Auftritt
Schauspiel Dortmund: Funkelnde Tränen
„Winterreise“, Ein multisensuales Poem nach dem Stück von Elfriede Jelinek in einer Fassung von Zino Wey und Ensemble – Regie und Bühne Zino Wey, Kostüme Pascale Martin, Musik Lukas Huber
von Sascha Westphal
Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Theaterkritiken Dossier: Inklusion Theater Dortmund

Das Auge der Videokamera ist unparteiisch. Was vor ihrer Linse geschieht, hält sie einfach fest. Ihr Blick kennt allerdings auch keine Nachsicht. Die Nahaufnahme vergrößert das von ihr Aufgezeichnete dabei noch einmal. Sie unterstreicht und betont es. So durchdringt der Blick der Kamera gnadenlos das Äußere und kehrt gleich noch das Innere der Menschen hervor, die er in seinem Fokus hat. Daran lassen die Bilder, die in dieser Szene von Zino Weys Annäherung an Elfriede Jelineks „Winterreise“ live auf die große Leinwand im Hintergrund der Bühne projiziert werden, keinen Zweifel.
Vier der fünf Performerinnen und Performer stehen dicht beieinander, während die fünfte, Linda Elsner, sie live filmt. Rafael-Evitan Grombelka, Roberto Romeo, Eyk Kauly und Marlene Goksch drängen sich nicht nur ins Bild. Sie kämpfen in diesem Moment regelrecht um Aufmerksamkeit und sprechen wild durcheinander, zwei von ihnen in Laut-, zwei in Gebärdensprache. Die raumfüllenden, überlebensgroßen Videobilder sind nicht nur Dokumente ihrer Erregung. Sie offenbaren zugleich die Risse, die durch diese Gemeinschaft der Entrüsteten gehen. Sie treten zwar als Gruppe oder gar als Mob auf, aber letztlich haben sie alle nur eins im Sinn. Sie drängen sich nach vorne, wollen die ganze Beachtung der Kamera für sich und gönnen keinem anderen seinen Augenblick im Rampenlicht.
Die Passage aus „Winterreise“, die dieser Szene zugrunde liegt, kreist um das öffentliche und mediale Aufsehen, das der Kriminalfall um die Entführung von Natascha Kampusch nach sich gezogen hat, nachdem es ihr gelungen war, ihrem Entführer zu entkommen. Jelineks Text ist eine frühe, aus heutiger Sicht geradezu prophetische Auseinandersetzung mit einer Mob-Mentalität, die in den sozialen Medien, aber auch im politischen Diskurs mittlerweile immer häufiger den Ton anzugeben scheint. Eben diesen visionären Aspekt der Vorlage betont Zino Wey durch seinen Umgang mit ihr.
Das Ineinander von Laut- und Gebärdensprache erzeugt gerade in diesem Moment eine enorme Dringlichkeit. Wie die Performer:innen mit ganz unterschiedlichen Mitteln und Sprachen ihren Platz im Licht der Kamera beanspruchen, wirft ein erhellendes Licht auf die Widersprüche innerhalb all der Debatten über Meinungsfreiheit und Sichtbarkeit. Jede:r von ihnen ist absolut sichtbar und behauptet doch, nicht gesehen zu werden. So spiegelt sich gerade in den aufgeregten Versuchen, sich ‚Gehör‘ und Aufmerksamkeiten zu verschaffen, die Absurdität all jener, die vor laufenden Kameras oder in Social-Media-Feeds voller Inbrunst behaupten, dass sie ihre Ansichten nicht mehr äußern dürften.
Weys Inszenierung sucht nicht nur nach Bildern für die sprichwörtlichen Jelinek-Textflächen. Sie verwendet sie vielmehr als eine Art Sprungbrett für seine Fantasie und die des Ensembles. Zusammen mit den beiden Tauben Künstlern Rafael-Evitan Grombelka und Eyk Kauly sowie den drei Dortmunder Ensemblemitgliedern Linda Elsner, Marlene Goksch und Roberto Romeo schafft Zino Wey so poetische wie kluge Theatermomente, die einen immer wieder von neuem überraschen. Mal erweisen sie sich wie die Natascha-Kampusch-Szene als hellsichtige politische Kommentare, die auf eine genuin theatrale Weise gesellschaftliche Mechanismen offenbaren. Mal kreisen sie eher um grundsätzliche menschliche Erfahrungen und Empfindungen, wie in dem Augenblick, in dem das gesamte Ensemble sich der befreienden und letztlich tröstenden Magie von Tränen hingibt.
Inspiriert von den Zeilen „Und dringt doch aus der Quelle der Brust so glühend heiß, / als wolltet ihr zerschmelzen des ganzen Winters Eis“ aus Franz Schuberts Lied „Gefrorne Tränen“ extrahieren die einzelnen Spieler:innen Tränen der anderen und frieren sie dann ein. Später kleben sie sich kleine, farbige Strasssteinchen als funkelnde Tränenspur ins Gesicht. Der Schmerz der Einsamkeit, den Schubert und Jelinek in ihren Werken beschwören, wird in diesem Spiel mit (Sprach-)Bildern auf eine Weise lebendig, die ihn erfahrbar macht und zugleich transzendiert. Die Kunst überwindet die Einsamkeit und lindert so ihren Schmerz.
Aber Wey und sein Ensemble überwinden das so allgegenwärtige Gefühl von Einsamkeit, das sich in dem von Wey selbst entworfenen Bühnenbild in einem umgestürzten 5G-Mast manifestiert, der nichts mehr sendet, nicht nur in poetischen Momenten und Szenen. Ihr inklusiver Ansatz, bei dem sich Taube Künstlerinnen und die Mitglieder eines Stadttheater-Ensembles auf Augenhöhe begegnen, setzt ein grundlegendes Zeichen für gemeinschaftliches Leben und Arbeiten. Laut- und Gebärdensprache stehen in „Winterreise“ gleichberechtigt nebeneinander. Nichts wird einfach übersetzt. Die beiden Sprachen behalten ihre Eigenständigkeit und lenken die Wahrnehmung des Publikums auf ihre jeweils eigene Poesie. Nicht alles ist für alle Wort für Wort, Gebärde für Gebärde verständlich. Es bleiben Lücken und damit ein Raum für eine andere Form des Verstehens, eine intuitive, poetische Form, die Brücken baut und nicht nach Aufmerksamkeit giert.
Erschienen am 11.3.2026



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