2.6. Eigenleibliches Spüren
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Unterrichtssituation V: Einzelstunde Sprechen, Franz Kafka: Die Abweisung
Mit einer Schauspielstudentin des zweiten Jahres arbeite ich an Franz Kafkas Kurzerzählung Die Abweisung. Es handelt sich um einen Dialog, den ein junger Mann für sich selber weiterspinnt, nachdem er bei einer jungen Frau abgeblitzt ist.
Wenn ich einem schönen Mädchen begegne und sie bitte: »Sei so gut, komm mit mir« und sie stumm vorübergeht, so meint sie damit:
»Du bist kein Herzog mit fliegendem Namen, kein breiter Amerikaner mit indianischem Wuchs, mit waagrecht ruhenden Augen, mit einer von der Luft der Rasenplätze und der sie durchströmenden Flüsse massierten Haut. Du hast keine Reisen gemacht zu den großen Seen und auf ihnen, die ich weiß nicht wo zu finden sind. Also ich bitte, warum soll ich, ein schönes Mädchen, mit Dir gehn?«
»Du vergisst, Dich trägt kein Automobil in langen Stößen durch die Gasse; ich sehe nicht die in ihrer Kleider gepressten Herren deines Gefolges, die Segenssprüche für Dich murmelnd in genauem Halbkreis hinter Dir gehen; Deine Brüste sind im Mieder gut geordnet, aber Deine Schenkel und Hüften entschädigen sich für jene Enthaltsamkeit; Du trägst ein Taffetkleid mit plissierten Falten, wie es im vorigen Herbste uns durchaus allen Freude machte, und...
















