Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Bruder Karamasow – Frank Castorf über Russland (02/2016)
Als der russische Radikalkünstler Pjotr Pawlenski am 9. November 2015 von Moskauer Polizeibeamten abgeführt wurde, dachten viele: Das war’s. Anzeige wegen „Vandalismus – motiviert durch politischen und ideologischen Hass“. Das kann in Russland schnell mal drei Jahre Haft bedeuten. Für Pawlenski indes fing die Kunstaktion damit gerade erst an. Er wolle, hieß es, mit dem Brand, den er vor der Tür des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB gelegt hatte, und der darauf folgenden Verhaftung gegen die Willkür und Unterdrückung durch den Putin-Staat protestieren. „Freiheit“, wie die Aktion hieß, war bereits seine sechste große Intervention. Zuvor nähte er sich unter anderem die Lippen zu, nagelte seinen Hodensack auf dem Pflaster des Roten Platzes fest und schnitt sich auf der Mauer einer Moskauer Psychiatrie ein Ohrläppchen ab. Wir zeigen seine Radikalkunst, die, wie Ute Müller-Tischler schreibt, an die Drastik der Autoperforationsartisten der Berliner Vorwendezeit oder der Wiener Aktionisten erinnert, in unserem Künstlerinsert.
Russland und die Rechtsprechung. Das ist das eine. Russland und der Blick aus dem Westen. Das ist das andere. Seit 15 Jahren durchkämmt Frank Castorf mit seinen Adaptionen der großen Jahrhundertromane Fjodor Dostojewskis das Grenzgebiet zwischen Ost und West, immer auf der Suche nach einem anderen Blick, einer anderen Position, die es schafft, das Denken in Zeiten eines aggressiven Konsenszwangs offenzuhalten. „Wie selbstverständlich man heute Positionen durch Verdrängung der Geschichte einnehmen kann, sieht man (…) in den Diskussionen über eine mögliche militärische Besetzung der Krim“, sagt er im Gespräch mit Gunnar Decker. „Wenn man sagt: Wir müssen daran nicht mehr denken, was einmal war, wir sind jetzt auf der Seite der Demokratie, dann stellt die Demokratie immer auch ein angloamerikanisches Interessenmodell dar.“ Wie andere Regisseure mit solchen slawophilen Grenzgängen umgehen, zeigen unsere Berichte aus Reykjavík, wo Thomas Irmer die litauische Regisseurin Yana Ross traf, sowie aus München, wo Christopher Rüping und Christian Stückl das Dostojewski-Fieber entfachten.
Mit kritischem Blick beobachtet auch unsere Kolumnistin Kathrin Röggla, wie sich in der Gesellschaft und auch in der Kunstszene eine „Logik des unbedingten Dafür oder Dagegen breitmacht“. Dabei gehe es im Theater nicht ums Richtigliegen, nicht einmal ums Gut- oder Bösesein, wie es manchmal den Anschein hat. Röggla wünscht sich vielmehr „einen Diskurs, der analytischer, politischer, die eigenen Interessen offener aussprechend verläuft“. Sowie ein Theater, „welches die Transmissionsriemen zwischen Ästhetik und Politik nicht allzu gespannt, ja, überspannt versteht, festgefahren, sondern in Bewegung“.
Ob das Theater an der Berliner Schaubühne ein solches Theater ist? Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier jedenfalls bestärkt im Gespräch mit Wolfgang Engler, das wir in unserer Reihe zum Neuen Realismus veröffentlichen, einmal mehr seinen künstlerischen Ansatz. Für ihn ist es gerade das mimetische Spiel, das derartige Analysen liefern könne. „Wir sind dazu aufgerufen, möglichst genau das Verhalten der Menschen heutzutage zu durchdringen und zu beschreiben, sodass Vorgänge ablesbar werden.“ Erst so gebe es die Chance, dass im Theater ein handlungsfähiges politisches Subjekt entsteht.
Der britische Dramatiker und Performer Chris Thorpe hat diesen Analyseansatz radikal gefasst. Für sein Stück „Bestätigung“, das wir hier veröffentlichen, traf er sich mit einem bekennenden Neonazi und Holocaust-Leugner zu einer „Serie von Konversationen, in denen man zu verstehen versucht, wie der andere denkt. Um die Mechanik dahinter zu begreifen.“ Ihm sei es dabei, erklärt er im Gespräch mit Patrick Wildermann, um die Untersuchung von Bestätigungsfehlern gegangen, das Set von Filtern in der menschlichen Wahrnehmung, mit denen man Informationen so biegt, dass sie zu den eigenen Ansichten passen. Insofern war es auch eine Befragung seines eigenen, diametral entgegengesetzten Standpunktes. „Ich hatte mich so behaglich eingerichtet in mir selbst, dass ich schlicht aufgehört hatte, mich selbst oder meine Ideen herauszufordern.“ //
Die Redaktion

















