Theater der Zeit

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Auftritt

Bayerische Staatsoper München: Ein Opernthriller

„Of One Blood“ von Brett Dean. Libretto von Heather Betts nach Texten von Mary Stuart und Elizabeth Tudor (UA) – Musikalische Leitung Vladimir Jurowski, Inszenierung Claus Guth, Bühne Etienne Pluss, Kostüme Ursula Kudrna, Sounddesign Bob Scott & Sven Eckhoff

von Teresa Pieschacón Raphael

Assoziationen: Theaterkritiken Bayern Dossier: Uraufführungen Claus Guth Bayerische Staatsoper München

An der Bayerischen Staatsoper in München verwandelt Claus Guth Brett Deans neue Oper „Of One Blood“ in ein hochspannendes Kammerspiel über Macht, Einsamkeit und weibliche Selbstbehauptung.
An der Bayerischen Staatsoper in München verwandelt Claus Guth Brett Deans neue Oper „Of One Blood“ in ein hochspannendes Kammerspiel über Macht, Einsamkeit und weibliche Selbstbehauptung. Foto: M. Rittershaus

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„Warum denn dieser alte Stoff mit den beiden Frauen?“, nölte ein Mann aus dem Publikum noch vor der Vorstellung zu seiner Begleiterin. Ohne Säbelrasseln und männliche Götter und Helden, möchte man hinzufügen. Drei Stunden später war vom besagten Zuschauer nichts weiter zu hören als laute Bravorufe. Womöglich lag dies an der ebenso präzisen wie bildgewaltigen Sprache des Regisseurs Claus Guth, an den grandiosen Sänger-Darstellerinnen Johanni van Oostrum (Elizabeth I.) und Vera-Lotte Boecker (Mary Stuart).

Doch von Anfang an: Historisch sind sich die Tudor-Königinnen Elizabeth I. und Maria Stuart nie persönlich begegnet, allenfalls auf der Theaterbühne in Friedrich Schillers Trauerspiel bzw. Gaetano Donizettis Oper. Obwohl sie als Cousinen miteinander verwandt und „of one blood“ (von einem Blut) sind. Zwei Juwele „in einer Fassung gebunden“, wie es Elisabeth in einem Brief an Mary schreibt. Rivalinnen werden sie, als es um die Macht in England geht. Dass dieser Kampf nicht in ein ordinäres Eifersuchtsdrama ausartet, ist dem klugen Libretto Heather Betts zu verdanken, das weder romantisiert noch mit weltanschaulichen Botschaften oder billigem Zeitgeist nervt. Aus zeitgenössischen Briefzitaten und historischen Überlieferungen aus dem 16. Jahrhundert setzt sie ein regelrechtes Drehbuch zusammen, das den Schwerpunkt auf die tragischen Verstrickungen zweier einander eigentlich nahestehender Frauen legt. Einsamkeit, Zerrissenheit, die Suche nach Liebe, die ständige Angst um Macht und Leben. Die grausige Logik der Macht wird von der protestantischen Elisabeth I. verlangen, dass sie ihre katholische Cousine, die ebenfalls den englischen Thron beansprucht und in Verschwörungen verwickelt ist, gefangen nimmt und Jahrzehnte später hinrichten lässt.

Heute ruhen beide an einem Ort in der Westminster Abbey – eine im Süd-, eine im Nordschiff. Mit diesem Bild (Bühnenbild: Étienne Pluss) beginnt auch die Oper: Zwei tonnenschwere Sarkophage stehen in zehn Meter Entfernung im keimfreien weißen Bühnen-Raum, gekrönt von einem hölzernen Baldachin im Renaissancestil. Die linke Bühnenhälfte wird zum Terrain der Tudorkönigin Elisabeth I. – inklusive üppigem Thron. Der rechte Teil ist Maria Stuart vorbehalten – mit nicht ganz so prunkvollem Stuhl. Dieses zweigeteilte Bild prägt die ganze Inszenierung. Auch musikalisch. Der gestrengen, kontrollierten, unverheirateten Elizabeth werden verfremdete Renaissance-Klänge und das Cembalo zugeordnet, quasi als Alter Ego, wie Cembalist Mahan Esfahani sagt. „Es ist das unkontrollierte 'Es' der Königin. Und ich wusste immer, dass mein Instrument ein bisschen übel ist. Und das kann man endlich auf der Bühne hören.“ Die emotional getriebene und im Affekt handelnde „Königin der Herzen“ Mary erhält die harmonisch gewagtere Klangsprache. Männer spielen eine Rolle, wenngleich keine rühmliche. Elisabeth ist umgeben von intriganten, speichelleckenden männlichen Höflingen in schwarzen historischen Gewändern mit weißen Halskrausen, die ihre Eigeninteressen verfolgen und versuchen, sie zu manipulieren. Und bleibt in ihrem Auftritt doch stets von staatstragender Würde. Mary wird begleitet von einem fünfköpfigen „Female Consort“ im adretten schottischen Karo (Kostüme: Ursula Kudrna). Sie muss sich der Erniedrigungen ihres arroganten Ehemannes Lord Darnley (Liam Bonthrone) erwehren, der nicht nur vor aller Augen ihren besten Freund und Berater Rizzio (Andrew Hamilton) ermordet, sondern als Emporkömmling nicht wahrhaben will, dass sie es ist, die die Königin ist und die Macht hat. Als sie Darneys Ermordung billigt, geht das ihren schottischen Untertanen allerdings zu weit. Maria flüchtet nach England zu ihrer Cousine Elizabeth. Doch dies wird für sie am Ende, nach 19 Jahren Gefangenschaft, zur tödlichen Falle. Ihre Enthauptung wird vor einem hochgefahrenen schwarzen Teppich mit Handbeil-Schattenbewegungen an der Wand effektvoll imaginiert. Souverän lotste Vladimir Jurowski, der bereits Deans zweite Oper Hamlet uraufführte, das Bayerische Staatsorchester durch die Riesenpartitur. 150 Cues bzw. elektronisch verfremdete Klänge wie verzerrte Flüstergeräusche und Cembaloklänge oder das Kratzen einer Schreibfeder auf Papier gingen nahtlos in die Musik über und erweiterten das Ganze zu einem großflächigen Klang-Spektakel. Ein Opernthriller von der ersten Minute an! Jubel für alle Beteiligten.

Erschienen am 19.5.2026

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