Auftritt
Let’s burn down the patriarchy
Wooooow!-Momente bei La Churry auf dem CircusDanceFestival
Assoziationen: Nordrhein-Westfalen Zirkus Dossier: Festivals
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Ein Bild für die Götter: eine klapprige Leiter. Darauf Gina Segura alias La Churry, die selbsternannte Goddess des Abends – und zu ihren Füßen fünf von ihr auserwählte Männer aus dem Publikum. Es ist einer jener WOOOOOOOW-Momente, in denen sie selbstironisch mit Zirkusbildern spielt: Man erwartet den Trommelwirbel – und bekommt stattdessen popkulturelle Banger, zeitgenössischen Zirkus. Diese magische Stunt-Show ist alles andere als „B1-tauglich“ – nicht brandsicher, sondern explosiv. Nicht nur, weil sie am Ende durch einen brennenden Feuerreifen auf ihrem Motorrad verschwindet, sondern vor allem, weil sie Probleme nicht löst, sondern neu definiert. Doch zurück zum Anfang. Zu dem Moment, als noch die Frage im Raum steht, ob sie der großen Ansage „This is the night I change your life“ überhaupt gerecht werden kann.
Im Sonnenuntergang brettert La Churry zu „Highway to Hell“ auf ihrer Harley in die 360°-Aerial-Stage. Sofort ist klar: Diese Clown kommt nicht in die moderne Manege, um harmlos zu unterhalten. Eher, um zu destabilisieren – und das im besten Sinne. Oder, um es mit Britney Spears‘ „Circus“ zu sagen: „She’s like the ringleader. She calls the shots.“
Mit einem Schlag auf ihre Leder-Montur setzt La Churry den Ton: In ihrer Show begnügt sie sich nicht damit, Männercodes anzulegen – sie eignet sie sich an und fordert sie heraus. Genau hier setzt ihr feministisches Clowning an: nicht als moralische Anklage, sondern als performative Praxis. Vor jeder Nummer: „Let’s burn it“ – ein Echo, das unweigerlich an „Let’s burn down the patriarchy“ erinnert. Und doch kippt der Abend nie ins Dogmatische. Denn sie lädt ein, das zentrale Prinzip des Clowning gemeinsam zu erfüllen: Das eigene Ego nicht zu ernst nehmen, aber die Situation – das Empowerment-Spektakel – umso mehr.
Im Verlauf entwickelt sie sich zur zärtlichen Dompteurin. Sie übernimmt klassische Machtgesten – Kontrolle, Befehl, Inszenierung von Risiko – und besetzt sie neu. Immer wieder wählt sie Männer aus dem Publikum, befiehlt ihnen – mit einer Mischung aus Autorität und Fürsorge – sich beispielsweise auf den Boden zu legen, den Kopf sanft auf ein Kissen gebettet. Dann wieder als klassische Dompteurin erzeugt sie Spannung durch kontrolliertes Risiko: Es wirkt gefährlich, doch sie zähmt die Gefahr und schenkt dem Publikum Sicherheit. Und sie dirigiert ihre Pointen, bevor man sie erwarten kann: „If you have problems in your life? I break them in two.“ Sie zieht eine Spur mit weißem Puder über den Boden – und über den Körper des auf dem Boden liegenden Mannes, schwingt sich auf ihre Maschine. Das „Problem“, das sie zu zerteilen versprochen hat, liegt nun buchstäblich vor ihr. Reifen quietschen.
Dennoch rennen die Männer immer wieder freiwillig auf die Bühne. Sicherlich, da ist der soziale Druck des Live-Moments, die Blicke des Publikums, die implizite Aufforderung, mitzumachen. Und doch ist entscheidend: Segura zwingt sie nicht, sie lädt sie ein – und prüft sie zugleich.
So auch an der Leiter: Noch bevor sie diese erklimmt und mit jeder Stufe die Spannung steigert, testet sie den Bizeps der fünf Herren der Schöpfung, denen sie gleich in die Arme springt. Die Reaktionen sind verschieden: Hingerissenes Erstaunen folgt auf neutrale TÜV-Prüfung und auch harte Wertung: „Informatik“ – ihr augenzwinkernder Kommentar auf einen eher schmalen Bizeps. Doch aussortiert wird er nicht, bleibt Teil der Auswahl. Oben angekommen: „Silence, I’m gonna do contemporary circus.“ Gerade als der Spannungsbogen seinen Höhepunkt erreicht, fällt ihr Kaugummi aus dem Mund. Sie lässt ihn von einem der Männer aufheben.
Was folgt, ist ein zentraler Moment des Abends: Sie bietet ihm die Aussicht auf Applaus, auf Anerkennung – wenn er den verschmutzten Kaugummi in den Mund nimmt. Ein Spiel mit Ekel, sozialem Druck und einem gesundheitlich riskanten „Come closer“, getreu dem Motto der diesjährigen Festivalausgabe. Sie reizt die Situation aus, lacht, lässt das Publikum ihn anfeuern. Und doch: Sie überschreitet die Grenze nicht. Der Mann lehnt ab. Sie akzeptiert.
Genau darin liegt ihre Kunst. Nicht im Überschreiten, sondern im Sichtbarmachen von Grenzen – und im Respektieren derselben. Sie springt.
Die WOOOOOOOW-Momente dieses Abends entstehen nicht nur aus spektakulären Bildern, sondern aus einem klugen, leicht zynischen und zugleich fairen Umgang mit dem zeitgenössischen Zirkus selbst. Feministisches Clowning zeigt sich hier als Praxis der Verschiebung: Macht wird nicht zerstört, sondern umverteilt. Risiko wird nicht negiert, sondern neu gerahmt. Nähe wird hergestellt – ohne Übergriff.
Gerade weil sie die Männer nicht bloßstellt, sondern sich um sie kümmert, sie ins Wanken bringt, ohne sie fallen zu lassen, entsteht eine komplexe Dynamik: Die vermeintliche Stabilität von Männlichkeit beginnt, sichtlich zu schwanken – und mit ihr die Gewissheiten des Publikums. Am Ende bleibt etwas Unerwartetes: Leichtigkeit. Vielleicht ist das die stärkste Geste dieses Abends. Neben aller Schärfe, neben aller Kritik steht immer auch ein Angebot: „Take the risk and have fun.“
Im Anschluss an die Show treffe ich die ausgewählten Personen aus dem Publikum. Es entsteht ein Chor der Herren der Schöpfung: Wie fühlt es sich an, La Churry aufzufangen? Wer hätte den Kaugummi gegessen? Und hat La Churry ihr Leben wirklich verändert; schließt der Informatik-Bizeps nun ein Probeabo im Gym ab?
Erschienen am 28.5.2026

















