Vernetzung
von Valerie Eichmann, Geza Georg Adasz und Stefanie Fischer
Erschienen in: Im Fokus: Freies Kinder- und Jugendtheater – Studien zur Situation 2017–2022 (04/2024)
Assoziationen: Kinder- & Jugendtheater

„Und ich baue dadurch jetzt Kontakte zu diesen Vereinen natürlich auf. Wissen Sie, auf (vertrauter) Basis laufen Geschäfte auch besser. Wenn man mich kennt […] dann sind sie eher dafür geneigt zu sagen: ‚Ah, ja. Okay, […].‘ Also ich telefoniere jeden Tag mit fünf, sechs Leuten, die mich nicht kennen, durch Empfehlung. Aber ich denke –. Ich komme mir vor, wie wenn ich [um] Geld betteln würde. Dabei will ich nur mein Stück –, dass sie mein Stück organisieren.“ (Interviewperson G)
„Also wir haben sehr, sehr viele unterschiedliche Netzwerke. Und dann ist es tatsächlich auch so –. Auch diese Netzwerkarbeit, was ich vorhin schon kurz angedacht hatte, auch im Verband und politischen Bereich, hat mir im Laufe der Jahre auch gezeigt, dass man auch bestimmte Entwicklungen prägen kann. Wenn man sich sozusagen zusammenschließt und für etwas einsetzt. Es dauert manchmal ein bisschen. Aber wir haben im Laufe der Jahre auch viele Sachen auf den Weg bringen können, ändern können.“ (Interviewperson H)
In diesem Kapitel wird dargestellt, mit wem die Interviewpersonen beziehungsweise deren Theater vernetzt sind. Dabei wird zwischen der Zusammenarbeit mit anderen Theaterkünstler*innen, Akteur*innen im Bereich Bildung und weiteren Kooperationspartnern differenziert. In Bezug auf die jeweilige Akteur*innengruppe wird dargestellt, zu welchen Gruppen konkret Kontakt besteht, wer diesen initiiert, was das Ziel der Kooperation ist, und welche Probleme möglicherweise bei der Zusammenarbeit bestehen.
Vernetzung mit anderen Theaterakteur*innen
Wie auch bei den anderen im Rahmen dieses Berichts behandelten Aspekten zeigt sich in Bezug auf die Vernetzung der befragten Interviewpersonen ein breites Spektrum. Ein paar Befragte gaben an, dass sie nicht beziehungsweise wenig mit Kolleg*innen kooperieren beziehungsweise sich mit diesen austauschen oder in formelle Netzwerke eingebunden sind (Interviewperson F, M). Als Grund hierfür wird Zeitmangel angegeben (Interviewperson F, E), aber auch, dass sich andere Künstler*innen stilistisch in anderen Bereichen bewegten (Interviewperson M). Am anderen Ende des Spektrums stehen Akteur*innen, die formellen Netzwerken teils selbst vorstehen oder Sprecher*innenposten besetzen und eng mit der Politik zusammenarbeiten (Interviewperson B, K, I, H).
In Bezug auf die Vernetzung ist darüber hinaus zwischen informellen und formellen Netzwerken zu differenzieren. Als informelle Netzwerke werden Kooperationen mit Kolleg*innen eingestuft, die nicht über einen Verband oder ein Projekt erfolgen. Die Mehrheit der Interviewpersonen berichtet von der Nutzung solcher informellen Netzwerke (Interviewperson A, D, E, F, H, J, L, O, C). Teilweise bestehen diese Netzwerke noch aus Studienkontakten (Interviewperson D, J), teilweise ergeben sie sich aus einer thematischen Nähe zueinander (Interviewperson A). In vielen Fällen ergibt sich die Vernetzung jedoch aus dem lokalen/regionalen Kontext (Interviewperson E, D, F, K, L, J). In einem Fall wurde von einem Kulturstammtisch für Akteur*innen aus der kulturellen Szene berichtet (Interviewperson C). Bei der Kooperation geht es den Interviewpersonen zufolge häufig um künstlerische Zusammenarbeit, etwa in Form von Gastspielen (Interviewperson E), gemeinsamer Durchführung von Projekten (Interviewperson L) beziehungsweise Stücken oder Stückentwicklungen (Interviewperson F), gegenseitiger Vertretung bei Auftritten (Interviewperson E), gegenseitiger Vermittlung von Vorstellungen (Interviewperson O, J) oder Bereitstellung von Kostümen/Bühnentechnik oder Proberäumen (Interviewperson E, J). Eine Interviewperson berichtete zudem von einem informellen Netzwerk eines Bundeslandes, in dem sich im Zuge der Pandemie über die jeweiligen Verordnungen und finanzielle Schwierigkeiten ausgetauscht wurde (Interviewperson J).
