Theater der Zeit

Kommentar

Schluss mit Uffklärung

Jürgen Kuttners Videoschnipsel-Serie an der Berliner Volksbühne endet am 9. Juni

von Thomas Irmer

Assoziationen: Berlin Volksbühne Berlin

Das seit langem etablierte Schlussritual, ein Video von Joseph Beuys, der mit einer Band „Sonne statt Reagan“ singt und dabei sein Kabelmikro zum Propeller macht, wurde auch in der 183. Ausgabe „Von Mainz bis an die Memel“ analysiert. Jürgen Kuttner sezierte dabei die Mimik des Künstlers zunächst ‚frame by frame‘, wie immer wortreich berlinernd mit einem kleinen Stapel Moderationskarten in der Hand, der dann beidhändig auf Kante geschlagen wird, kurz bevor der stumme Kompagnon André Meier an seinem im Halbdunkel stehenden Tisch auf die Videoabspieltaste drückt.

Der Schnellsprech-Moderator („dann kommt noch was an, wenn Sie schon auf dem Heimweg sind“) hatte sich im KBB der Volksbühne nach den nächsten Terminen im Herbst erkundigen wollen und dabei erfahren, dass mit dem Intendanzwechsel zu Matthias Lilienthal Schluss für seine Abende sei, wie aus der Berliner Zeitung zu erfahren war. Eine ganz diskrete Art der Nichtverlängerung, die Kuttner fast die Sprache verschlug und ihm das Leit- und Leidmotiv für den vorletzten Abend lieferte: Sterben und Leben am Rande zum Tod.

So gab es neben den Bildern von der Beerdigung des Sowjetimperators Leonid Breschnew, dem im offenen Sarg der Mund aufgeklappt war, und einer bizarren Reportage über eine Wärmestube für Alte auf einem Friedhof auch einen frohgemuten Clip  des britischen Senioren-Chors Simmers, der den Klassiker „My Generation“ von The Who singt, wobei der fast 90-jährige Solist mit der Zeile „Hope I die before I get old“ dem Ganzen noch die Krone aufsetzt.

Das Format der kommentierten Videoschnipsel entstand in den späten 1990er Jahren an der Volksbühne aus den medialen Trümmern des Kalten Kriegs. Kuttner bediente sich der TV-Archive in Ost und West und entdeckte in Magazin- und Musiksendungen Sachen, die er in seinen Deutungen an aktuelle Themen heranführte. Unvergessen etwa die feministische Volte, die er vom Philosophen Descartes (cogito ergo sum) zum Siebziger-Jahre-Schlager „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“ von Juliane Werding schlug. Da holte der promovierte Kulturwissenschaftler das ganz große Besteck raus.

Formale Anregung erhielt Kuttner von einer der verhasstesten Sendungen des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzlers „Der schwarze Kanal“, in der der ultrascharfe Propagandist (im Volksmund Sudel-Ede genannt) Ausschnitte aus dem Westfernsehen als Belege für den baldigen Untergang des Kapitalismus einordnete. Die Moderation war freilich nicht so hintersinnig doppelbödig wie Kuttners Ansprachen, die Annett Gröschner in TdZ 12/01 nach der XXX. Ausgabe (stets in römischen Zahlen) als eine der „Aufklärung verpflichteten Dramaturgie“ beschrieb. Der Volksbühne kommt neben den Videoschnipseln auch noch ein anderes von Kuttner erfundenes Format abhanden: Die Live-Aufführung der so genannten „Elefantenrunde“ nach Bundestagswahlen, bei der Kuttner als im Sprechtempo gebremster Moderator zusammen mit Suse Wächters Puppenspieler:innen die unsäglichen Politphrasen zur Kenntlichkeit entstellen. Man wird sich erinnern, denn Lilienthal, der in jedem Interview das Bekenntnis zu den Traditionen von Castorfs Volksbühne betont, setzt ausgerechnet jene vor die Tür, die diese mitgeprägt haben – und nun ohne Nennung von Gründen anderen weichen müssen Gut, man könnte sagen, das Material, mit dem Kuttner arbeitet, ist nachgeborenen Generationen gar nicht mehr zugänglich. Doch gerade die Form der kommentierten Schnipsel ist in einer TikTok-medialisierten Welt nicht zu unterschätzen – es gäbe dabei einiges zu lernen und uffzuklären.

Erschienen am 28.5.2026

teilen:

Assoziationen

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige