Bericht
Brennende Herzen
Zur Woche der jungen Regie in Meiningen zeigt der Regienachwuchs konzentrierte Versuchsanordnungen, die den Blick auf gebrochene Biografien, beschädigte Erinnerung und prekäre Zukünfte richten.
von Lina Wölfel
Assoziationen: Thüringen Regie Dossier: Festivals Meininger Staatstheater

Dass zumindest die Schauspielsparte des Meininger Staatstheaters ein Händchen für Nachwuchsförderung hat, sollte schon beim Blick auf das Schauspielensemble, spätestens nach der kürzlichen Premiere von „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ in der Regie von Marten Straßenberg klar werden. Nun widmet sich das Haus – anlässlich des 200. Geburtstages von Theaterherzog und Erfinder des regieführenden Intendanten, auch dem Regienachwuchs. Die Jubiläumsspielzeit wurde zum Anlass, erstmalig die „Woche der jungen Regie“ in Meiningen auszurichten und sechs Arbeiten von verschiedenen deutschen Regieschulen in die südthüringische Kleinstadt einzuladen. Ausgewählt wurden die Produktionen aus 42 Bewerbungen von einer hausinternen Jury, ergänzt durch den Regisseur und Festivalkurator Ronny Jakubaschk. Begleitet durch einen ganztägigen Regieworkshop mit Andreas Kriegenburg und täglich stattfindende Impulse, entstand so über die Woche hindurch ein lebhafter Festivalcampus in und um die Kammerspiele des Staatstheaters. So lebhaft, dass, auch wenn am Ende mehrere Preise vergeben wurden – der Hauptpreis beinhaltet sogar eine eigene Regiearbeit am Haus – zu keinem Zeitpunkt eine rivalisierende Stimmung aufkam. Nein, die Herzen vor Ort brannten. Vor Hunger nach neuen Ästhetiken, neuem Input, der Sehnsucht nach Austausch, Leidenschaft an der Debatte.
„Kostja“ von Sara Çalişkan, Regie Alessa Bollak
Gleich zu Beginn markiert „Kostja“ von Sara Çalişkan in der Regie von Alessa Bollak den Übergang vom klassischen Figurenpsychogramm zur Datenbiografie. Ein junger Mann fragt sich, was er nach seinem Tod hinterlassen wird, wer seinen Platz einnehmen könnte – und landet bei der „Digital Afterlife Industry“, die aus Textnachrichten, Ton- und Bildaufnahmen mittels Künstlicher Intelligenz Chatbots und Avatare Verstorbener erzeugt. Die Trauerarbeit verlagert sich damit an die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, der Körper wandert auf Server, der Abschied wird zu einer technisch organisierbaren Variable – das Jenseits in der Cloud. Dieser Avatar wird auf geradezu christlich-ikonische Weise inszeniert – ein Heilsversprechen? Oder gruselige Tech-Dystopie? Das kann man selbst herausfinden, Fragen stellen. Auch, wenn die KI Redner:innenwechsel noch nicht immer erkennt, der Avatar auf der Leinwand innehält, nach passenden Antworten sucht – gerade die Inszenierung dieser Bruchstellen hat es in sich. Selbst wenn von Tschechows „Die Möwe“ scheinbar nicht viel mehr übrig geblieben ist als der Name „Kostja“, vermutet man, auch hier könne es am Ende um unerfüllte Liebe und zerbrochene Träume gehen, das Scheitern an den eigenen Sehnsüchten und Eitelkeiten. Bollak, ausgebildet an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, situiert ihre Regiearbeit an den Schnittstellen zwischen physischer Präsenz und digitaler Simulation, privater Intimität und algorithmischer Auswertung, zwischen Endlichkeit und endlos reanimierter Stimme.
