Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Birgit Minichmayr – Ich bin es und bin es nicht (01/2013)

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Kann Kunst, kann Theater heilen? Geht es, wenn im Zusammenhang von Kunst über Veränderung gesprochen wird, weniger um die Erweiterung von Bewusstseinslagen als um eine heilende Wirkung? Der aus Benin stammende Voodoo-Priester und tanzende Choreograf Koffi Kôkô erklärt das 21. Jahrhundert zum Jahrhundert der Spiritualität. „Der Mensch hat die Natur zu sehr herausgefordert. Wenn wir sehen, wie dieser Teufel in uns mit der Welt umgegangen ist, dann ist da eine universelle Reflexion notwendig, um alle Möglichkeiten einer Heilung zu erkunden.“ Johannes Odenthal porträtiert einen Weltkünstler, der uns auf „der Bühne, der Plattform des ‚leeren Rituals‘, wie es Eugenio Barba nennt, auf eine Reise zur anderen Seite der Existenz“ mitnimmt.

 

Es ist Einar Schleef, der in Nietzsches Spur von der Heilkraft des Chores spricht. Die Videokünstlerin Rebecca Riedel wurde bei der Arbeit für Armins Petras „Droge Faust“ nachhaltig von seinen Aussagen zur Macht des Dionysischen gepackt. Gunnar Decker erfährt die Resultate: visuelle Ekstasen als pure Dröhnung. „Das Video beginnt als eine Art weißes Rauschen und mündet in eine Reihe von Farbexplosionen, erst Rot, dann Blau. Eine albtraumhafte Collage von Bildsequenzen flimmert vorüber. Es ist ein Exzess, aber die Droge ist dabei immer ‚chorisch‘ – die psychedelische Wirkung bleibt dem untergeordnet.“

 

Trotz aller und in letzter Zeit deutlich kraftloserer Beschwörungen der Postmoderne ist das Geheimnis, ist das Andere weiterhin präsent. Auch Birgit Minichmayr hat Kontakt zu den unaussprechbaren Zonen der Existenz: in Form einer „Kombination aus stabilem Ich und Durchlässigkeit für das Andere, die es ihr auch leicht macht, sich auf unterschiedliche Regiestile einzulassen. „Eine ‚Handschriftensammlerin‘ nennt sie sich“, charakterisiert Christoph Leibold die Kultschauspielerin, die mit der Kraft des Flüchtigen jongliert: „Dass sie einen greifen wollen, das ist halt so. Ich hoffe nur, dass sie mich nie erwischen, so ganz.“ Dagegen zeigt uns Georg Büchner, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr ansteht, die Welt des Linearen und Kontinuierlichen. Allerdings in ihrer gesamten erschütternden Komplexität: „Den Hauptmann rasieren, Marie ermorden, mit wissenschaftlicher Ratio Tiere aufschneiden – die drei Gesten bilden einen Verweisungszusammenhang“, schreibt Sebastian Kirsch über den „Woyzeck“ von Roberto Ciulli und Helmut Schäfer am Theater an der Ruhr.

 

Empirisch gesehen ist die Erde, wie uns Marx lehrte, weniger Schauplatz von Mysterien denn ein Hotspot für das Kapital. Wie aber der Geldstoff und Performatives zueinanderfinden, untersucht der Schwerpunkt über das Verhältnis von Wirtschaft und Theater. Frank Raddatz spricht mit dem Kulturmanager Bernd Kauffmann über den Trend der Unternehmen, die Sache der Kunst selber in die Hand zu nehmen. Was die mehreren Hunderttausend Euro bezwecken, die die Bosch Stiftung unter dem Label „Szenenwechsel“ in eine Kooperation mit dem Internationalen Theaterinstitut investiert, klärt Patrick Wildermann. Über das Engagement von Siemens in Lateinamerika in Sachen Theaterarbeit berichtet Paul Tischler.

 

Um sich nicht gleich zu Jahresbeginn in Krisenalarmismus zu verlieren, sei noch darauf hingewiesen, dass der Heidelberger Intendant Holger Schultze einräumt, sich im gerade für 60 Millionen Euro renovierten Haus schon mal „gnadenlos verlaufen“ zu haben, als er vom Wunder einer Verdreifachung der Festabonnements erfuhr. In diesem Sinne wünschen wir allen Leserinnen und Lesern einen guten Start ins neue Jahr. //

 

Die Redaktion

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