Theater der Zeit

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Vorbemerkung

Erschienen in: Das Reale der Perspektive – Der Barock, die Lacan’sche Psychoanalyse und das ‚Untote‘ in der Kultur (07/2013)

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1922 veröffentlichte Walter Benjamin seinen Essay »Erfahrung und Armut«, der eine katastrophische Entwertung von Wissensbeständen, Überlieferungen und handwerklichen Kenntnissen zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieb und der heute zu seinen meistzitierten Arbeiten gehört. Besonders eindrücklich ist Benjamins Schilderung der technisierten Schlachten des 1. Weltkriegs, deren unendlich nichtende Gewalt nicht mehr zur Mitteilung oder Erfahrung taugte:

Nein, soviel ist klar: die Erfahrung ist im Kurse gefallen und das in einer Generation, die 1914 – 1918 eine der ungeheuersten Erfahrungen der Weltgeschichte gemacht hat. Vielleicht ist das nicht so merkwürdig wie das scheint. Konnte man damals nicht die Feststellung machen: Die Leute kamen verstummt aus dem Felde? Nicht reicher, ärmer an mitteilbarer Erfahrung. Was sich dann zehn Jahre danach in der Flut der Kriegsbücher ergossen hat, war alles andere als Erfahrung, die vom Mund zum Ohr strömt. Nein, merkwürdig war das gar nicht. Denn nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch den Hunger, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken, und in der Mitte, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige gebrechliche Menschenkörper. (1)

Nun spricht Benjamin speziell in dieser Passage zwar mit äußerster Konkretion von den historischen und vor allem technologischen Umbrüchen seiner Zeit. Zugleich scheint er aber auf eine grundsätzlichere Bedingung dessen zu zielen, was man, mit einem unzulänglichen Begriff, Moderne nennt: auf die immer wieder anders aktualisierte Erfahrung eines Erfahrungsverlustes, den immer neu erlittenen, aber je nachdem auch ersehnten, Zusammenbruch sämtlicher Kategorien, die das (Alltags)leben strukturieren wollen oder sollen. (2) Und so kommt es, dass »Erfahrung und Armut« auch zum Zeitpunkt, da ich dieses Vorwort schreibe, nichts von seiner diagnostischen Kraft eingebüßt hat, auch wenn die Krisen und Kriege, die das 21. Jahrhundert bislang kenzeichnen, sich noch so sehr von denjenigen unterscheiden mögen, die das frühe 20. Jahrhundert prägten.

Freilich ist Benjamin nicht einfach bei der Diagnose einer grundsätzlichen Armut des »modernen« Menschen stehengeblieben. Vielmehr hat er versucht, die Armut zu einem Ausgangspunkt für einen »neuen, positiven Begriff des Barbarentums« (3) umzuschmelzen: eine gleichermaßen destruktive wie konstruktive Haltung, eine dauerhafte Lust des »Von vorn Beginnens«, die eine rückhaltlose Verpflichtung auf das Experiment einschließt. Als Prototypen solcher positiven Barbaren nennt »Erfahrung und Armut« unter anderem: Albert Einstein, die Kubisten, Paul Klee, Paul Scheerbart, Adolf Loos, Le Corbusier und Bertolt Brecht.

Allerdings findet sich in Benjamins Aufzählung der positiven Barbaren und destruktiven Konstrukteure – und sogar an erster Stelle – ein weiterer Name, der in diesem Zusammenhang wie ein Widerhaken wirken muss: René Descartes nämlich. »So ein Konstrukteur war Descartes«, schreibt Benjamin, »der zunächst einmal für seine ganze Philosophie nichts haben wollte, als die eine einzige Gewissheit: ›Ich denke, also bin ich‹ und von der ging er aus.« (4) Dabei irritiert an dieser Nennung vielleicht weniger, dass der barocke Philosoph insofern eine Ausnahme unter den übrigen Namen darstellt, als diese allesamt zu Benjamins Zeitgenossen zählten – schließlich sah Benjamin im historischen Barockzeitalter einen engen Verwandten seiner eigenen Krisenepoche. Nein, seltsam mutet die Berufung auf Descartes eher deswegen an, weil doch gerade der rationalistische Philosoph des »Cogito« als Gründungsfigur jener Vorstellung des handlungsmächtigen Subjekts gilt, die mit der Wende zum 20. Jahrhundert in ihre entscheidende Krise geriet und die heute vollends obsolet scheint. (5) Wie kommt Benjamin dazu, ausgerechnet inmitten der großen Krise des cartesianischen Subjekts die cartesianische Subjektivität (oder zumindest eine mit ihr verknüpfte Geste) zu erinnern?