„Being Jonas Weber“ von Jonas Weber und Leon Post, Regie Jonas Weber
Also: Besser noch zusammenschließen, bevor man tot ist. Dann erinnert sich sicher jemand an einen. Was aber, wenn man gar nicht so einzigartig ist, wie man denkt? „Being Jonas Weber“ von Leon Post und – natürlich – Jonas Weber kollektiviert die Frage nach der eigenen Identität. Auftritt: Forschungs-Jonas, Kreativ-Jonas, Pfarrer-Jonas oder Controlling-Jonas. Mission: das eigene „Jonas-Weber-Tum“ ergründen und bewahren. Denn während der Familienname Weber unter den häufigsten Nachnamen Deutschlands rangiert, ist Jonas als Vorname aus den Top-Ten gerutscht. Aber was macht einen Jonas Weber aus? Mit staubtrockenem Humor („Bitte einmal alle in alphabetischer Reihenfolge vorstellen“) werden „Normalität“, weiße cis-männliche Identität und biografische Zufälligkeit hier so lange ad absurdum getrieben, bis es schlussendlich egal ist, was einen Jonas Weber ausmacht, solange er denn so heißt. Denn zwischen Aktenordnern, in denen Gehaltsbescheinigungen der Webers, Identifikationsnachweise und Mahnungen aufbewahrt werden, müssen wir feststellen: Die sind ja alle gar nicht gleich! Der eine geht ins Fitness First, der nächste zu FitX. Der eine Jonas Weber beschreibt sich selbst als offen, kreativ, und sympathisch, der nächste als strukturiert, wissbegierig und zielstrebig. Schließlich schleicht sich die Gewissheit ein, hier könnte es um mehr als heitere Biografie-Kunde gehen. So zeichnet „Being Jonas Weber“ etwa eine zynische Parabel auf Boys-Clubs. Denn, wie praktisch, wenn es für alle Nöte einen Jonas gibt, wenn allein über den gleichen Namen zu verfügen, einen für ein nützliches Netzwerk aus Juristen oder Marketingexperten qualifiziert? Weber, der in Frankfurt und Helsinki Regie studiert hat, arbeitet dafür mit nicht professionellen Darsteller:innen. Wie gemeinsam mit diesem Ensemble der Name vom biografischen Marker zur Serie, zur geteilten Brand, zur variablen, aber normierten Position gedreht wird, ist in seiner Stromberg-Haftigkeit nicht nur unfassbar witzig, sondern auch extrem fein gearbeitet.
„Ottosottosottosmops“ von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, Regie Juno Peters
In „Ottosottosottosmops“ wird die Arbeit an und mit Sprache zum Ursprungsmaterial der Verhandlung von Machtkonflikten innerhalb einer Beziehung. Regisseur:in Juno Peter, ausgebildet in Hildesheim und an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, nimmt das dreistrophige Lautgedicht „Ottos Mops“ von Ernst Jandl und assoziative Textkaskaden Friederike Mayröckers zum Ausgangspunkt, um Sprache in ein Spielfeld zu verwandeln. Der Text wird immer wieder neu gedacht, verdreht und verwandelt, in Körper übersetzt, in verschiedene Codizes überführt, als Western-Sequenz inszeniert und als Song performt. Die Spielenden jagen einander über die Bühne, beschimpfen einander mit großen Gesten, nehmen sich anschließend in den Arm, unterbrechen einander, steigern sich in Extase. Das Spiel von Aaron Brömmelhaup und Lea Mergell ist dabei sehr körperlich, muss es sein, denn Dina Polus hat für den Abend übergroße, leicht schielende und dickbenaste Mops- und Otto-Masken geschaffen, die einige Sequenzen in der dann auch noch blau ausgeleuchteten, knallorange gestrichenen 70er-jahre-Wohnzimmer-Welt geradezu ins gruselige kippen lassen. Zutiefst poetisch und manchmal vielleicht ein wenig verkopft werden die Textfetzen zwischen Otto und Mops so verdreht, dass sie zum Aushandlungsfeld zwischenmenschlicher Beziehungen und den ihnen innewohnenden Machtgefügen werden. Ja, sie bilden sich hier erst in und durch die Art, wie gesprochen, wiederholt, verschluckt und umkodiert wird. Die Verschränkung zwischen Jandls Gedicht und Mayröckers Texten bringt dazu noch eine textexterne Ebene ins Spiel, eine Ebene der Paarbeziehung zweier Künstler:innen: „Keiner hat die Einsamkeit des andern angetastet.“ So wird der Abend zum Labor über Klang, Rhythmus, Bedeutungsverschiebung und zur Liebeserklärung an die Nuancen der Schauspielkunst zwischen Masken, Körpertheater und Komödie.