In den Interviews wurden darüber hinaus eine Vielzahl formeller Netzwerke genannt, in denen die Theaterakteur*innen organisiert sind. Diese bestehen auch auf lokaler (Interviewperson I, H, K) und Bundesebene (Interviewperson C, H, K, L), die Interviewpersonen sind aber größtenteils in landesweiten Netzwerken organisiert (Interviewperson B, C, D, E, H, I, H, O).1 Dabei handelt es sich um Verbände für Freie Theater, die Freie Szene im Allgemeinen, Freie Darstellende Künste, Puppentheater, Tanz für junges Publikum sowie ASSITEJ (Interviewperson B, E, N, O, H, J, C, K, I, L). Darüber hinaus findet Vernetzung im Rahmen von Festivals beziehungsweise Theatertreffen statt (Interviewperson J, D, H), die auch einen internationalen Austausch ermöglichen. Schließlich wurde von Zusammenarbeit mit Kolleg*innen im Rahmen von Recherche- beziehungsweise Forschungsprojekten berichtet (Interviewperson E, L, N). Hierbei handelte es sich z. B. um ein Netzwerk zur Forschung im Bereich Kinder- und Jugendtheater oder ein Rechercheprojekt zur Sichtbarkeit Freier Theater im ländlichen Raum (Interviewperson N, E). Hinsichtlich der Vernetzungsmöglichkeiten im ländlichen Raum gaben Interviewpersonen zu bedenken, dass diese aufgrund längerer Fahrtwege erschwert seien (Interviewperson C). Durch die COVID-19-Pandemie habe sich aber der Austausch vermehrt, beispielsweise über Zoom-Konferenzen (Interviewperson C, J). Diese formellen Netzwerke fungierten als Ansprechpartner*innen für die Politik und Verwaltung, etwa für Senate oder Kulturbehörden (Interviewperson H, I). Auf diese Weise könnten beispielsweise Konzeptionen für sinnvolle Fördermöglichkeiten von Kinder- und Jugendtheatern eingereicht und entsprechende Etats aufgebaut werden (Interviewperson H).
Austausch mit Kolleg*innen auf internationaler Ebene spielt nur für wenige der befragten Interviewpersonen eine Rolle (Interviewperson B, D, N), etwa für eine Theaterkünstler*in in einer Grenzregion Deutschlands (Interviewperson B) oder für eine*n Theaterschaffende*n mit eigener internationaler Arbeitserfahrung, der*die die Kontakte in den Theaterbetrieb einbringt, um ein globales Netzwerk für das Theater zu knüpfen (Interviewperson N).
Kooperationspartner im Bereich Bildung
Die Kooperationspartner der Theater der Interviewpersonen im Bereich Bildung sind Kitas, Kindergärten (Interviewperson B, C, F, H, J, M, O, N) und Schulen verschiedener Schulformen, darunter Grund-, Förder- und weiterführende Schulen (Interviewperson A, B, C, F, H, O, C, G, L, M, I, L). Dabei werden sowohl Gastspiele bei den Kooperationspartnern getätigt als auch Besuche der Kindergärten oder Schulen in den Theatern praktiziert. Dabei müsse das Publikum nicht erst generiert werden, sondern sei bereits vor Ort. Gastspiele erleichterten die Zusammenarbeit, da die Einrichtungen keine Fahrten organisieren müssten (Interviewperson B, H). Dies sei insbesondere im ländlichen Raum ein Vorteil, da stationäre Theater nur schwer zu erreichen seien (Interviewperson H). Eine Interviewperson wand diesbezüglich jedoch ein, dass sich Gastspiele aufgrund von Bühnenbildtransport, Reisekosten oder den geringen Budgets der Schulen finanziell nicht lohnten (Interviewperson E). Aus Gastspielkooperationen entwickelten sich nachhaltige, langfristige Zusammenarbeiten (Interviewperson B). In Bezug auf die Anzahl der kooperierenden Kitas, Kindergärten und Schulen wurden bis zu 70 pro Theaterbetrieb genannt (Interviewperson F). In einem Fall wurde darüber hinaus angeführt, dass Synergien erzeugt würden, wie etwa die Bespielung von Kitas und Altenheimen, wenn diese räumlich nah beieinander lägen (Interviewperson B).
