Vorwort
von Brigitte Dethier
Erschienen in: Im Fokus: Freies Kinder- und Jugendtheater – Studien zur Situation 2017–2022 (04/2024)
Die Jahre zwischen Frühjahr 2020 und Frühjahr 2023 waren maßgeblich geprägt durch die einschneidenden Auswirkungen der COVID-19-Pandemie. Der Lockdown von Kultureinrichtungen machte nicht nur im metaphorischen Sinn einen Neustart notwendig. Insbesondere Theater und Künstler*innen, die für ein junges Publikum tätig sind, sahen sich plötzlich in einer ernsten Krise, denn das Kernanliegen ihrer Arbeit war nicht mehr möglich: die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen im Theater. Die Umstände führten auch dazu, dass Kinder und Jugendliche extreme Einschränkungen in ihrem Alltag hinnehmen und auf fast alles, was mit Begegnungen, Kultur, Freizeit und Spaß zu tun hat, verzichten mussten.
In diesem Kontext war die Initiierung des Programms NEUSTART KULTUR durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien von entscheidender Bedeutung. Im Rahmen dessen hat die ASSITEJ e.V. mit NEUSTART KULTUR – Junges Publikum eine Förderlinie entwickelt, die auf die spezifischen organisatorischen, inhaltlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Theater für junges Publikum eingeht. Ziel der Förderung war es, die schwerwiegendsten Auswirkungen der Pandemie für Freie Kinder- und Jugendtheater abzumildern.
Die Darstellenden Künste für junges Publikum in Deutschland zeichnen sich durch eine große künstlerische und organisatorische Vielfalt aus. Um die Bedarfe dieser facettenreichen Landschaft – angefangen bei kleinen Ein-Personen-Theatern bis hin zu eigenständigen Kinder- und Jugendtheaterhäusern – besser darstellen zu können, war es unerlässlich, insbesondere die wirtschaftliche Lage der Freien Kinder- und Jugendtheater zu evaluieren. Die vorliegende Studie setzt sich mit der Situation vor und während der COVID-19-Pandemie auseinander und verdeutlicht zum Beispiel, was für eine enorme Anzahl an Aufführungen Freie Theater realisieren und welche Strecken sie zurücklegen, um Theater zu Kindern und Jugendlichen in Schulen, Kitas und Jugendfreizeiteinrichtungen zu bringen. Sie zeigt aber auch die prekären Bedingungen, unter denen viele Theaterakteur*innen für junges Publikum arbeiten, um jungen Menschen niedrigschwellig – das heißt auch zu geringen Eintrittspreisen – Theatererlebnisse zu ermöglichen.
Kinder haben ein Recht auf die Beteiligung am kulturellen und künstlerischen Leben. Theater für junges Publikum bieten ihnen die Möglichkeit, dieses Recht einzulösen. Der Zugang zu den Darstellenden Künsten sollte nicht davon abhängen, ob ein Kind auf dem Land oder in der Stadt aufwächst und ob seine Eltern arm oder wohlhabend sind. Menschen, die schon in ihrer Kindheit Zugänge zu den Künsten gefunden haben, profitieren oft ihr ganzes Leben davon. Deshalb brauchen wir eine kulturelle Grundversorgung mit Darstellenden Künsten für junge Menschen.
Die vorliegenden Studien stellen die bisher umfassendste Datenerfassung über Freie Kinder- und Jugendtheater dar und zeigen, zu welchen Bedingungen Theatermacher*innen für junges Publikum aktuell arbeiten. Sie werfen angesichts angespannter Wirtschafts- und Haushaltsdebatten viele Fragen über die Zukunft auf, die es gemeinsam zu beantworten gilt. Die ASSITEJ setzt sich dafür ein, Theater für junges Publikum zu stärken, weil Theater junge Menschen stärkt: Es eröffnet ihnen die Chance, Theater als Ausdrucksmittel, als Reflexionsraum und als Ort zum Sehen, Hören und Fühlen für sich zu entdecken. Theaterpraktische Gruppenprozesse schulen außerdem demokratisches Handeln und fördern das Beziehen von Haltungen – diese Fähigkeiten sind in einem Land, das gerade massive Angriffe auf die Demokratie erlebt, essenziell.


