„Aileen“ von Leena Schnack und Lori Brückner, Regie Lori Brückner
Von diesen eher formalen Aneignungen von Namen und Sprache führt das Festival in einen deutlich dunkleren, von fast unaushaltbaren Ambivalenzen durchzogenen, biografischen Raum: In den 90ern erschoss Aileen Wuornos in Florida sieben Männer in ihren Autos. Nach ihrer Festnahme wurde sie von den Medien vielfach inszeniert und instrumentalisiert. Als mordende Sexarbeiterin, als männerhassende Lesbe, als Monster. In „Aileen“, einem Recherchestück von Leena Schnack und Lori Brückner (Regie und Sound: Lori Brückner), arbeiten vier Spieler:innen sich an den Stationen von Aileen Wuornos’ Leben ab – Jugend, Obdachlosigkeit, Sexarbeit, Liebesbeziehung, Gewalterfahrungen, Morde. Die Inszenierung, entstanden im Regiestudium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, interessiert sich dabei weniger für psychologische Feinzeichnung als für jene strukturellen Kräfte, die sich anhand ihrer Biografie erzählen lassen – patriarchale Gewalt, Prekariat, Sexarbeit und mediale Sensationslust –, eben weil schon die Erzählung selbst Fragen danach stellt, wie sie produziert, ausgestellt und konsumiert wird. Biografie und Identität werden bei Brückner als Linse begriffen, durch die Macht- und Gewaltverhältnisse sichtbar werden. Und die durchaus keinen klaren, eindeutigen Blick ermöglicht, sondern vielmehr Ambivalenzen und Unschlüssigkeiten freilegt. Genau dafür werden starke Bilder gefunden. Die (sexuellen) Gewalterfahrungen sind körperlich an die Morde geknüpft, etwa, wenn mehrere Performer:innen einander eng umschlingen. Dann verschwimmen Aktion und Reaktion, Auslöser und Folge. Dazu sampelt und verzerrt Brückner Songs, wie „Time for me to Fly“ von REO Speedwagon oder „There’s no getting over me“ von Ronnie Milsap, die Wuorno in Briefen an eine Grundschulfreundin erwähnt. Die Soundcollagen schaffen von Beginn an eine Stimmung der Unsicherheit, des Nicht-Vertrauens in die Bühnensituation, die sich zu keinem Zeitpunkt auflösen wird.
„Die Hölle ist leer“ von Alex Cocotas und Fabio Thieme, Regie Fabio Thieme
Apropos Nicht-Vertrauen. In „Die Hölle ist leer“ von Alex Cocotas und Fabio Thieme (Regie: Fabio Thieme, Regiestudium an der HfS Ernst Busch) verschiebt sich der Fokus von individueller Gewalt zu historischer Schuld und Erinnerungspolitik in eine Hochstaplergeschichte. Ein junger Journalist wittert die Story seines Lebens, als er mit Friedrich Stahl, dem Enkel eines ehemaligen NS‑Obersturmbannleitungsingenieursführers, zu einem Konzentrationslager aufbricht. Unterwegs verschwimmen die Grenzen zwischen Recherche und Inszenierung, Schuld und Identität, Spiel und Realität. Er gerät in einen geradezu tragikomischen Strudel aus Geschichtsmythen, Polenklischees und Erinnerungspolitik. Denn der junge Journalist Christian Boczek tut das Schlimmste, was man als Journalist und dann noch als Deutscher tun kann: Er behauptet sich selbst als Pole, als jüdischer Pole auch noch, der mit Stahl auf die Spuren seiner (Erinnerung: erfundenen!) Familienbiografie gehen möchte. Auf ihrer Reise treffen sie einen Naziartefakte sammelnden Fürsten und seinen Diener, eine junge Frau an dem ältesten (oder war es der viertälteste?) Baum Polens und einen dauervespernden Priester. Unterwegs spielen „Easy Rider“ von Truckstop oder „Autobahn“ von Andre Lamberz im Radio, während – wie einfach, wie genial – drei Lichter in den Gassen versteckt abwechselnd aufleuchten und so vorbeiziehende Autolichter mimen. Und gerade, weil das Ganze nicht nur herausragend feinkomisch gespielt, sondern auch geradezu genial cineastisch gearbeitet ist, stößt der Abend ins Herz der deutschen Erinnerungskultur, inszeniert unseren Umgang mit deutsch-jüdischer, deutsch-polnischer Geschichte als dunkle Komödie mit scharfem Witz und bitterer Wahrheit („Nanu, ich blicke in den Hitlerspiegel und sehe doch nur mich selbst?“). Und: erhält den Preis der Hauptjury, einhergehend mit einem Inszenierungsauftrag am Staatstheater Meiningen in der übernächsten Spielzeit. In der Jurybegründung heißt es: „Hier werden die Mittel des Theaters konsequent miteinander verflochten; die Szenen und Spielmöglichkeiten gut ausgelotet. [...] Es ist aber kein Theater mit dem Zeigefinger. Es macht sogar Spaß“.
