Bericht
Kaleidoskop der Wunden
Der Mladinsko Showcase 2026 in Ljubljana präsentiert das slowenische Theater historisch sensibel, risikofreudig und mit einer bedingungslosen Liebe zum dokumentarischen Erzählen.
von Lina Wölfel
Assoziationen: Europa Dossier: Festivals

Elf retro-perückte Schauspieler:innen sind da. Mit sandigen Nylonstrumpfhosen, dicken, beige-braun gemusterten Faltenröcken, grellorangenen Blusenkleidern aus Grisuten und Hornbrillen, die Honecker neidisch gemacht hätten. Es ist 1974. Das Jahr, in dem Marko Brecelj seine berühmte LP „Cocktail“ veröffentlicht, Jugoslawien Zaire (1971–1997 der Name von Kongo nach der Unabhängigkeit von Belgien) im Fußball mit 9:0 besiegt (was beinahe einen diplomatischen Skandal auslöst), Muhammad Ali erobert den Box-Weltmeistertitel zurück, ABBA gewinnt den Eurovision Song Contest, die türkische Armee besetzt mehr als ein Drittel von Zypern (und zieht eine Grenze, die bis heute besteht), ein Schnellzug aus Belgrad entgleist in Zagreb, wobei 153 Menschen ums Leben kommen, und die Nelkenrevolution beendet die faschistische Diktatur in Portugal.
All das verhandelt Regisseur Tomi Janežič mit dem Ensemble in einer vierstündigen generationsübergreifenden Dokumentarfiktion. Ein Brocken. Basierend auf den persönlichen Geschichten des Teams entwickelt sich ein Kaleidoskop um die Leben und damit verbundenen Schicksale der Bewohner:innen eines Wohnblocks, die auch immer den langen Schatten der jugoslawischen Geschichte und der Transformation vor und nach 1991 in sich tragen. Sie greifen ineinander über, verzweigen sich, gehen auseinander. Und sind dabei mitunter urkomisch. Etwa, wenn Anja Novak und Vito Weis erst ihr Kennenlernen und dann ihre, sich nach langer „Trockenheit“ neu entflammende, Ehe in der Disco Aphrodite zeigen, sich durch den Raum anschauen und eine Art Balztanz aufführen. Oder wenn einige der Männer zu einer Band zusammenkommen und erst den unter dem slowenischen Publikum gut bekannten Hit „Piši mi“ von Drugi Način und dann „Can’t Buy Me Love“ von den Beatles performen und der ganze Saal mitjubelt. Diese Momente brechen schnell in Geschichten von Krankheit und Tod. Es gibt Gruppennummern, in denen alle tanzen. Zwischendurch bricht Regisseur Janežič die Dokumentarfiktion im Mockumentary-Stil auf und erzählt von der Recherchearbeit. Präsentiert sich vor den Orten, an denen das Stück spielt. Ja, auch vor der (ehemaligen) Disco Aphrodite, ruft er seine Eltern an, die sagen, sie wären dort auch gewesen.
Mit diesem Epos eröffnet der Mladinsko Showcase 2026 und präsentiert das slowenische Theater einmal mehr als Labor einer politisch sensiblen und ästhetisch risikofreudigen Theaterpraxis. Über fünf Tage hinweg bündelt die Nabelschau acht Produktionen, die sich fast alle um Fragen von Geschichtspolitik, Gewalt, Staatsräson und Selbstermächtigung drehen. Dabei verschränken sich Hochschularbeiten, Stadttheaterproduktionen und freie Projekte. So entsteht das dichte Mapping eines ganzen ästhetisch-politischen Feldes, in dem Reenactment, dokumentarische Verfahren, Lecture-Performance und postdramatische Montage selbstverständlich ineinandergreifen.
Signifikant ist, wie stark das Programm die jüngere Geschichte Ex-Jugoslawiens, die postsozialistische Gegenwart und Fragen von nationaler Selbstbeschreibung spiegelt. Oliver Frljić, der mit „Damned Be the Traitor of His Homeland“ das Selbstbild der slowenischen Opferrolle im Jugoslawienkrieg frontal attackiert hat, kehrt mit der Produktion „INCUBATOR“ nach Ljubljana zurück. Der Abend ist wohl die am stärksten auf einen aktuellen politischen Brennpunkt bezogene Arbeit des Programms. Ausgangspunkt ist das Al-Schifa-Krankenhaus in Gaza. Inkubatoren, also spezialisierte Geräte, die eine kontrollierte Umgebung für Frühgeborene oder kranke Neugeborene schaffen, stehen hier als Symbol für verletzliches Leben, Schutzbedürftigkeit und die absolute Fragilität von Zivilität im Krieg. Frljić nutzt sie zur Zuspitzung moralischer Fragen nach politischer Verantwortung, der Entwertung von Menschlichkeit und den Grenzen dessen, was sich überhaupt noch als zivilisatorischer Mindeststandard bezeichnen lässt. Ästhetisch findet er dafür eine fast unerträgliche Bilderfolge zwischen dem minutenlangen Lachen über einen Israel-Gaza-Witz, der ins Schreien kippt, einer Kochshow, in der erklärt wird, wie viel – auf Basis der Geiselaustauschzahlen – ein palästinensisches Leben im Vergleich zu einem israelischen wert ist (1 israelisches Gehirn = 17 Palästinenser:innen), oder einem Inkubatoren-Ballett.
