Theater der Zeit

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Vorbemerkung

Erschienen in: Welt Theater Geschichte – Eine Kulturgeschichte des Theatralen (05/2015)

Assoziationen: Theatergeschichte

Szene aus einer Aufführung von Wole Soyinkas Guerilla-Theater in Zaira, Nordnigeria, 1983. Foto Joachim Fiebach
Szene aus einer Aufführung von Wole Soyinkas Guerilla-Theater in Zaira, Nordnigeria, 1983.Foto: Joachim Fiebach

Als das Fernsehen in den 1960er Jahren praktisch jede Wohnung besetzt hatte und sich die Konturen einer audiovisuell durchmediatisierten Gesellschaft abzeichneten, schien es, als könnten theaterkünstlerische Darstellungen, die sich nur im Zeitraum personal unmittelbarer, nicht-mediatisierter Kommunikation realisieren, perspektivisch gesehen jede soziokulturelle Bedeutung verlieren. Ein kritischer historisch-materialistischer Blick in die Geschichten des Theaters, der historischen Kurven und Brüche seiner gesellschaftlichen Funktionen und seiner gestalterischen Formen schien meinem Freund Rudolf Münz und mir unverzichtbar, um die gegenwärtige Situation und, hoffentlich, weitere, künftige Entwicklungen genauer verstehen und so als Theaterforscher produktiv in ihnen wirken zu können. Wir nahmen Anlauf zu einem Buch zur Geschichte deutschen Theaters in ihren komplexen soziokulturellen, auch international-europäischen Verflechtungen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Das Projekt tendiere zu einer Kulturgeschichte, ohne sich in eine allgemeine Kulturgeschichte aufzulösen, schrieben wir 1973. Wir kamen nicht über erste Entwürfe hinaus. Es musste geklärt werden, was es bedeutet, was es impliziert, Theaterkunst als eine sehr spezifische kulturelle Produktion zu sehen. Münz vertiefte sich in die Beschäftigung mit der kulturellen Reichweite des hier verkürzt Commedia dell’Arte genannten Theaters und des Harlekin-Phänomens, ich verfolgte den theatralen Charakter kultureller Vorgänge des Alltags und die Theatralität soziopolitischer Aktivitäten. In meinem Buch zum Theater in Afrika, an dem ich seit dem Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre arbeitete, suchte ich geschichtlich konkrete Zusammenhänge, Korrespondenzen und auch das Gegeneinanderwirken von nicht-ästhetisch dominierten theatralen soziokulturellen Praktiken und ausdifferenziertem Theater bzw. Theaterkunst aufzuzeigen.

Ende der 1980er Jahre setzten wir wieder an, ausgehend von einem von Münz kulturanthropologisch orientierten Aufriss, gemeinsam mehrere Bände zur Geschichte jetzt des internationalen Theaters zu schreiben. Es blieb bei Planungen. Mir war inzwischen die enorme ideologische Wirksamkeit der Darstellungen von Welt in den audiovisuellen Medien klargeworden. Die kritische Untersuchung ihrer theatralen Konstruktionen von Realität erschien mir dringender in einer Gegenwart, in der, wie Manuel Castells schrieb, Politik zu Theater wird, in der gesellschaftliche Auseinandersetzungen vor allem in den und durch die Medien geführt werden und Macht als „capacity to impose behavior“ in den Netzwerken des Informationsaustauschs und durch symbolische Manipulation ausgeübt wird. Nicht zuletzt angestoßen von Georges Balandiers Buch LE POUVOIR SUR SCÈNES suchten die Vorlesungen zu theatergeschichtlichen Linien, die ich bis 1999 an der Berliner Humboldt-Universität hielt, Funktionen und gleichsam mediale Formen theatraler Konstruktionen soziopolitischer Realitäten und ihre Korrespondenzen mit dem ausdifferenzierten Theater historisch von schriftlosen Kulturen bis zur heutigen audiovisuell mediatisierten Gesellschaft zu verfolgen.

Die im Sinne Castells für das Denken und Verhalten der Individuen äußerst wirksamen, apologetisch uniformierten Fernsehdarstellungen des Nato-Einfalls in Jugoslawien im Frühjahr 1999 waren für mich ein einschneidendes Erlebnis. Es zwang zur vertieften Beschäftigung mit den gestalterischen Verfahrensweisen audiovisueller Medien, besonders der selektiven und raffiniert-parteiischen theatralen Konstruktionen gesellschaftlicher Vorgänge des hegemonialen, vorgeblich objektiven Fernsehens, und in diesem Zusammenhang mit den Geschichten nicht-ästhetisch dominierter Darstellungen soziokultureller, politischer und ökonomischer Realitäten überhaupt. Ein Ergebnis war 2007 das Buch INSZENIERTE WIRKLICHKEIT. KAPITEL EINER KULTURGESCHICHTE DES THEATRALEN.

Vorlesungen und Seminare, die ich seitdem an der Freien Universität Berlin hielt, rückten wieder das ausdifferenzierte Theater in den Vordergrund und verfolgten kritisch diskontinuierliche geschichtliche Linien seiner soziokulturellen Funktionen und gestalterischen Formen. Der vorliegende Band vermittelt das Wesentliche des in den Vorlesungen Dargelegten, wie das Projekt der 1970er Jahre nicht zuletzt in der Absicht, mit der kritischen Beobachtung der geschichtlichen Geschicke des Theaters zum produktiven Umgang mit seinen heutigen Dispositionen und Problemen beizutragen.

Ich danke den Studierenden, die zu diesem Buch ermunterten, sowie denen, ohne die es in der vorliegenden Fassung nicht hätte zustande kommen können, besonders den Freunden und Kollegen Antje Budde, Erhard Ertel, Florian Thamer, Maryvonne Riedelsheimer und Lena Schneider, die ich für die verschiedenen Stadien der Manuskriptentwicklung als unerlässliche kritische Zu- und Mitarbeiter erlebte.

Berlin, Februar 2015

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