2.5. Beziehung zum Raum II: Die »Tiefe«
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Unterrichtssituation IV: Conrad Ferdinand Meyer:
Napoleon im Kreml – Rezitation vor tausend Sitzen
Ein Gutes hat der monatelange Theaterlockdown: Das Große Haus des Prinzregententheaters steht öfters als sonst für den Sprechunterricht zur Verfügung. Während der Dozent sich im Zuschauerraum auf halber Höhe niederlässt, richtet sich auf der Vorderbühne ein Student des ersten Jahrgangs ein. Er hat ein Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer vorbereitet, das sich gut zum Sprechen in großen Räumen eignet: Napoleon im Kreml.43
Napoleon im Kreml
Er nickt mit seinem großen Haupt
Am Feuer eines fremden Herds:
Im Traum erblickt er einen Geist,
Der seines Purpurs Spange löst.
Der Dämon schreit mit wilder Gier:
»Mich lüstet nach dem roten Kleid!
In ungezählter Menschen Blut
Getaucht, verfärbt der Purpur nicht!«
Die beiden rangen Leib an Leib.
»Gib her!« »Gib her!« Der Dämon fleucht
Mit spitzen Flügeln durch die Nacht
Und schleift den Purpur hinter sich.
Und wo der Purpur flatternd fliegt,
Sprühn Funken, lodern Flammen auf!
Der Korse fährt aus seinem Traum
Und starrt in Moskaus weiten Brand.
Der Student ist gut präpariert, kann den Text auswendig, er kann uneingeschränkt Kontakt zum großen Zuschauerraum und dem einzigen Zuschauer aufnehmen und aufrechterhalten. Er stellt sich in der Bühnenmitte...
















