Auftritt
Theater Bielefeld: Helden sind Monster
„Kassandra“ von Mathis Nitschke und Stefan Behrisch (UA), Text von Nadja Loschky und Yvonne Gebauer nach der Erzählung von Christa Wolf – Musikalische Leitung Anne Hinrichsen, Inszenierung Nadja Loschky, Konzeptionelle Mitarbeit Yvonne Gebauer, Bühne Katharina Schlipf, Kostüme Irina Spreckelmeyer
von Stefan Keim
Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Dossier: Musik im Schauspiel Nadja Loschky Theater Bielefeld

Die Bühne ist eine schräge Holzfläche. Löcher klaffen darin, als ob Bomben eingeschlagen hätten. Darauf steht eine Frau im schmutzig-weißen Kleid, Kassandra, die Seherin, auf die niemand gehört hat. Ihre letzte Prophezeiung ist der eigene Tod. Sie hat nur noch ein paar Stunden zu leben. Gedanken, Bilder, Erinnerungen schießen ihr durch den Kopf: an den Trojanischen Krieg, die geschlachteten Brüder, die Demütigungen und die Gewalt, die sie selbst erlitten hat. Weil sie die Katastrophe vorausgesehen hat. Aber ihre Kassandra-Rufe passten nicht zum Denken der Herrschenden.
Christa Wolfs wuchtige Erzählung „Kassandra“ wurde in den achtziger und neunziger Jahren zur Metapher auf die zu Ende gehende DDR. Diese Ebene spielt in der Bielefelder Fassung nun keine Rolle mehr. Hier rufen die kraftvollen Texte die heutigen Kriege und die allgegenwärtigen Schreckensbilder in die Köpfe des Publikums. Außerdem zerstört Kassandra die männlichen Heldenmythen. Achill ist hier kein großer Krieger, sondern ein „Vieh“, ein gewissenloser Mörder. Kassandra hat keine Ahnung, ob jemand ihre Worte hören wird, ob die Erinnerung an sie mit ihrem Tod gänzlich ausgelöscht wird. Aber sie kann nicht anders, als immer weiter zu warnen, an die Vernunft zu appellieren. Das ist ihr Schicksal.
Die emotionale Kraft der griechischen Tragödie wirkt durch all die vielen Schichten der Bearbeitungen hindurch. Das liegt vor allem an der überragenden – oder um im antiken Vokabular zu bleiben titan:innenhaften – Schauspielerin Christina Huckle. Sie schäumt und brüllt, argumentiert, krümmt sich und leidet, steht immer wieder auf, findet sogar die Kraft, die Mächtigen ironisch zu karikieren. Zum Beispiel im Dialog mit ihrer eigenen Hand, die ihren Widersacher darstellt. Einfachste Mittel sind manchmal die wirkungsvollsten. Zeigen Schauspielkunst.
Der Chor bleibt eine Ansammlung schwarzer Schatten, ein Resonanzraum. Er trägt weiße Masken vor sich, die am Ende direkt an der Bühnenkante niedergelegt werden, Stellvertreter:innen für alle, die ähnliche Schicksale erleben müssen und mussten. Die Bielefelder „Kassandra“ ist eine Mischung aus Oratorium und Schauspiel. Die Komponisten Mathis Nitschke und Stefan Behrisch haben bereits für Konzertsaal, Theater, Film und Popbands gearbeitet. Sie arbeiten mit sich wiederholenden Phrasen, ohne in den Rausch der minimal music zu gelangen. Der Chor murmelt oft kaum verständlich einzelne Worte, dann peitscht er explosiv im jagenden Rhythmus Namen der Kriegsopfer oder einzelne Sätze heraus. Das erinnert manchmal an Carl Orffs „Carmina Burana“.
Sehr effektvoll gelingt die Untermalung der gesprochenen Passagen. Die von Anne Hinrichsen zupackend und feinfühlig dirigierten Bielefelder Philharmoniker schaffen stimmungsvolle Resonanzräume, der E-Cellist Mathis Mayr korrespondiert mit der Schauspielerin auf improvisative Weise. Jeder Abend ist anders. Überhaupt ist der kreative Prozess dieser Aufführung interessant. Denn die Komponisten kamen nicht mit einer fertigen Partitur nach Bielefeld, das Stück wurde auf Basis ihrer Skizzen während der Proben gestaltet. Das wäre nicht an allen Musiktheatern möglich, aber in Bielefeld gibt es eine Tradition der Offenheit und Experimentierfreude.
Das liegt auch an der Intendantin Nadja Loschky, die da unmittelbar an ihren Vorgänger Michael Heicks anknüpft. Sie hat zusammen mit Yvonne Gebauer die Textfassung geschrieben und ebenso atmosphärisch dicht wie inhaltlich genau inszeniert. Bei aller Komplexität ist „Kassandra“ direkt, verständlich und mitreißend. Was zu einem riesigen Jubel des Publikums im ausverkauften großen Haus führte. Vor allem die Schauspielerin Christina Huckle, die den gesamten Abend trägt, wurde zu Recht gefeiert. Von ihr, verrät Nadja Loschky im Programmheft, kam überhaupt die Idee, sich mit „Kassandra“ zu beschäftigen. Auch das ist eine tolle Bielefelder Tradition: Die Theaterleitung hört auf die Wünsche der Schauspieler:innen. So kommen immer wieder Aufführungen heraus, in denen die gemeinsame Leidenschaft zu spüren ist. An diesem Abend ist Kassandra zu hören, ihre Warnungen, ihr Leiden, ihre Analysen verkrusteter Machtstrukturen wird niemand im Publikum so schnell vergessen können.
Erschienen am 23.2.2026





.jpeg&w=3840&q=75)