Bei „I, David“ von Gabrijel Lazić handelt es sich um eine Arbeit, die an der AGRFT – also im akademischen Umfeld – entstanden ist und damit als Teil einer jüngeren theatralen Recherchepraxis zu begreifen ist, die weniger auf fertige Repräsentation als auf künstlerische Selbstbefragung setzt. Inhaltlich beschäftigt sich der Abend mit der Trans*-Person David, die als Bruce zur Welt kommt. Nach einem Unfall während eines chirurgischen Routineeingriffs, bei dem große Teile seines Penis verbrennen, müssen sich die Eltern für eine geschlechtsangleichende Operation entscheiden. Auf Anraten eines Facharztes, der auf ein interessantes Experiment für seine Forschung zur geschlechtertypischen Sozialisierung hofft, entscheiden sie sich für das weibliche Geschlecht. Bruce ist Geschichte, darf auf keinen Fall erwähnt werden. Brenda will sich aber nicht so recht, wie ein „Mädchen“ verhalten. Für die darauffolgende, jahrelange Suche nach dem Wohlbefinden im eigenen Körper finden Lazić und die Spieler:innen eindrucksvolle, performative Bilder. Als Kaja Petrovič zum Schluss ihren Körper an den Stellen szenisch versehrt, an denen schmerzhafte Eingriffe Davids Körper ermöglichen und das Blut fließt, gleicht das fast der Ikonografie einer Trans*-Heiligen. Deren Leiden soll auch uns befreien.
Auch „Boško and Admira“ arbeitet sich an Bildern ab. Genauer gesagt findet es szenische Assoziationen für eine Fotografie – jene des im Bosnienkrieg erschossenen Liebespaares auf der Vrbanja-Brücke in Sarajevo. Živa Bizovičar macht daraus eine theatrale Untersuchung von Liebe, Gewalt und medialer Ikonisierung. Der Stoff ist doppelt aufgeladen: einerseits als intime Geschichte zweier Menschen, andererseits als Foto, das sich in das kollektive Gedächtnis des Balkan-Kriegs eingeschrieben hat. In sich immer weiter steigernden Durchläufen der Ereignisse von einer Podcast-Story, über mockumentary-ähnliche Interviewsequenzen mit Truppenmitgliedern bis zu Gesprächen mit Angehörigen bleibt die Konsequenz der Grausamkeit des Krieges. Boško und Admira stehen für eine Vielzahl weiterer ermordeter Liebespaare. Familien. Existenzen. Ein Kriegsschauplatz ist auch die Bühne zum Schluss, voller umgeworfener Container, Erde überall. Das Stück tritt als gewaltige Reflexion darüber hervor, wie ein einzelnes Bild historische Wirklichkeit kondensiert, zugleich aber immer auch ihre Komplexität reduziert.
Die Arbeit an historischen Linien setzt sich auch in „Article 55“ fort, einer dokumentarischen, feministischen Produktion über das in der slowenischen Verfassung garantierte Recht, frei über Familienplanung zu entscheiden. Die Grundlage bilden Interviews mit Aktivistinnen wie Helena Verdel, Archivmaterial von RTV Slovenija und private Dokumente der Beteiligten. Der Kampf um reproduktive Selbstbestimmung wird aus einer transgenerationalen Perspektive von Frauenbewegungen sichtbar gemacht, in dem die Performer:innen nicht nur ihre eigene Geschichte erzählen, sondern 2000 vor Christus anfangen. Dabei bleibt der Abend inhaltlich nicht beim verfassungsrechtlichen Thema: Durch inszenierte Partysequenzen und die persönlichen Geschichten der Performer:innen dokumentiert „Article 55“ auch die historische Energie dieser Kämpfe, solidarischer Räume für FLINTA und die Wichtigkeit von Bündnissen.
Das Mladinsko Theater bleibt mit diesem Showcase seiner seit 1955 bestehenden Tradition als Ort, der politische Provokation, performative Innovation und poetische Radikalität verbindet, treu. An der Schnittstelle zwischen Stadttheater, Freier Szene und akademischem Nachwuchs werden hier Geschichte verhandelt, Gegenwart kritisiert und für Zukunft gekämpft..
Erschienen am 25.3.2026


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