Theater der Zeit

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Auftritt

Vorarlberger Landestheater Bregenz: Konzert globaler Vielstimmigkeit

„Wax Traders“ von Textfassung Eva-Maria Bertschy und Edwige Dro (UA) – Regie Eva-Maria Bertschy, Musikalische Leitung und Komposition Kojack Kossakamvwe, Bühne Percy Nii Nortey, Kostüme Austin Nortey, Video & Foto Henry Nelson Dezousa & Olga Gubina

von Bodo Blitz

Assoziationen: Österreich Afrika Theaterkritiken Dossier: Uraufführungen Vorarlberger Landestheater

Vielsprachigkeit, Musikalität und handlungsfähige Frauenfiguren: „Wax Trader“ von Eva-Maria Bertschy und Edwige Dro am Vorarlberger Landestheater Bregenz.
Vielsprachigkeit, Musikalität und handlungsfähige Frauenfiguren: „Wax Trader“ von Eva-Maria Bertschy und Edwige Dro am Vorarlberger Landestheater Bregenz.Foto: Anja Koehler

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Das idyllische Bregenz scheint weit entfernt von Afrika. Die kleine Hauptstadt Vorarlbergs liegt idyllisch am Bodensee, umrahmt von den beginnenden Bergen der europäischen Alpen. Den afrikanischen Kontinent kann man selbst vom so beliebten, eigenen Hausberg, dem Pfänder, nicht erkennen. Es bleibt der Kunst in dieser schönen Stadt überlassen, tatsächliche Bezüge herzustellen, über die das Premierenpublikum noch staunen wird.

„Wax Traders“, das neue Stück von Eva-Maria Bertschy, ist eine Co-Produktion von Kaserne Basel und dem Vorarlberger Landestheater. Bertschy arbeitet auch hier mit der GROUP50:50 zusammen. Eine langjährige Recherche seit 2022 liegt dem Stück zugrunde. Eva-Maria Bertschy und Edwige Dro, welche gemeinsam das Theaterstück entworfen haben, beleuchten Paradoxien des globalen Handels. Schwerpunkt der Handlung ist die Goldküste Afrikas, vor allem Ghana. Aus dem Sklavenhandel erwächst dem Land eine finanzielle Ressource. Diese nutzt Ghana, um farbige, bedruckte Stoffe, sogenannte „Wax Prints“, einzukaufen, und zwar in Europa. Was als typisch afrikanisch gilt, eben diese „Wax Prints“, ist ursprünglich in Europa hergestellt. Bertschy und Dro konzentrieren die Handlung auf eine Basler Handelskompanie, der United Trading Company. Über diese UTC läuft der Import der „Wax Prints“. Spätere Einkäufe aus Afrika gelten auch europäischen, luxuriösen Spitzen aus einer Textilfabrik nahe Bregenz, in Lustenau. Bertschy und Dro fokussieren die Handlung klug auf wenige Akteur:innen, einen Handelsmann aus Basel sowie zwei Frauen aus Ghana. Über deren Lebensgeschichte entfaltet sich ihr Kampf um eine Positionierung in diesem globalen Handelsgeflecht.

Diese Kolonialgeschichte ist selbst nicht kolonial erzählt: Zum Glück vermeidet die Produktion einen europäischen Blick auf das dargebotene Geschehen. Das liegt vor allem an der diversen Besetzung. Auf der Ebene des Schauspiels gibt es nur eine europäische Schauspielerin, nämlich die Schweizerin Martina Momo Kunz. Araba Dansowaa Agyare kommt aus Ghana, Jahelle Bonee aus der Elfenbeinküste. Die beiden Musiker Kojack Kossakamvvwe und Jonathan Thshimbombo stammen aus dem Kongo. Das Team hat sich für eine spezifisch afrikanische Spiel- und Erzählweise entschieden. Narration und Dokumentation dominieren. Anstelle von Konzepten steht auch identifikatorische Verkörperung. Vor allem aber ist die Aufführung herausragend musikalisch und ähnelt letztlich dem, was beinahe ein Musical genannt werden könnte. Die Besonderheit liegt vor allem darin, dass die Narration häufig über Lieder funktioniert. Kossakamvves großartige Musik über die Instrumente von Trommeln und E-Gitarre ist ein Mix aus afrikanischen Einflüssen, aus Soul und aus Jazz. Das alles führt zu einer wunderbaren Vielstimmigkeit, die über das Musikalische weit hinausgeht: Auf der Bühne wird Französisch, Englisch sowie das in Afrika der Kolonialzeit typische „broken English“, Schweizerdeutsch, kongolesisches Lingala, ghanaisches Ga sowie Twi gesprochen. Was hält diese, für sich genommen, disparaten Elemente zusammen – die unterschiedlichen Sprachen, das multikulturelle Ensemble und eine Handlung, welche gleich drei Kontinente überspannt? Es ist die Theaterbühne des Vorarlberger Landestheaters. Hier funktioniert die Kommunikation, entsteht der utopische Raum für gelingende Begegnungen. 

Es ist aber nicht nur die Kraft der völkerverständigenden Kunstsprache des Theaters, welche den Zuschauer:innen Energie gibt. Mut macht auch das Bild der beiden afrikanischen Frauen, mit deren Biografie sich die Autorinnen in „Wax Traders“ intensiver beschäftigen – mit Regina und mit Adjoa, beides Händlerinnen aus Accra in Ghana. Sie bedienen kein Stereotyp der ausgebeuteten Schwarzen Frau, sind stark, bleiben handlungsmächtig. Ihr Behauptungskampf im globalen Kapitalismus zeigt Momente des Gelingens und des Scheiterns – ohne moralischen Zeigefinger. Eine große Leistung angesichts einer Thematik, bei der ein Beharren auf Moral etwa im Brecht’schen Sinne nahe liegen würde.

Ein Wort zum Schluss: Die begeisternden Reaktionen des Premierenpublikums scheinen auch der Bregenzer Intendantin Stephanie Gräve zu gelten, die es sich beim Schlussapplaus nicht nehmen lässt, das Ensemble vorzustellen. Gräve ist es seit 2018 gelungen, anspruchsvolles Theater mit Publikumszuspruch zu verbinden. Die Nicht-Verlängerung ihres noch bis 2028 laufenden Vertrages war insofern eine Überraschung, und blieb in der Öffentlichkeit nicht unbeantwortet. Eine große Online-Petition legt davon Zeugnis ab. Zwei Jahre länger über 2028 hinaus wären dem Team von Stephanie Gräve gegenüber für viele angemessen, um die Intendanz nach einer umfassenden Sanierung in der kommenden Spielzeit würdevoll zu Ende zu bringen.

Erschienen am 20.4.2026

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