Der Kontaktaufbau zu den Kooperationspartnern gelingt in wenigen Fällen über persönliche Kontakte der Interviewpersonen (Interviewperson B, G), darunter über das Netzwerk durch frühere Tourneetätigkeit (Interviewperson J). In ein paar Fällen nehmen die Interviewpersonen selbst Kontakt auf per Post oder Fax (Interviewperson F, I) – das Vorgehen der „Kaltakquise“ wird jedoch als sehr aufwendig eingestuft (Interviewperson L). In wenigen Fällen treten die Kitas, Kindergärten beziehungsweise Schulen selbst an die Theater heran (Interviewperson H, L, J). Vielversprechender scheint die Ansprache über den Zugriff auf Netzwerke zwischen Bildungseinrichtungen und Theatern zu sein, in denen meist mehrere Theater vertreten sind (Interviewperson D, I, J, K) beziehungsweise über Projekte, die Kontakte zu einer Vielzahl von Schulen herstellen (Interviewperson K, N, A, C). Die Netzwerke werden dabei teilweise über Kommunen beziehungsweise Bundesländer gefördert (Interviewperson I, K, C). Bei den Theaterprojekten gehe es z. B. darum, dass die Schüler*innen die Theater erkunden könnten sowie Workshops und Projektwochen mit ihnen veranstaltet würden (Interviewperson K). In einem Fall wird vom „Kulturagenten“-Projekt berichtet, bei dem Kulturagenten als Mittler*innen zu Schulen aufträten und sich dort um kulturelle Entwicklung bemühen (Interviewperson N). Die Projektarbeit wurde von einer Interviewperson als eine „Win-win-Situation“ beschrieben, da die Schulen Zugang zu Kunst und Kultur von den Theatern bekämen und die Theater im Gegenzug Kontakt zur Zielgruppe (Interviewperson K). Solche Projekte könnten als „Initialzündung“ der Verbindung von Theatern und Schulen fungieren und unterstützten damit langjährige Verbindungen (Interviewperson C).
Aspekte, die die Zusammenarbeit mit Kitas, Kindergärten und Schulen erschwerten, seien, dass keine Räumlichkeiten zur Aufführung der Stücke zur Verfügung gestellt werden könnten (Interviewperson G), aber auch, dass in den Einrichtungen das Wissen in Bezug auf die Beantragung von Fördergeldern zur Subventionierung der Auftritte fehle (Interviewperson B). Mehrfach genannt wurde zudem, dass die personellen Ressourcen nicht ausreichten, um die Kooperation mit den Theatern abzustimmen (Interviewperson B, O, L). Aber auch ein Theater gab an, keine Ressourcen zur Pflege der Partnerschaften mit Schulen zu besitzen (Interviewperson D). Einige Interviewpersonen wiesen zudem darauf hin, dass die Zusammenarbeit während der COVID-19-Pandemie deutlich erschwert gewesen sei aufgrund von Maßnahmen zur Kontaktreduzierung (Interviewperson N, G, A).
Andere Kooperationspartner
Fast alle Interviewpersonen nannten darüber hinaus eine Reihe von Kooperationspartnern, die nicht dem Bereich Bildung zuzuordnen sind. Zu den Kooperationspartnern gehören neben naheliegenden Akteur*innen wie Kultureinrichtungen und Veranstaltungsorte (Interviewperson A, C, H, J), Einrichtungen von Politik und Verwaltung, wie etwa Kultur- und Integrationsbüros oder Stadtteilkoordinator*innen, (Interviewperson F, G, L), Soziokulturelle Zentren (Interviewperson B, G, I, J, L) und Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit (Interviewperson D, F, I, G, K, M) auch soziale (Interviewperson G, I, K) und kirchliche Einrichtungen (Interviewperson K, L) sowie lokale Vereine (Interviewperson B, K, L), darunter Vereine zur Inklusion, Migrant*innenvereine (F, G, K) oder die Freiwillige Feuerwehr. Weitere in den Interviews genannte Kooperationspartner, die sich keiner der vorgenannten Kategorien zuordnen lassen, sind Unverpackt-Läden, ein Repaircafé (Interviewperson A), Altenheime (Interviewperson B, D), Aktion Mensch, Banken (Interviewperson C, B), ein Nachbarschaftshaus (Interviewperson D); NGOs (Interviewperson L), lokales Handwerk (Bühnenbildhauer) (Interviewperson L) und schließlich Zusammenschlüsse auf bezirklicher Ebene im Bereich Kinder- und Jugendbildung (Interviewperson N).
