Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Wir sind die Baumeister – Ein Schwerpunkt über Theater und Architektur (11/2020)
Er nimmt, was er kriegen kann. So lautet die genervte Titelzeile eines Artikels über Donald Trump in der Süddeutschen Zeitung am 16. Oktober 2020, dem Tag, an dem dieses Editorial entsteht. Noch ist nicht abzusehen, wie die Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten am 3. November ausgehen werden. Sicher ist nur, dass die Hoffnungen, Trumps Präsidentschaft möge endlich enden, groß sind. „Ich denke zu viel nach an diesen auf den Kopf gestellten Tagen, an denen ich meinen Stimmzettel zur Abstimmung vorbereite und mir die Schuhe zubinde, um bereit zu sein, zu protestieren“, schreibt Tamilla Woodard in unserem Novemberheft. Die New Yorkerin ist seit sechs Monaten Künstlerische Ko-Leiterin des Working Theaters, einer kleinen Off-Bühne am Broadway, die sich einer großen Mission verschrieben hat. Seit mehr als 35 Jahren arbeitet das Theater einer zunehmenden Segregation der Gesellschaft entgegen, indem es Theater für und über arbeitende Menschen macht – darunter auch: der klassische Trump-Wähler. Die transformative Erfahrung von Theater, lautet die Devise, solle kein Luxus, sondern ein Grundnahrungsmittel sein – jenseits von Klassen-, Religions-, Alters-, Geschlechts- und ethnischen Grenzen.
Das kleine New Yorker Theater scheint damit weiter zu sein als so manch ein Stadttheater im deutschsprachigen Raum, werden diese doch längst nicht von allen Teilen der Gesellschaft in gleichem Maße besucht. Warum? Vielleicht weil „verschlossene Häuser keine Einladung bieten“, wie es der Kölner Architekt Konstantin Jaspert formuliert. Was also tun? Bauen! Allen Corona-Sparkrisen zum Trotz entstehen in Deutschland gerade eine Reihe spektakulärer Theaterneubauten. Im Herbst 2021 ist in München das neue Volkstheater bezugsfertig, in Rostock wurde vor einiger Zeit der Gewinnerentwurf für den Neubau des dortigen Volkstheaters gekürt. Nur in Frankfurt am Main wird noch diskutiert, ob nicht auch eine Sanierung der städtischen Bühnen denkbar wäre, um den Bestand der Gebäude zu erhalten. Denn auch dieser Aspekt ist relevant: Basiert Theater in Deutschland nicht auch auf einer traditionsreichen Geschichte? Wie unsere Stadttheater zu „dritten Orten“ des 21. Jahrhunderts werden können, diskutieren in unserem Schwerpunkt zu Theater und Architektur der Künstler Tino Sehgal, der Architekt Konstantin Jaspert und die Direktorin der Stadtbibliothek Köln Hannelore Vogt im Gespräch mit Dorte Lena Eilers. Eröffnet wird der Themenkomplex von einem Essay des Politikwissenschaftlers Claus Leggewie, der sich in Frankfurt am Main mit der Frage beschäftigt hat, welche Art von Theater eigentlich die Stadtgesellschaft will.
Wie aber ist es „um die viel gepriesene Einheit unserer Gesellschaft bestellt, wenn sich die begehrten Innenstädte zunehmend in Festungen des Luxus verwandeln, die für Normalbürger*innen immer unerreichbarer werden?“ Thomas Melle gibt in seinem im September in Stuttgart uraufgeführten Stück „Die Lage“ eine klare Antwort: schlecht. Christine Wahl hat die neuesten Uraufführungen der Saison gesichtet und dabei beobachtet, dass sich trotz – oder auch aufgrund der Coronakrise – der Blick der Gegenwartsdramatik auf die soziale Frage um ein Vielfaches verschärft hat.
Die viel gepriesene Einheit wird sich aber wohl auch dann nicht einstellen, wenn wir alle eine bezahlbare Wohnung haben. Im vierten Teil unserer Reihe Theater und Moral stellen der Autor Per Leo und die Dramaturgin Anja Nioduschewski unserer demokratischen Gesellschaft ein bedenkliches Attest aus. Anlässlich der Debatte um die Cancel Culture erörtern sie, warum unsere Demokratie zwar unbedingt einen robusten Schlagabtausch benötigt, gewisse Tendenzen aber, rechte wie linke, in einen Kulturkampf abzudriften drohen.
Über all diesem zu schweben scheint die senegalesische Choreografin Germaine Acogny, die Renate Klett in unserem Künstlerinsert vorstellt. Die Mutter des afrikanischen Tanzes verwandle Widersprüche in Kreativität. Ihr Lebensthema sei die Balance zwischen Afrika und Europa, deren Welten sich in ihren Arbeiten gegenseitig befruchten. Der Enkelin einer animistischen Priesterin, schreibt Klett, sei eben eine ganz eigene Weisheit eigen.
Priester, Schamanen, Gefährten – beiden wunderbaren Menschen, von denen wir uns in diesem Heft verabschieden müssen, sind solche Komplizen zu wünschen. Am 22. September verstarben die Kuratorin und Kunstkennerin Frie Leysen sowie der Schauspieler Michael Gwisdek. Renate Klett und Thomas Wieck erinnern an sie.
Aber auch der Protagonist in Zsuzsa Bánks erstem Theaterstück ist ein Kenner der letzten Dinge. Getroffen hat ihn die Frankfurter Schriftstellerin auf einer Beerdigung. Er ist Grabmacher und diente Bánk als Pate für ihren Monolog „Alles ist groß“, den wir in unserem Stückabdruck veröffentlichen. Es sei, schreibt Shirin Sojitrawalla, eine Figur, die vom Sterben so viel wisse wie vom Leben – und schon daher gut ins Theater passe. //
Die Redaktion
