Nun hat es im späteren 20. Jahrhundert nach Benjamin ein weiteres theoretisches Projekt gegeben, das sich mit Bezug auf den Barock entworfen und dabei in eigentümlich ambivalenter Weise auf Descartes bezogen hat: die Psychoanalyse Jacques Lacans: »Wie jemand kürzlich bemerkt hat, reihe ich mich – wer reiht mich? ist es er, oder bin ich es? Finesse der lalangue – reihe ich mich eher auf der Seite des Barock ein«, so hat Lacan zu einem späten Zeitpunkt seiner Lehrtätigkeit, in Seminar XX, einmal festgestellt. (6) Und weiterhin ist zwar – nicht überraschend – auch für Lacan das Cogito Descartes’ die wohl expliziteste Formulierung jener verhängnisvollen Bewusstseinsideologie, die als narzisstische Verkennung die Selbstermächtigung des neuzeitlichen Menschen und die ihr entspringenden gigantischen historischen Katastrophen einleitete. Bei allen Verschiebungen im Denken Lacans darf man daher seinen Versuch als eine Konstante ansehen, jedwede philosophische und analytische Praxis zu sabotieren, die sich von der Idee des Cogito als einer selbstidentischen, transparenten Größe herleitet. Dennoch hat Lacan mehrfach mit einer Berufung auf Descartes verstört, die speziell im Umfeld (post)strukturalistischer Theoriebildung skandalös wirken musste und muss. (7) So hat Lacan etwa in Seminar XI, dem Seminar über die »vier Grundbegriffe der Psychoanalyse« von 1964, deutlicher einige Aspekte cartesianischer Subjektivität herausgearbeitet, die für ihn von Interesse waren. Letztlich geht es dabei immer um eine vergessene Rück- oder Kehrseite, die es Lacan zu rechtfertigen schien, das cartesianische Subjekt zu einem Zentrum seines psychoanalytischen Interesses zu erklären: zum »Subjekt des Unbewussten«.

Dabei hat Lacan in besagtem Seminar die Heraufkunft des cartesianischen Subjekts auch im Kontext der frühneuzeitlichen Genese der Perspektivgesetze diskutiert. An diese Verbindung anknüpfend, versucht das vorliegende Buch, die Frage der Perspektive neu und anders zu stellen: als Frage nach ihrer vergessenen »Kehrseite«. Gerade im Feld der Theaterwissenschaft mag das zunächst hoffnungslos anachronistisch anmuten: Geht es heute, in Zeiten »performativer« oder »postdramatischer« Theaterformen (oder was derlei mehr Kategorien sein mögen) nicht von vornherein um ein Theater jenseits von Fluchtpunkt und Perspektive? Ist die Perspektive nicht überhaupt ein diskreditierter und historisch abgeschlossener Fall? Ich möchte demgegenüber die These verfolgen und erproben, dass die Dimensionen der Perspektive weder erkannt sind noch »hinter uns« liegen, da in ihrem Apparat eine Art traumatischer Kern arbeitet, ein »Reales«, dem jede Behauptung eines Jenseits sich zunächst einmal stellen muss. Dieser Herangehensweise liegt nicht zuletzt die, und diesmal keineswegs erfahrungslose, Erfahrung zugrunde, dass jede vorschnelle Verabschiedung (von Perspektive, Subjekt, aber auch von Drama, Guckkasten, Figur etc.) am Ende doch nur umso hoffnungsloser und fataler von ihrem Diesseits eingeholt wird.

Das Problem der Perspektive und ihrer Zähigkeit wird dabei mit einem zweiten großen, nicht minder ambivalenten Thema verknüpft, das nicht zufällig auch Benjamins »Erfahrung und Armut« durchzieht: Die Frage nach dem Diesseits und Jenseits genealogischer Abfolgen. In der Psychoanalyse Lacans kristallisiert sich diese Problematik, ebenfalls mit schwankenden Einschätzungen und unterschiedlichen Akzenten, in der Befragung der Figur des Vaters sowie, explizit in Lacans Spätwerk, ihres möglichen Jenseits. Die unauflösbare Spannung, die zwischen den Vorder- und Rückseiten von Perspektive, Genealogie und Subjekt spätestens seit dem historischen Barockzeitalter besteht und die zwischen totalen Kriegszuständen und überraschenden Bündnissen sehr verschiedene Schattierungen kennt, die auch im 21. Jahrhundert unvermindert wirksam sein dürften und seine politischen wie ästhetischen Diskurse prägen – das ist der Skandal, um den sich die sechs Kapitel und zwei Postskripta dieses Buches drehen.

