Report
Pariser Spitzen
Äußere und innere Zeit in neuen Inszenierungen von Silvain Creuzevault und Joël Pommerat
von Eberhard Spreng
Erschienen in: Theater der Zeit: Theater in der Ukraine (02/2026)
Assoziationen: Europa

Ein Mann liegt reglos auf dem Rollfeld eines Flughafens. Der aufgeregte Funkdialog zwischen dem Tower und dem herbeieilenden Sicherheitsbeamten ist zu hören. Wer ist der Tote? Was enthält der Aktenkoffer, der neben ihm liegt? Dessen Deckel springt auf und offenbart eine kleine Büchersammlung: Klossowski, Beauvoir, Barthes, Blanchot, Sollers. Es müsse sich hier wohl um ein intellektuelles Attentat handeln, schlussfolgert das Sicherheitspersonal.
Das Land, dem der Anschlag gilt, ist das Italien der bleiernen Jahre, als Attentate und politische Unruhen das Land erschütterten. Der Mann, dessen Augen reglos und starr in die im Bühnenhimmel hängende Kamera blicken, könnte auf symbolischer Ebene Pasolini sein, nach seinem Mord am Strand von Ostia. Noch heute donnern die Flugzeuge nach ihrem Start am Flughafen Rom-Fiumicino über das Mahnmal für den Poeten, Filmemacher und Intellektuellen, dessen Mord bis heute nicht vollständig aufgeklärt ist.
Mit diesem assoziativen Eingangsbild beginnt am Odéon Théâtre de l’Europe eine geradezu rauschhafte Theaterversion von Pier Paolo Pasolinis unvollendetem Enthüllungsroman „Petrolio“, eine wilde Sammlung von Politik, Autobiografie, Sexualtheorie und Mythos. Pasolinis Hauptwerk ist eine Abfolge von Notizen, der Autor wurde ermordet, bevor er es vollenden konnte. Sein posthume Veröffentlichung 17 Jahre später wurde ein Riesenskandal. Petrolio ist das Porträt einer gespaltenen Persönlichkeit und das...
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