2.7. Erzählen und Beschreiben
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
2.7.1. Sechste Studentenfrage: Wie kann man Beschreibungen lebendig sprechen?
Unterrichtssituation VI: Tankred Dorsts Merlin: Umgang mit schwer zugänglichen Textvorlagen
Im Rahmen einer szenischen Probenarbeit, noch häufiger im Verlauf eines Schauspielprojekts sind von Ratlosigkeit begleitete Krisensituationen ein bekannter, von vielen Regisseuren sogar erwünschter und absichtlich herbeigeführter Teil des Probenprozesses. Anlass für solche Krisen sind meist Gestaltungsvorschläge der Regie, die bei den Darstellerinnen und Darstellern, aus welchen Gründen auch immer, nicht auf Zustimmung stoßen. Seltener ist die gewählte Textvorlage selber der Grund.
Merlin oder das wüste Land von Tankred Dorst nimmt in der Suhrkamp-Ausgabe fast dreihundert Buchseiten ein. Eine ungekürzte Aufführung würde geschätzte 15 Stunden dauern. Kürzungen sind daher unerlässlich. Für eine Studienaufführung des zweiten Jahrgangs, die nicht mehr als drei Stunden dauern soll, haben zwei Dramaturgiestudentinnen eine vorläufige Fassung erstellt. Sie waren sichtlich bemüht, den ohnehin mäandernden Handlungsfaden nicht abreißen zu lassen. Das Produktionsteam geht die vorliegende Fassung in gemeinsamer Lektüre durch und urteilt einstimmig: spannungslos! Eine in gemeinsamer Arbeit erstellte zweite Fassung lebt vor allem vom ungewöhnlichen Vorschlag des Regisseurs, auf einen voraussetzungslos verständlichen plot zu verzichten, die szenischen Passagen noch weiter zu beschneiden, stattdessen den Prosapassagen mehr Platz einzuräumen, welche – oft mehr beschreibend als erzählend gehalten –...
