René Descartes wird von seinen Zeitgenossen und Biographen eine eigentümliche Obsession zugeschrieben: eine rätselhafte Vorliebe für schielende Frauen. Vielleicht lässt sich daraus eine grundsätzliche Lektion ziehen: Je linearer, zielstrebiger und trennschärfer jemand sich, gerade auch in seinem Denkstil, geben mag, desto besessener wird er an irgendeiner Stelle von anamorphotischen Krümmungen, bizarren Abweichungen, monströsen Verdoppelungen oder »trüben« Resten sein. Allerdings lässt sich diese Logik auch in fataler Weise umkehren: Gerade die Lust an der Abweichung oder am Rest, der nicht aufgeht, kann ein umso störrischeres Festhalten an Linearitäten und trennscharfen Setzungen bedeuten, die als unhintergehbare und vielleicht auch unausgesprochene Voraussetzungen von Abweichung und Rest benötigt werden. Die Frage ist darum immer wieder, ob und wie man zu einem Verständnis kommen kann, bei dem ein Rest einerseits nicht mehr Rest von etwas ist (im Sinn einer eingebauten Überschreitung, durch die ein System sich umso besser schließt), obwohl er andererseits auch niemals rein oder autonom und ohne Bezug sein kann. Man kann diesen Zusammenhang aber auch positiv formulieren: Gibt es eine Möglichkeit, gleichzeitig innerhalb und außerhalb von etwas zu sein? Dieses Problem stellt sich natürlich auch und gerade im institutionellen Rahmen der Universität, der einen – ich hoffe inständig: nicht den – unvermeidlichen Hintergrund dieses Buches bildet. Ich danke allen, die, innerhalb außerhalb der Universität, und in jedem Fall immer mitten im Gemenge, zum Zustandekommen dieses Buches beigetragen haben, zunächst vor allem Ulrike Haß, die das Projekt seit seinen Anfängen hervorragend begleitet und betreut hat. Für Einsprüche, Gespräche und Unterweisungen sowie sorgfältige Lektüren danke ich speziell Holger Kuhn und Jasmin Stommel, für das Titelbild Mark Lammert. Für weitere Unterstützung verschiedenster Couleur sei des weiteren Mechthild Heede (†), Günther Heeg, Guido Hiß, Jurga Imbrasaite, Fabian Lettow, Nikolaus Müller-Schöll und Johannes Schmit gedankt, den Mitgliedern des Bochumer Doktorandenkolloquiums sowie, ganz besonders, allen Studierenden, mit denen ich in meinen Seminaren diverse Ideen überprüfen durfte, die in diesem Buch eine Rolle spielen.

 

 

Anmerkungen

1 Walter Benjamin: »Erfahrung und Armut«, S. 214, in: ders.: Gesammelte Schriften II.1 (Frankfurt a.M. 1977), S. 213 – 219.

2 Unzulänglich ist die Rede von der »Moderne« jedenfalls, sofern man sie als Charakterisierung eines Zeitraums oder einer Epoche gebrauchen möchte. Denn die Figur eines kategorialen Einbruchs, der ins Jenseits jeder Erfahrbarkeit führt und auch keine Legitimation in Gott kennt, lässt sich beispielsweise schon im Buch Hiob des Alten Testaments finden. Insofern müsste man Hiob also als eine äußerst »moderne« Gestalt bezeichnen.

3 Benjamin: »Erfahrung und Armut«, S. 215.

4 E bd., S. 215.

5 Jacques Derrida hat übrigens einmal darauf hingewiesen, dass der Begriff »Subjekt« bei Descartes selbst überhaupt nicht auftaucht – ein Hinweis darauf, dass die lange Rezeptionsgeschichte Descartes’ auch eine Geschichte dessen ist, was man psychoanalytisch als »Deckerinnerungen« bezeichnen kann (vgl. Jacques Derrida: »Schurken«, Frankfurt a.M. 2003, S. 67/68).

6 Jacques Lacan: »Vom Barock«, S. 115 (in: ders.: »Encore. Das Seminar Buch XX«, Weinheim/Berlin 1986, S. 113 – 126). Zu den barocken Zügen Lacans vgl. auch: Walter Seitter: »Lacans Barockismus «, in: Claudia Blümle/Anna von der Heiden (Hgg.): »Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie« (Zürich-Berlin 2005), S. 337 – 357.

7 Lacans widersprüchliche Berufung auf Descartes ist vor allem von Slavoj Žižek immer wieder akzentuiert worden (vgl. speziell ders.: »Die Tücke des Subjekts«, Frankfurt a.M. 2001). Viele Aspekte von Žižeks Lacan-Adaption spielen daher auch in diesem Buch eine wichtige Rolle, wenngleich ich speziell ihrer jüngeren Entwicklung kritisch gegenüberstehe.

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