„Keine Hoffnung, Baby!“ von Jakob Leanda Wernisch, Regie Jakob Leanda Wernisch
Auf die historische Abgründigkeit antwortet am Ende des Festivals der Blick in die Zukunft – mit wenig Zuversicht, dafür mit umso mehr Poesie. In „Keine Hoffnung, Baby!“ von und in der Regie von Jakob Leanda Wernisch (Schauspielregie Max Reinhardt Seminar Wien) hat Rike das Datum des Weltuntergangs errechnet und beschließt, ihre Freundin Romy zu heiraten, als letzte verfügbare Form der Absicherung. Zwei befreundete Paare schließen sich an, und so wird in einem Schutzbunker eine Dreifachhochzeit vorbereitet, bei der sich das Ensemble Häppchen für Häppchen dem versprochenen Happy End nähert, bis eine ungeladene Person die Party sprengt. Die Figuren stellen Fragen, die zwischen Farce und philosophischer Ernsthaftigkeit oszillieren: Wer isst später noch die Torte? Lohnt sich Heiraten heute noch, wenn eh alles verloren ist? Sind wir verantwortlich für das Ende der Welt – und wie sollen wir weiterleben, wenn es ohnehin bevorsteht? Im vor Zynismus strotzenden Bühnenbild von Ida Bekič und Leon Taege – einem klapprigen, weißen Festzelt samt Monobloc-Stühlen und maritimen Palmen-Deko-Vorhang – wirken die von Lisi Knoll und Alba Rastl grandios ausgestatteten Darsteller:innen wie traurige Narren. In übergroße weiße Anzüge, Brautkleider und Feströcke gehüllt, werden Zukunftsangst und Klimakatastrophe zur Folie einer Gruppenkomödie, in der sich Beziehungsdramen, Weltuntergangsszenarien, und immer auch ein bisschen Resthoffnung in Beobachtungsszenarien und klug gesetzten Simultanitäten ineinanderschieben. Das Ganze hat fast etwas „Gatsby“-haftes, einer gegen die Leere der bevorstehenden Katastrophe anfeiernden Gemeinschaft. Dies zu ergründen, wandert der unfassbar kluge und poetische Text zwischen historischen, kanonischen und zeitigen Untergangsszenarien hin und her, von Babylon bis Pompeji direkt in die Tech-Dystopie von morgen, denn, in einer Welt, in der wir uns an keinem Tag mehr nicht schuldig machen können, ist „alles, was die Welt enthielt [...] eine entsetzliche Hoffnung“. Zurecht erhält dieser Abend sowohl den Publikums- als auch den Schüler:innen-Jurypreis.
Auf jedes brennende Herz kommt es an
Wenn, wie eingangs beschrieben wurde, die Herzen in Meiningen brennen, dann ist ihr Zündstoff, dass solche Festivals überhaupt stattfinden können. Dass Zeit und Mittel bereitgestellt werden, um auch Formate zu ermöglichen, die nicht 1500 Vollzahler:innen zuverlässig mit Bussen zu ihren Stammplätzen bringen, dafür aber das Theater als lebendigen Ort der Debatte, des Sich-einmischens und produktiven Störens begreifen. Insbesondere in Zeiten, in denen etablierte Festivals, wie Fast Forward in Dresden aufgrund der Krisenhaushalte von Stadt und Land einfach weggekürzt werden, ist das ein starkes und dringend notwendiges Zeichen. Ein Fünkchen Hoffnung – auch für Kulturschaffende und vor allem für Berufsanfänger:innen. Dieses Festival sollte, nein, es muss sich verstetigen dürfen.
Für diesen Fall möchte man Intendant Jens Neundorff von Enzberg gern noch auf den Weg geben, die Arbeit seiner Kolleg:innen an diesem Festival, das Vertrauen, die Augenhöhe zwischen allen Beteiligten, nicht mit einem Nebensatz – angehängt an seine Glückwünsche an den Preisträger – einzureißen: „Über das Thema [der Inszenierung] müssen wir dann aber nochmal reden!“ Denn Fabio Thieme hatte in einem Nachgespräch erzählt, er arbeite derzeit zu sogenannten Bullshit-Jobs. Hier von Zensur zu sprechen, wäre vielleicht etwas too much. Dennoch wäre Neundorff von Enzberg, gut bedient, sich entweder genau mit den Arbeiten zu beschäftigen (was schwer ist, wenn man lediglich an zwei Abenden anwesend ist und die Gewinnerproduktion noch nicht einmal gesehen hat), oder dem Festivalteam und der Regie freie Hand zu geben, zu vertrauen – auch inhaltlich – und sich lieber der Rheingold-Premiere im Großen Haus zu widmen. Die Berufsperspektiven für Regieabsolvent:innen sind prekär, jede Möglichkeit, ihre Arbeiten zu zeigen, existenziell. Es braucht jedes einzelne brennende Herz – denn was bleibt, wenn wir uns nicht mal aufeinander verlassen können?
Erschienen am 31.3.2026




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