Theater der Zeit

Allen Osnabrückern einen herzlichen Glückwunsch!

Erschienen in: Gegen den Alltagsstaub – Theater in Osnabrück – 100 Jahre Theater am Domhof (08/2009)

Assoziationen: Niedersachsen Theater Osnabrück

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Im September 2009 wird das Theater am Domhof 100 Jahre alt. Die vorliegende Dokumentation möchte Ihnen einige Menschen und Ereignisse in Erinnerung rufen, die das Theater amDomhofprägten. Dass hierbei vieles unerwähnt bleibt, liegt in der Natur der Sache. 100 Jahre sind eine lange Zeit. Betrachtet man diesen Zeitraum im Ganzen, fällt jedoch eines auf: Das Osnabrücker Theater wurde zu jeder Zeit durch die Bürger der Stadt getragen. Nicht unkritisch, nicht vorbehaltlos, aber stets engagiert. So ist es kein Zufall, dass in diesem Buch genau davon häufig berichtet wird.

Meine Intendanz in Osnabrück begann vor vier Jahrenmit »Spieltriebe«, einem Festival für zeitgenössisches Theater. Unsere Idee, Theaterstücke von jungen Autoren an vielen verschiedenen Spielorten in der ganzen Stadt zu zeigen, wäre ohne die Begeisterungsfähigkeit der Osnabrücker nicht möglich gewesen: Wir durften das Hellmann- Gelände im Hafen bespielen, Geschäftsleute in der Innenstadt stellten ihre Schaufenster für Werbung zur Verfügung oder beteiligten sichmit kleinen biografischen Geschichten sogar selbst als Akteure. Nicht zuletzt wurden wir auch mit Sachspenden unterstützt.

Gern erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an das Stück »Spargelzeit«, das in einer riesigen alten Halle im Hafen gespielt wurde. Eine junge Bühnenbildnerin hatte die verrückte Idee, die Halle in ein Spargelfeld zu verwandeln. Ihren Enthusiasmus habe ich zwar bewundert, ein kleines Schmunzeln konnte ich mir dennoch nicht verkneifen. Woher sollte denn das Geld dafür kommen, geschweige denn die zehn Bühnentechniker für den Aufbau? Also versuchte ich ihr die Sache auszureden. Die junge Frau hat sich aber davon nicht entmutigen lassen und fand schließlich einen Bauunternehmer, der ihr den Sand kostenlos anlieferte und für die Zeit des Festivals überließ. Da habe ich ziemlich gestaunt. Die Zuschauer, als sie später das große Spargelfeld sahen, übrigens auch.

Die besondere Verbundenheit der Osnabrücker zu ihrem Theater habe ich seither oft erfahren. Sei es bei der Neugründung unseres Kinder- und Jugendtheaters OSKAR, das von den Bürgern zum großen Teil mitfinanziert wird, sei es bei dem Anliegen, jedem Schüler den Theaterbesuch zu ermöglichen. Und sie zeigt sich auch in der Offenheit gegenüber neuen Stücken und Ästhetiken.

Ein Blick in die Geschichte offenbart, dass wir mit unserer Spielplangestaltung durchaus von der Arbeit früherer Intendanten profitieren. Insbesondere in den achtziger Jahren hat das Theater Osnabrück unter dem Intendanten Dr. Erdmut August bewiesen, dass zeitgenössisches Theater in Osnabrück Anklang finden kann.Damals wurde das emmatheater gegründet, eine kleine Spielstätte, durch die sich die Möglichkeiten des Theaters am Domhof erheblich erweitert haben. Heute ist das emma-theater aus Osnabrück nicht mehr wegzudenken und eng mit der Geschichte des Theaters am Domhof verbunden.

100 Jahre Theater am Domhof sind jedoch nicht nur der Anlass für eine Rückschau, sondern bedeuten gleichzeitig auch eine Standortbestimmung des jetzigen Theaters und den Blick in die Zukunft. Welche Funktion hat das Theater heute in der Stadt, der Region und überregional?

Mir scheint es wichtig, das Theater in der Zukunft auch international verstärkt zu öffnen. Das bedeutet zum einen, Künstler aus anderen Ländern für Osnabrück zu gewinnen, und zum anderen, Kooperationen mit Theatern im Ausland einzugehen. So hat das Theater eine dreijährige Partnerschaft mit dem Drama-Theater in Russe (Bulgarien) geschlossen, steht im Gastspielaustausch mit der Partnerstadt Twer (Russland) und kooperiert beim Theaterfestival »Spieltriebe« nun bereits zum dritten Mal mit der Academie Beeldende Kunsten Maastricht (Niederlande). Ich finde, wir haben als Theater auf kultureller Ebene die Chance, zumso oft von der Politik propagierten Zusammenwachsen von Europa tatsächlich ein kleines Stück beizutragen. Außerdem möchte ich die durch die Begegnungen mit anderen Kulturen erhaltenen Impulse auf gar keinen Fallmissen.

Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Theaters am Domhof hielt der Frankfurter Feuilletonist und Theaterkritiker Dr.Günther Rühle eine Rede mit dem Titel »Brauchen wir noch ein Stadttheater?«. Gleich am Anfang zitierte er den Autor Karl Kühling, der in vielen Publikationen die Osnabrücker Theatergeschichte dokumentierte und einmal rückblickend schrieb: »In Osnabrück ist das Theater nicht nur eine Sache des Geistes und des Kunstsinns, es ist eine Sache des Herzens.« Rühle selbst schließt mit den Worten: »Nur was man braucht, hat einen unermesslichenWert.«

Dass Osnabrück sein Theater braucht, ist keine Selbstverständlichkeit. Dieses Bedürfnis muss immer wieder neu geweckt werden. Dafür wünsche ich uns allen für die Zukunft weiterhin genug Herz und Tatkraft.

Holger Schultze
Intendant des Theaters Osnabrück

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