Auftritt
Theater Konstanz: Poesie der kleinen Dinge
„Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji (DSE) – Regie Glen Hawkins, Bühne, Kostüme und Licht Kanade Hamawaki
von Bodo Blitz
Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Theater Konstanz

Das Ereignis von Melinda Nadj Abonjis Roman „Tauben fliegen auf“ ist die Sprache. In Kaskaden von Para- und Hypotaxen breitet sie sich aus, temporeich, detailfreudig, die Leser:in vorantreibend in die erinnerte Landschaft dessen, was „Heimat“ sein kann, von der Vojvodina des ehemaligen Jugoslawiens bis hinein in die Schweiz. Erzählerin ist die Hauptfigur Ildikó, auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens. Ihr Blick prägt das monumentale Figurentableau dieses großartigen Romans. Es ist naheliegend, die Dramatisierung nur ihr anzuvertrauen, so wie es Glen Hawkins und das Team am Theater Konstanz entschieden haben. Der Text findet in dieser Fassung auf selbstverständliche Weise seine Zuhörer:innen, der Monolog wandelt sich so ab der ersten Zeile dieser neuen Bühnenfassung zum Dialog. Alicia Bischoff gelingt es spielend, Melinda Nadj Abonjis Sprache des Romans bis in die Fingerspitzen zu verkörpern. Wach ist ihr Blick, neugierig, als erlebe sie das Erzählte selbst im Erzählvorgang noch einmal. Sie verfügt über die Gabe, ihr Publikum von Anfang an zu begeistern und auf dialogische Weise mit einzubeziehen.
Alicia Bischoff erweist sich als Glücksfall für diese deutschsprachige Erstaufführung. Und das nicht nur durch ihre Jugendlichkeit, sondern vor allem durch ihre Natürlichkeit. Kanande Hamawakis Kostüm für die Figur der Ildikó kombiniert auf kluge Weise Kindlichkeit und Erwachsensein durch die eigentümliche Mischung aus kurzer Turnhose und seriösem Hemd. Blaue Holzquadrate auf dem Bühnenboden unterstützen den Erzählvorgang, aus denen wenige Requisiten oder Kostüme geborgt werden können. Glen Hawkins spricht von einer „Erinnerungslandschaft“, als befinde sich die Hauptperson auf einem Dachboden und stoße dort auf Gegenstände der Vergangenheit. Sich auf den schmalen Holzstegen zwischen den Quadraten zu bewegen, gleicht einem Balanceakt. Mit tastenden Schritten sucht sich Alicia Bischoff ihren Weg von Quadrat zu Quadrat, und damit von Episode zu Episode. Die erzählerische Rekonstruktion von Ildikós Migrationsgeschichte zwischen dem alten Jugoslawien und der Schweiz wird so selbst wieder zum Balanceakt, eine sinnhafte Idee. Bischoffs Spiel wird durch ein Grundprinzip der Regie enorm unterstützt: die unbedingte Reduktion. Aus einem einzigen Hemd wird zu Beginn der Inszenierung die Kleidung gleich mehrerer Figuren, einfach variiert vom normalen Tragen über die schulterfreie Variante bis hin zum angedeuteten Rock. Nichts lenkt in Konstanz vom Spielvorgang ab, und damit schafft Glen Hawkins einen imaginären Raum für das Erzählte, ohne die Zuschauer:innen durch mächtige Konkretisierungen zu bevormunden. Das Ergebnis ist Poesie – da reicht eine vom Bühnenhimmel herabschwebende Feder, um Ildikós Trauer über den Tod ihrer Großmutter zu versinnbildlichen. Es ist die Poesie der kleinen Dinge, welche den Abend in Konstanz zu einem Großen macht.
Reduktion ist auch das Stichwort für die Spielfassung, welche Glen Hawkins und das Team in Konstanz entworfen haben: Aus 300 Seiten Romanvorlage wurden 30 Seiten der Konstanzer Dramenfassung. Für alle Theater, die eine Bühnenadaption in Erwägung ziehen, sei diese Spielfassung empfohlen. Denn die Kürze geht nicht zu Lasten der erzählerischen Vielfalt, Breite und Komplexität. Sie verschafft der Hauptfigur vor allem eines, nämlich Zeit. Die 70-minütige Premiere ist keineswegs von Hektik geprägt, ganz im Gegenteil. Wenn Alicia Bischoff aus blauem Ton ihren Vater und sich selbst als keine Spielfiguren formt, dann kann sie sich dabei Zeit lassen. Insbesondere die Übergänge von einer Erzählepisode zur nächsten sind von einer wohltuenden Ruhe geprägt, was dem Dialog zwischen Publikum und Hauptfigur enorm zu Gute kommt.
Überzeugend wirkt die Konstanzer Fassung vor allem dadurch, dass sie hilft, das Erzählte zu fokussieren. Dabei steht das Nachdenken über das, was „Heimat“ sein kann, von Anfang an im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt steht Ildikós Zerrissenheit: Wie damit umgehen, dass die näheren Verwandten in der Vojvodina leben, während sich der eigene Lebensmittelpunkt ihrer Kernfamilie seit den 1980er-Jahren in die Schweiz verschoben hat? Wie aus der Ferne, dem Zuschauerraum Schweiz, den beginnenden Jugoslawienkrieg verkraften, der die Verwandten bedroht? Wie mit Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz umgehen, damit, dass ein Gast im von Ildikós Familie betriebenen Café Mondial die Klowand mit Fäkalien bewusst verschmiert? Alicia Bischoff vermag es, die Brüche in ihrer Figur zu verkörpern, ihrer Verunsicherung eine Stimme zu geben. Ihre abschließende Wandlung hin zu Eigenständigkeit und dem Auszug aus dem Elternhaus spielt sie energisch: Als Abschied vom braven „Fräulein“ als Bedienung im Café Mondial, in bewusster Abkehr von allen Tugenden wie Fleiß, Bemühen und Leistung, welche ihre Eltern für den Integrationsprozess als so wichtig erachtet haben. Mit der leidenschaftlichen Botschaft, als Mensch gesehen werden zu wollen, und nicht mehr als die Migrantin, die sich anzupassen hat. Eine Botschaft, die in heutigen Zeiten so wichtig ist wie selten.
Erschienen am 13.3.2025