Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Elektro-Theater – Der virtuelle Raum (04/2021)

Das Theater begeht dieser Tage ein Jubiläum, auf das es liebend gern verzichtet hätte: Genau ein Jahr ist es her, dass die Häuser in den ersten Covid-Lockdown gingen. Seitdem ist der Dreh- und Angelpunkt der Bühnenkunst – die „leibliche Kopräsenz“ von Spielenden und Zuschauenden, wie es im Branchenjargon so schön heißt – ausgehebelt, wenn man das kurze herbstliche Öffnungsintermezzo mal als statistisch irrelevant vernachlässigt.

Und natürlich ließe sich jetzt prächtig weiterbarmen. Da der Klagechor aber – als Theater-­Aficionados kennen wir uns da ja aus – eher kathartische als intervenierende Energien freisetzt und an der realpandemischen Lage rein gar nichts zu ändern vermag, wechseln wir versuchsweise mal das Genre: Science-Fiction statt antiker Tragödie, virtuelle statt analoger Bühne lautet das Motto für unseren Schwerpunkt über das Elektro-Theater der Zukunft. Und siehe da: Durch die VR-Brille betrachtet, blüht und gedeiht das Theater (zumindest an der Benutzeroberfläche) derart farbenprächtig, dass der Schriftsteller und Dramatiker Clemens J. Setz sogar darüber nachdenkt, künftig „eigene ­VR-Theaterstücke zu verfassen“. Müsste man nicht, fragt er sich in seinem Essay in diesem Heft, „direkt für Virtual Reality schreiben, im vollen Bewusstsein der Eigenheiten und Möglichkeiten dieses Mediums“ – statt einfach nur altgediente Stoffe mehr oder weniger geschickt in VR einzupassen? Ein ­anderer Punkt, über den Setz als Autor und Theatergänger weitreichende Betrachtungen anstellt, ist die eigene „Körperlosigkeit“ im virtuellen Raum – in der wiederum KI-Forscher bereits das letzte heiße Upgrade-Potenzial für dramatische Old-School-Kategorien wie Empathie und Einfühlung ­aufscheinen sieht. Im Gespräch mit Sabine Leucht erzählt der Soziologe Jonathan Harth über ein ­Experiment, bei dem VR-Brillen-Träger virtuell in den Körper ihres Gegenübers schlüpfen, wobei ihre physische Selbstwahrnehmung tatsächlich derart erfolgreich von optischen Effekten ausgetrickst wird, dass sie diesen als ihren eigenen wahrnehmen.

Wie weit dieses Einfühlungspotenzial bei dem Theatermacher und Medienkünstler Arne ­Vogelgesang reicht, wenn er auf der Plattform VRChat wechselweise in Gestalt eines elaborierten ­Insekts, eines Erklär-Wolfs oder eines Pestdoktors auftritt, bleibt zwar – wie bei jeder guten Performance – sein eigenes Betriebsgeheimnis. Was wir im Künstlerporträt von Patrick Wildermann aber definitiv über den gebürtigen Ost-Berliner Vogelgesang erfahren, ist, dass er schon sachkundig mit Computergenerationen experimentierte, die noch im VEB Mikroelektronik „Wilhelm Pieck“ vom Band liefen. Vergleichsweise neu hat sich dagegen das Staatstheater Augsburg im Lockdown als virtuelle Bühnen-Avantgarde positioniert, deren bahnbrechende VR-Welten wir im Künstlerinsert vorstellen.

Anderswo wird unterdessen schon wieder live und wahrhaftig geprobt. An den Münchner Kammerspielen inszeniert Nora Abdel-Maksoud gerade die Uraufführung ihres neuen Stückes „Jeeps“, das wir in dieser Ausgabe drucken. Und an der Wiener Burg genießt ein sichtlich begeisterter Mehmet Ateşçi die Proben mit Frank Castorf zu Peter Handkes „Zdeněk Adamec“, weil man dort als Spieler permanent „über die eigenen Grenzen hinausgetrieben“ werde. Vor allem aber sprach Erik Zielke mit Ateşçi – ausgehend von der Outing-Initiative #ActOut, an der der Schauspieler be­teiligt ist – darüber, wer wen wie ­eigentlich spielen darf und vor allem künftig spielen dürfen sollte. Ein weites Feld, mit dem sich – wiederum aus einer ganz anderen Perspektive, nämlich der des häufig ­formulierten Vorwurfs der ­„kulturellen Aneignung“ – auch unser Kolumnist Ralph Hammerthaler ­auseinandersetzt.

In Kosovo bricht derweil eine neue politische Ära an, vor wenigen Wochen waren Parlamentswahlen. Der Dramatiker Jeton Neziraj analysiert, was der Sieg der links-nationalen Partei Lëvizja ­Vetëvendosje unter dem bekennenden Theatergänger, Kunst- und Kulturfan Albin Kurti bedeutet, der – wie Neziraj schreibt – nicht nur in der einen Hand ein Buch, sondern in der anderen gleichzeitig auch eine Axt hält.

Hierzulande geht es unterdessen eher um eine „Spektralverschiebung“ nach rechts: Michael Bartsch spricht mit Hasko Weber, dem Intendanten des Deutschen Nationaltheaters Weimar, über die möglicherweise bald erfolgende bundesweite Einstufung der AfD als Verdachtsfall durch den Verfassungsschutz sowie ihren Einfluss auf die Kultur(politik). Es sei im Vergleich „sehr viel anspruchs­voller, weil vielschichtiger geworden, eine differenzierte Weltsicht im Theater abzubilden“, stellt ­Weber in diesem Gespräch fest – und gleichzeitig, so ließe sich ergänzen, wahrscheinlich wichtiger denn je. Das Theater wird also dringend gebraucht, im Netz genau wie bald – hoffentlich – wieder im Modus der leiblichen Kopräsenz. //

Die Redaktion

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