Die Kooperationspartner werden dabei für verschiedenste Zwecke genutzt. Manche der Akteur*innen, darunter Altersheime, Kinder- und Jugendzentren sowie Einrichtungen aus dem Bereich Migrations- und Integrationsarbeit und andere soziale Institutionen (Interviewperson D, F, L, M, G), fungieren als Kund*innen, indem sie die Künstler*innen für Auftritte oder theaterpädagogische Workshops engagieren. Andere Einrichtungen wie soziokulturelle Zentren oder Kirchengemeinden (Interviewperson G, L) stehen als Veranstaltungsorte für Proben oder Auftritte zur Verfügung. Manche der genannten Akteur*innen dienen zudem als Partner*innen bei der Realisierung von bestimmten Projektformaten (Interviewperson A, D, G, I, C). So wurden beispielsweise Unverpackt-Läden und Repair-Cafés für ein Ressourcenschonungsprojekt (Interviewperson A) oder die örtliche Sparkasse und Feuerwehr für Projekte zu Berufsbildern (Interviewperson B) eingebunden. Ein Inklusionsverein wurde überdies zur eigenen Weiterbildung zu dem Thema genutzt (Interviewperson L).
Des Weiteren arbeiteten die Theaterakteur*innen mit ihren Kooperationspartnern zusammen, um sich zu bestimmten Themen auszutauschen, wie etwa mit Akteur*innen auf bezirklicher Ebene zur Situation von Kindern und Jugendlichen (Interviewperson N) oder mit Mitgliedern eines Kulturverbandes (darunter Museen und Literaturzentren), um Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung im Kulturbereich auszuloten (Interviewperson H). Ein letztes Ziel der Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern ist die (politische) Einflussnahme auf Kulturarbeit durch Vernetzung mit Multiplikator*innen im Bereich Kinder/Jugend/Kiezarbeit, mit lokalen Playern, sozialen Organisationen, Jugendeinrichtungen oder auch dem regionalen Kulturbüro (Interviewperson B, I, F).
Als Problem bei der Zusammenarbeit mit soziokulturellen Organisationen wurde von einer Interviewperson die fehlende Verzahnung von Kultur und Soziokultur in der Förderlandschaft – insbesondere für junges Publikum – bemängelt (Interviewperson K). In einem konkreten Projekt habe zudem Kontakt zu vielen Jugendzentren bestanden, aufgrund des Auslaufs der Förderung hätten die Kontakte jedoch nicht mehr gepflegt werden können und seien deswegen abgerissen.
Mangelnde Vernetzung
Nach fehlenden Netzwerken beziehungsweise Erfahrungsaustausch gefragt, gaben nur wenige Interviewpersonen an, keinen Bedarf nach einer Erweiterung ihres Netzwerks zu haben (Interviewperson F, N). Dagegen drückte ein Großteil der Befragten sowohl den Wunsch nach einer stärkeren Vernetzung mit Kolleg*innen (Interviewperson J, D, E, L, K) als auch mit anderen Kooperationspartnern (Interviewperson B, C, I, K) aus. Als relevante Kooperationspartner wurden hierbei von jeweils einer Interviewperson die umliegende Gemeinde (Interviewperson B), ein*e Kulturbeauftragte*r (Interviewperson C), Stadtteilzentren (Interviewperson I) und Jugendzentren (Interviewperson K) angeführt. In Bezug auf Kolleg*innen wurde konkret eine bessere überregionale Vernetzung sowie ein Austausch mit Kolleg*innen, die selbst den Generationenwechsel einer Spielstätte durchlaufen hätten, angestrebt. Als konkrete Themen, in denen sich mehr Austausch gewünscht wird, wurden von einer Interviewperson die Beantragung von Fördergeldern und der Umgang mit Pressekontakten genannt (Interviewperson E). In den Interviews wurden verschiedene Gründe für die mangelnde Vernetzung thematisiert. Am häufigsten wurden jedoch fehlende zeitliche Ressourcen angeführt (Interviewperson H, L, M, O). Darüber hinaus koche jede*r „sein eigenes Süppchen“ (Interviewperson E) beziehungsweise seien andere Kolleg*innen nicht an Austausch interessiert (Interviewperson J). Der Grund dafür sei, dass die Theater zueinander in Konkurrenz stünden und sich entsprechend voneinander abgrenzen wollten (Interviewperson K, J). In einem Fall wurde schließlich erklärt, dass das Ensemble nicht am Arbeitsort wohne, was die Vernetzung am Ort der Spielstätte erschwere (Interviewperson E).
1 In einem Fall wurde auch ein bundeslandübergreifendes Netzwerk ostdeutscher Theaterakteur*innen genannt (Interviewperson I).



















