Die wenigen späten Passanten müssen verblüfft gewesen sein, als plötzlich eine halb nackte Gestalt sozusagen aus dem Urschlamm der Erdgeschichte hervortrat und sie unversehens ansprach, während ihre Nasen an den Schaufensterscheiben von Louis Vuitton klebten: Der Schauspieler Christian Erdmann in der Rolle des Halbgottes Gilgamesh war das, des Gründers der antiken Stadt Uruk in Mesopotamien, dem Zweistromland, der lässig einen Bogen schlug zwischen jener antiken Handelsmetropole und dem modernen Düsseldorf, fünftausend Jahre später. Roger Vontobels Eröffnungsinszenierung hatte sich am Schluss weltläufig zur Stadt hin geöffnet, das Zirkuszelt als »Ersatzspielstätte« stand auf dem Corneliusplatz, am Anfang der Königsallee im Herzen der Landeshauptstadt, wo einige ausgewählte Produktionen stattfinden und das Theater gewissermaßen in deren Innerstem verankern sollten.
Denn das Schauspielhaus, wohl eines der schönsten in Deutschland, 1970 eröffnet, stand 2016 nicht zur Verfügung: Nachdem in den Jahren zuvor schon eine Asbestsanierung fällig gewesen war, wurden nun, neben der Erneuerung der Haustechnik, Dach und Fassade großflächig renoviert; vor dem Gebäude klaffte eine riesige Baugrube, und es sollten auch noch ein paar Jährchen ins Land gehen, bevor das Haus wieder regulär in Besitz genommen werden konnte. So hatte sich Wilfried Schulz, als er von der Elbe an den Rhein wechselte, die Sache wohl nicht...