreiche Datenbasis, die aus der Antragstellung hervorgeht, konnte gleichzeitig erfolgreich genutzt werden, um empirisch und faktisch den desolaten Zustand der Produktionsbedingungen vieler Freier Theater für junges Publikum aufzuzeigen. Ein nächster Schritt ist nun, da die strukturellen Defizite und Leerstellen der Kinder- und Jugendtheaterlandschaft offengelegt wurden, darauf zu reagieren und langfristige Unterstützungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Die Studie stellt die wichtige Rolle der Freien Kinder- und Jugendtheater bei der kulturellen Grundversorgung junger Menschen heraus. Eingangs wurde auf die Studie von Birgit Mandel aus dem Jahr 2020 verwiesen, in der 89 Prozent der Befragten ein Programm für junges Publikum von Stadt- und Staatstheatern erwarten. Und obwohl Kinder- und Jugendtheater als meritorisches Gut anerkannt ist, arbeiten zahlreiche Freie Theaterschaffende in den Darstellenden Künsten für junges Publikum unter prekären Bedingungen und sehen sich mit betriebswirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert, die eine nachhaltige Entwicklung und Existenzsicherung erschweren. Es besteht eine massive Diskrepanz zwischen ideeller und materieller Wertschätzung. Eine nachhaltige Kulturförderung für die Freien Darstellenden Künste für junges Publikum muss die speziellen Bedürfnisse der Freien Kinder- und Jugendtheater berücksichtigen und für eine nachhaltige Wirkung auch die Struktur der Theaterlandschaft, wie Verbände und Vernetzungsaktivitäten fördern. Mit einem starken Rückhalt können Theaterakteur*innen zu angemessenen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen Kunst für junge Menschen konzipieren, produzieren und zur Aufführung bringen. Dies stellt die Grundlage dafür dar, dass Kinder und Jugendliche an Kultur, an den Darstellenden Künsten, teilhaben und sie aktiv mitgestalten können.















